Warum es mit dem politischen Islam keinen Ausgleich geben kann

By Michael Kreutz · September 16, 2006

Deutliche Worte gegen den politischen Islam, über dessen Programm sich noch längst nicht alle im klaren sind, finden sich in der FAZ. Diese kommen - wen wundert´s - nicht von etablierten Islamwissenschaftlern, die meist jede kritische Distanz zum Objekt ihrer Studien verloren haben. Nein, es muss erst ein Gräzist wie Egon Flaig von der Universität Greifswald auf den Plan treten, um auf ein paar elementare Tatsachen aufmerksam zu machen:

“Dann wollen wir, daß die Fahne des Islam wieder über diesen Landschaften weht, die das Glück hatten, eine Zeitlang unter der Herrschaft des Islam zu sein und den Ruf des Muezzins Gott preisen zu hören. Dann starb das Licht des Islam aus und sie kehrten zum Unglauben zurück. Andalusien, Sizilien, der Balkan, Süditalien und die griechischen Inseln sind alle islamische Kolonien, die in den Schoß des Islam zurückkehren müssen. Das Mittelmeer und das Rote Meer müssen wieder islamische Binnenmeere wie früher werden.” Diese Sätze stammen nicht von Al Qaida; sie finden sich im Programm, das der Gründer der Muslim-Brüderschaft Hassan Al Banna in einer Rede formulierte. Die Bruderschaft zählt heute Millionen und hat sich weit über Ägypten hinaus verbreitet. Ihre Intellektuellen agieren in Europa und in den Vereinigten Staaten; sie gelten als ,moderat” und werden von den Medien entsprechend bedient.

Von wegen, es gehe nur um Israel. Jeder kann es bei Banna nachlesen: Auch Spanien und Griechenland sprechen die Islamisten das Existenzrecht ab.

Christliche Theologen versuchten - angesichts einer Pluralität von Staaten - zu definieren, was ein “gerechter” Krieg war und was nicht; Kriege einzig um des Glaubens willen galten überwiegend nicht als gerecht. Für muslimische Gelehrte ist hingegen das “Haus des Islam” eine politische Einheit, welche keinen inneren Krieg duldet; darum ist allein der Krieg zur Unterwerfung der Ungläubigen legitim gewesen und obendrein Pflicht, wie der berühmte Gelehrte Ibn Chaldun im vierzehnten Jahrhundert kategorisch sagt: “Im Islam ist der Dschihad gesetzlich vorgeschrieben, weil er einen universalen Auftrag hat und gehalten ist, die gesamte Menschheit freiwillig oder gezwungen zur Religion des Islam zu bekehren.”

Und das ist nun ein wirklich guter Grund, warum es keinen Sinn hat, mit Islamisten einen Dialog zu führen. Wer Verständigung sucht, sollte sich an die säkularen Muslime halten - was auf diesem Blog wiederholt gefordert wurde -, also an diejenigen, die sich durch die Vertreter eines politischen Islam nicht repräsentiert sehen und eine Trennung von Religion und Staat akzeptieren.

Flaig, Fachmann auf dem Gebiet der griechischen Geschichte, weist darauf hin, dass im Mittelalter das Märtyrertum im Kampfe auf christlicher Seite keine theologische Grundlage hatte, was eine erhebliche Schwäche im Kampf gegen die vordringenden Muslime bedeutete. Als Kaiser Nikephoros Phokas 963 einen Krieg plante, um Kleinasien und Syrien von der muslimischen Herrschaft zu befreien, wandte er sich an die Bischöfe: Sie sollten Soldaten, die im bevorstehenden Kampf fielen, zu Märtyrern erheben. Die aber weigerten sich. Der Patriarch erklärte, dass Gott allein ein solches Urteil zustehe.

Diese Situation änderte sich erst 1095 mit Papst Urban II., der seinen Mannen das Ziel des Kreuzzuges so beschrieb: “Es ist unabweislich, unseren Brüdern im Orient eiligst Hilfe zu bringen. Die Türken und die Araber haben sie angegriffen und sind in das Gebiet von Romanien (Konstantinopel) vorgestossen (…) Wenn ihr ihnen jetzt keinen Widerstand entgegensetzt, so werden die treuen Diener Gottes im Orient ihrem Ansturm nicht gewachsen sein.” Flaig:

