Mehr als 650.000 Tote im Irak?

By Michael Kreutz · October 11, 2006

Wieviele Tote hat der Irakkrieg gekostet? Nachdem einige Rechenkünstler im britischen Ärzteblatt “The Lancet”, immerhin eine ausgesprochen renommierte Fachzeitschrift, letztes Jahr mit dem Versuch gescheitert waren, die bis dahin angenommene Zahl von ca. 30-40.000 Toten auf 100.000 zusätzlich zu korrigieren, legen sie jetzt (PDF, 244 kb) noch einmal nach: Die neue Methode heisst “national cross-sectional cluster sample survey”, was bedeutet, dass Informationen aus Gruppen von Haushalten aus dem ganzen Irak zusammengetragen wurden. Die statistische Erhebung beruht also auf den Daten von 16 Verwaltungsbezirken à 47 Haushalten (= 1 Cluster), die insgesamt 752 Haushalte ergeben.

Seit der Invasion 2003 sollen demnach 654.965 Iraker gestorben sein, was bedeutet, dass jeder Haushalt etwa 870 Tote zu beklagen hat. Das finden die Wissenschaftler nicht etwa merkwürdig. In der Zeit, in der die Studie durchgeführt wurde, nämlich von Mai bis Juli 2006, wurden 629 Tote gemeldet, also mehr als 200 monatlich, wobei unklar ist, was in jedem Einzelfall die Todesursache war. Hochgerechnet auf drei Jahre müssten es dann 7200 Tote sein, sodass hier eine Differenz von etwa 648.000 Toten bleibt, die die Forscher mal eben so dazurechnen. In der Nachinvasions-Ära liegen die nicht-gewaltsam erfolgten Todesfälle bei registrierten 300, das sind 55% der registrierten Todesfälle.

Ich gestehe, dass ich mich mit der Studie, um ihr zur Gänze gerecht zu werden, noch eingehender befassen müsste. Meine Ausführungen basieren auf einer ersten Durchsicht der Studie, aber mir scheint, dass die empirische Basis sehr dünn ist. Vielleicht findet dieser Beitrag demnächst eine Fortsetzung, vielleicht können aber auch unsere Leser etwas zur Klärung der Frage beisteuern, wie glaubhaft die Studie in Wirklichkeit ist.


Siehe auch:
Zahlensuggestion, 22. Juli 2005.

–––

Ähnliche Beiträge:

Print this post

Comments

2 Responses to “Mehr als 650.000 Tote im Irak?”

  1. Schlens on October 12th, 2006 8:32 pm

    […] dass jeder Haushalt etwa 870 Tote zu beklagen hat […]

    Das versteht man also unter “Grossfamilie”. Kein Wunder, das GWB und das DoD (und andere) diese Zahlen fuer unglaubwuerdig halten :-D

  2. soupchef on October 14th, 2006 11:33 pm

    Öhm, Statistik…!

    Die 648.000 Toten werden ja wohl eine Hochrechnung sein, genauso wie in Deutschland das Bundesamt für Statistik den Mikrozensus (http://www.destatis.de/micro/d/micro_c1.htm) macht und dann aus 1% aller Haushalte Daten für ganz Deutschland berechnet.

    Laut CIA World Fact Book hat Irak ca. 27 Millionen Einwohner, eine Frau bekommt durchschnittlich 4.18 Kinder.

    Laut Lancet Studie:
    “50 clusters were randomly selected from 16 Governorates, with every cluster consisting of 40 households. Information
    on deaths from these households was gathered.
    Three misattributed clusters were excluded from the final analysis; data from 1849 households that contained
    12 801 individuals in 47 clusters was gathered.”

    Demnach besteht ein Haushalt durchschnittlich aus ca. 7 Personen. Im ganzen Irak gäbe es damit bei 27 Mio Einwohnern grob gerechnet 4 Mio Haushalte.
    Von den ca. 655.000 Toten waren ca. 600.000 Opfer von Gewalt (most common cause being gunfire), das heißt ungefähr jeder 6. Haushalt hatte einen (eigenen!) Toten. Innerhalb von 3 Monaten? Nein, zwischen Invasion und Juli 2006:

    “To determine how on-going events in Iraq have affected
    mortality rates subsequently, we repeated a national
    household survey between May and July, 2006. We
    measured deaths from January, 2002, to July, 2006, which
    included the period of the 2004 survey.”

    Und, vielleicht einfacher, die Sterblichkeitsrate hat sich seit der Invasion mehr als verdoppelt (CIA World Fact Book: Death rate: 5.37 deaths/1,000 population)

    “Pre-invasion mortality rates were 5·5 per 1000 people per year (95% CI 4·3–7·1), compared with 13·3 per
    1000 people per year (10·9–16·1) in the 40 months post-invasion.”

Leave a Reply