Die ersten Kreuzzüge bezweckten, entweder bedrängte Christen zu Hilfe zu kommen oder die Heiligen Stätten in Palästina zu befreien oder von den Muslimen unterworfene Christen zu befreien. Dagegen hielten die muslimischen Rechtsgelehrten immer am Endziel fest, das “Haus des Krieges” zu erobern und alle Ungläubigen zu unterwerfen.
Urban II. sah richtig. Wäre Konstantinopel schon 1100 gefallen, dann hätte die enorme militärische Kraft der türkischen Heere Mitteleuropa vierhundert Jahre früher heimgesucht. Dann wäre die vielfältige europäische Kultur wahrscheinlich nicht entstanden: keine freien städtischen Verfassungen, keine Verfassungsdebatten, keine Kathedralen, keine Renaissance, kein Aufschwung der Wissenschaften (…) Jacob Burckhardts Urteil - “Ein Glück, dass Europa sich im ganzen des Islams erwehrte” - heisst eben auch, dass wir den Kreuzzügen ähnlich viel verdanken wie den griechischen Abwehrsiegen gegen die Perser.

In derselben Ausgabe derselben Zeitung findet Christian Geyer angesichts der jüngsten Empörung in einigen islamischen Ländern gegenüber den Worten des Papstes die treffenden Worte:

In einer anderen, nicht von Fanatikern aufgeheizten Welt wären die Worte des Papstes kein Problem gewesen. In der Welt, in der wir aktuell leben, sind sie ein Problem. Man weiß doch, was in der konkreten weltpolitischen Situation aus solchen „erstaunlich schroffen“ (Benedikt XVI.) Worten werden kann, selbst wenn sie akademisch korrekt zitiert sind. (…)

Ist das vorangestellt, muß man rasch zur Hauptsache kommen. Denn zur Debatte steht etwas anderes. Die Hauptsache an diesem Eklat ist, daß nichts dem Papst in der Sache so sehr recht gibt wie die Erregung, die jetzt wieder einsetzt, wenn jemand, und sei es der Papst, in der westlichen Welt auf unliebsame Weise von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch macht. Was zeigt mehr als diese völlig unverhältnismäßigen Reaktionen, daß hier das richtige Thema angeschnitten wurde? (…)

Deshalb muß man diesen Eklat jetzt zum Anlaß nehmen, um so klar wie möglich festzustellen: Dieser Eklat ist nur deshalb ein Eklat, weil er von einer Kultur der Unfreiheit zum Eklat gemacht werden kann. Man kann sich das unmöglich bieten lassen. Was bedeutet es etwa, wenn im mehrheitlich muslimischen Kaschmir landesweit die Polizei anrückt, um an den Kiosken des Landes all jene Zeitungen zu beschlagnahmen, die über die Rede des Papstes berichtet hatten? Die Beschlagnahmung erfolgte, wie es von offizieller Seite hieß, um „Unruhen“ zu vermeiden. Was ist das für eine Kultur, in der das Recht auf Information in jedem Augenblick Gewaltexzesse nach sich ziehen kann?

Bravo! Geyer bringt es auf den Punkt: Zurückhaltung im Gebrauch der Meinungsfreiheit führt wird von den Anhängern des politischen Islam nur als Kapitulationserklärung betrachtet. Moshe Sharon von der Hebräischen Universität Jerusalem sieht in eben dieser Ungleichheit der Wertevorstellungen den Grund, warum die Islamische Welt auf absehbare Zeit keinen Frieden mit Israel eingehen wird. So machte er auf der “International Conference on Global Terrorism” im israelischen Herzliya die Perspektivlosigkeit eines solchen Friedens deutlich :

The difference between Judaism, Christianity and Islam is as follows: Judaism speaks about national salvation - namely, that at the end of the story, when the world becomes a better place, Israel will be in its own land, ruled by its own king and serving G-d. Christianity speaks about the idea that every single person in the world can be saved from his sins, while Islam speaks about ruling the world. I can quote here in Arabic, but there is no point in quoting Arabic, so let me quote a verse in English: ‘Allah sent Mohammed with the true religion so that it should rule over all the religions.’ The idea, then, is not that the whole world would necessarily become Moslem at this time, but that the whole world would be subdued under the rule of Islam.

Alle Erklärungen und Abkommen, die Israel mit islamischen Ländern geschlossen hat, sind demnach nur “pieces of paper, parts of tactics and strategies… with no meaning.” Sharon vertritt schon seit langem die Ansicht, dass Judentum und Christentum sich insofern ähnlich seien, als beide Religionen Erlösung in den Mittelpunkt stellten, während das Anliegen des Islam die Vorherrschaft sei. In dieselbe Richtung gehen Iqbal Latifs Ausführungen auf iranian.com über den religiösen Faktor in der nahöstlichen Politik:

Present insanity, psychosis, wars and craftiness in politics of the Middle East has religious historical conjecture; higher the chaos and bigger the noise, the greater the chances of a divine intervention. Very few in the West can understand the undercurrents of self- obliteration so evident in Nasarullah’s cult and multitude of suicide bombers. The question is to analyze events in context of the prophecies of ‘doom and gloom’ for the infidels as firmly believed by the leadership in Iran.

Ich habe mich immer gegen eine Sichtweise gewandt, die Menschen zu Sklaven ihrer Religion macht. Das Problem liegt deshalb in einer mangelnden Säkularisierung der Islamischen Welt, nicht im Islam an sich. Aber solange diese Säkularisierung auf sich warten lässt, liegen Flaig, Geyer, Sharon und Latif eben richtig. Was der Westen tun sollte, ergibt sich klar aus all diesen Analysen: Jedem säkularen Muslim klarmachen, dass er willkommen ist - und jedem Islamisten, dass er es nicht ist.


Siehe auch:
Mit Islamisten verhandeln?, 23. November 2005.
Reformislam?, 29. Mai 2006.

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Comments

7 Responses to “Warum es mit dem politischen Islam keinen Ausgleich geben kann”

  1. N. Neumann on September 17th, 2006 7:57 pm

    Christian Geyer: Die scharfmacherischen Töne, die jetzt aus der islamischen Welt erklingen, machen spätestens jetzt eines ganz klar: daß der Papst in Regensburg nicht als Anwalt irgendwelcher partikularer kirchlicher Sonderinteressen auftrat, sondern als Anwalt der säkularen westlichen Welt.

    Dass der praktische und theoretische Gewaltverzicht der katholischen Kirche sowohl in weltlichen als auch in kirchlichen Angelegenheiten Ausdruck der Säkularisierung ist - über die Ursachen will ich an dieser Stelle nicht räsonnieren - sei unbestritten.

    Aber auch anbetracht der Tatsache, dass nicht zuletzt ebendieser die katholische Lehre gottlob vom Mainstream des Islam unterscheidet, ist auf dem Hintergrund der Regensburger Vorlesung die von Geyer festgestellte Anwaltschaft des Papstes für die säkulare westliche Welt nicht in Gänze haltbar.

    Ratzingers Kritik an einer verkürzten, positivistischen Vernunft und sein Postulat, die Vernunft theologisch auszuweiten, sind zwar zumal auf dem Hintergrund scharfmacherischer Töne aus der islamischen Welt an konsequenzieller Harmlosigkeit nicht zu überbieten, damit redet er jedoch nicht der Säkularität das Wort und ist auch Anwalt seiner selbst.

    Wobei er in seiner Eigenschaft als Papst natürlich gar nicht anders reden kann: Andernfalls könnte er nämlich nicht Gott als Letztbegründung als gegeben bzw. katholische Dogmen als wahr voraussetzen, oder müsste, ganz praktisch betrachtet, schon allein auf den Versuch des Dialogs der Kulturen, in seinem Sinne: einen mit islamischen Geistlichen oder einen zwischen Gläubigen, verzichten.

    Und hier offenbart sich ein Teil des diskursiven Problems: Der Dialog der Kulturen soll, siehe Vorlesung, um seiner Fruchtbarkeit Willen nicht nur ein theologisierter sein - bleiben doch nicht-christliche Westler als Dialogpartner außen vor - darüber hinaus muss sich ebenso der Papst von vornherein sehr warm anziehen, um mit dezidiert islamischen Kulturträgern überhaupt einen Dialog führen zu können.

    Folgender von Geyer paraphrasierte Einwand gegen Ratzinger kommt sicher aus “berufenem” Munde:

    Sehr wohl dient es der vielbeschworenen Kultur des Dialogs, wenn islamische Geistliche jetzt umgekehrt sagen: Der Papst möge, wenn er dem Islam einen irrationalen Zug unterstellt, doch erst einmal darlegen, worin die Rationalität der Dreifaltigkeit besteht.

    Doch wer kann schon etwas vollkommen Unsichtbares wie die Dreifaltigkeit positivistisch begründen? Hier handelt es sich um eine reine Frage des Glaubens, aber weder des Wissens noch, wie bei der Frage nach Gewalt und Religion, um eine der praktischen Vernunft, wie sie Ratzinger indirekt an den Islam gerichtet hat.

    So ist die Gegenfrage von islamischer Seite einerseits positivistisch-entwaffnend, andererseits jedoch im negativen Sinn symptomatisch und ausweichend: “Wieso sollten wir mit dir die Rationalität des (kleinen) Dschihad diskutieren, wenn du noch nichtmal die Rationalität deiner Dreifaltigkeit begründen kannst?”

  2. M. Kreutz on September 17th, 2006 10:46 pm

    ist auf dem Hintergrund der Regensburger Vorlesung die von Geyer festgestellte Anwaltschaft des Papstes für die säkulare westliche Welt nicht in Gänze haltbar.

    Ich bin da ganz auf Ihrer Seite. Diesen Teil von Geyers Text habe ich auch nicht zitiert. Der für mich entscheidende Teil war die Aussage über die “Kultur der Unfreiheit”.

  3. N. Neumann on September 18th, 2006 3:02 am

    Geyer finde ich grundsätzlich gut; ich will meine Bemerkungen nur als Fußnote zu seinem Text verstanden wissen. Dass jemand, der von Amts wegen u.a. auf der Dreifaltigkeit bestehen muss, nicht in Gänze Anwalt der säkularen westlichen Welt sein kann, dürfte Geyer klar sein.

  4. Terese von Avila on September 19th, 2006 7:07 pm

    Ich möchte etwas bemerken über die Äußerung Neumanns, daß die Dreifaltigkeit nicht begründet werden könne. Ich glaube, so redet jemand aus Unkenntnis der katholischen Theologie. Denn es ist als erstes zu untersuchen, was “begründen” heißt. Es kann heißen, daß man more geometrico wie nach Spinoza einen Beweis aufstellt, wobei wir durchaus einen ontologischen Gottesbeweis von Spinoza erhält, oder aber empirisch nachweisen. So meinte wohl Neumann, denn er behauptete, die Dreifaltigkeit sei unsichtbar. Nun müssen wir bedenken, auf diese Weise müßten wir also die Einsteinsche Relativitätstheorie als irrational abweisen, bevor sie empirisch bestätigt wird. Nach seiner Logik wäre als jede naturwissenschaftliche Hypothese irrational. Also es gebe nach ihm keinen Sinn, Kosmologie zu treiben, denn ob das Weltall einen Anfang hat, ist nicht nachweisbar. Dennoch suchen Generationen von Menschen nach einer Frage. Was bedeutet das? Nichts anders als, daß wir rationale Menschen sind und daher eine Erklärung über unsere Umwelt und auch den Sinn des Lebens brauchen. Die Tiere suchen nach keiner Lösung, stellen sich keine Frage, nach der Logik Neumanns wären die Tiere rationaler als Menschen. Die katholische Theologie ist eine rationale Theorie, denn sie versucht, Gott für uns verständlich zu machen. Dabei weiß sie genau, daß wir das Geheimnis nicht durchschauen werde. Aber solche Haltung ist bereits rational, denn Wolff und Leibniz haben versuchen, das Geheimnis 100 prozentig zu rationalisieren, dieser Versuch ist dann bei Kant als illusionär nachgewiesen worden. Wobei der ontologische Gottesbeweis des Anselms von Canterbury bereits die Grenze der menschlichen Vernunft eingesehen hat und daher setzt, ja, wie Neumann will, den Glauben voraus. Denn einem Heiden kann man Gottes Existenz nicht auf rationaler Weise beweisen. Aber sobald man glaubt, kann man ihm ein begrifflich strukturiertes und daher rationales Verständnis über Gott vermitteln. Daher ist die Trinität nicht irrational. Seit dem Kirchenvater Augustin hat man immer versucht, die Trinität begrifflich zu erfassen. Augustin hat sogar versucht, nicht nur theoretisch vorzugehen, sondern die Trinität mit der menschlichen Existenz zu verbinden, indem er in dem menschlichen Geist eine Analogie der Trinität sieht. Weiteres kann man leicht nachlesen in der Schrift “De Trinitate”. Warum muß man also den Glauben voraussetzen? Weil eben die Religion keine Logik ist. Denn Logik ist eine reine formale Wissenschaft, die keinen Inhalt braucht, während die Theologie einen Inhalt hat, nämlich die Glaubenssätze, die sie dann begrifflich, und auch logisch zu erfassen versucht. Dieses Vorgehen ist nicht verwunderlicher als die empirischen Wissenschaften die Daten als gegeben voraussetzen. Wenn man nicht glaubt, braucht er auch keine Theologie. Warum braucht man aber eine Theologie bei dem Dialog zwischen den Religionen? Weil eben die Theologie den Glaubensinhalt in eine univeralsierbare Sprache übersetzt, die auf der allgemeinen Vernunft, nämlich der Logik, basiert. Erst wenn wir eine gemeinsame Sprache besitzen, können wir miteinander diskutieren, genau so wie heute die Techniker und Naturwissenschaftler alle eine Fachsprache besitzen und miteinander ein spezialisiertes Englisch reden. Daher hat der Papst durchaus recht, wenn er sagt, wir müssen die Theologie nicht aus der Universität verdrängen, gerade weil wir jetzt in einer multikultuellen Gesellschaft leben mit vielen Religionen und Kulturen. Es gibt keinen Sinn, von den Muslimen Intergration zu verlangen, ohne ihre Kultur verstehen zu wollen. Die Muslimen reagieren aggressiv, weil sie eben den Papst nicht verstanden haben. Die Gewalt zeigt auch eine Ablehnung, auf zivilierte Weise verhandeln zu wollen. Rationalität bedeutet nicht, jemandem beweisen zu können, daß man mit seiner Behauptung recht hat. Die Wahrheit als solche hat man in der Logik längst aufgegeben, die Naturwissenschaften stellen auch bloß Erklärungsmodelle auf. Es ist naive zu denken, daß man die Wahrheit behaupten könnte. Jeder Mensch hat Recht, das zu glauben, was er für gut und richtig hält, aber er hat auch die Pflicht, mit den anderen damit rational auseinander zu setzen. Der Dialog der Kulturen soll nicht dazu führen, daß wir alle kulturelle Differenzen aufheben sollen und in den Kirchen budistische Musik oder gar arabische Tänze aufführen sollen, sondern dazu, daß der ehemalige Konflikt zwischen den Religionen und Kulturenen nun nicht mehr in der Gewalt seinen Ausdruck findet, sondern eben in einer zivilisierten Weise am Verhandlungstisch oder im Konferenzraum, Vorlesungssal stattfindet. Solange wir Menschen sind, können wir nicht all gleich werden, so wäre die Welt bloß ein Schreckensbild wie “the brave new world” bei Huxley. Eine zivilisierte moderne Welt versucht aber, Gewalt, Armut, Krankheit zu vermindern. So werden wir auch versuchen, einen bestimmten Glauben nicht in Vorurteilen gegen den anderen abgrenzen zu lassen, denn in einer modernen Welt mit solcher Mobilität und Medienreichweite führt es unausweigerlich zu Gewaltausbrüchen, während früher ohne so häufige Kontakte mit anderen Kulturen mit Vorurteilen Frieden zu erhalten ist. So müssen wir, wenn wir Vorurteile haben, sie äußern zu dürfen, damit sie korrigiert werden können. Aber was zeigt uns die muslimische Welt? Sie antworten mit Gewalt. Dabei kann sie durchaus die Äußerung, die sie für unrecht hält, anfechten und die Vorurteile zu klären versuchen. Ihnen ist solche Freiheit durchaus gegeben. Der Papst hat als Theolog eine Vorlesung in einem wissenschaftlichen Institut gehalten, daher ist seine Äußerung durchaus kritisierbar. Denn er hat dort nicht als Papst geredet. Auch ein gläubiger Katholik kann ihn in dieser Hinsicht kritisieren oder korrigieren, ganz geschweige von Muslimen, die nicht unter seiner Amtsgewalt stehen. Aber die Reaktion der Muslime verstärkt bloß die Vorurteile gegen sie, die sie als unrecht empfinden. Sie sind offenbar nicht reif für eine offene moderne Welt.

  5. S. Sellier on September 19th, 2006 7:54 pm

    >Die ersten Kreuzzüge bezweckten, entweder bedrängte Christen zu Hilfe zu kommen oder die Heiligen Stätten in Palästina zu befreien oder von den Muslimen unterworfene Christen zu befreien.

    Das wirft für mich ein durchaus neues Licht auf die Kreuzzüge. Warum ist dieser Aspekt so unbekannt geblieben?

  6. M. Kreutz on September 19th, 2006 8:00 pm

    Gute Frage. Die Fakten sind ja schon seit langem bekannt. Ich werde demnächst einen längeren Beitrag dazu veröffentlichen.

  7. N. Neumann on September 21st, 2006 1:24 am

    TvA: Ich möchte etwas bemerken über die Äußerung Neumanns, daß die Dreifaltigkeit nicht begründet werden könne. Ich glaube, so redet jemand aus Unkenntnis der katholischen Theologie. Denn es ist als erstes zu untersuchen, was “begründen” heißt.

    Ja, dem folgend hätten Sie mich zunächst richtig lesen bzw. zitieren sollen.

    Doch wer kann schon etwas vollkommen Unsichtbares wie die Dreifaltigkeit positivistisch [!] begründen? Hier handelt es sich um eine reine Frage des Glaubens, aber weder des Wissens noch, wie bei der Frage nach Gewalt und Religion, um eine der praktischen Vernunft, wie sie Ratzinger indirekt an den Islam gerichtet hat.

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