Keith Ellison und der Koran
Dass der erste Moslem im amerikanischen Kongress seinen Eid auf den Koran ablegt anstatt auf die Bibel, geriet in den USA zu einem Politikum, das auch hierzulande diskutiert wurde. Mir steht es nicht zu, irgendwelche Urteile darüber abzugeben, ob für den Kongress ein Eid auf den Koran opportun ist oder nicht. Aber die ablehnende Position von Gudrun Eussner auf ihrem Blog verdient ein paar Anmerkungen. Da heisst es zum einen:
Das Beispiel des früheren Präsidenten zeige, “dass wir in unserem Land von Anfang an Menschen mit Visionen hatten”, sagte Ellison. “Sie waren tolerant in Religionsfragen und glaubten, dass man Wissen und Weisheit aus vielen Quellen gewinnen kann - auch aus dem Koran.”
Damit dürfte Ellison wohl ganz richtig liegen. Wie die amerikanische Historikerin Gertrude Himmelfarb schreibt: “Virtue was a presupposition of the Constitution, but it did not appear in the document itself. Nor did religion.” Wichtig war den Gründungsvätern demnach nicht, WELCHE Religion die Menschen haben, sondern DASS sie eine haben. Von diesem Standpunkt aus liesse sich gegen einen Eid auf den Koran nichts sagen. Die Auffassung, dass man “Wissen und Weisheit aus vielen Quellen gewinnen kann” spiegelt sich auch in der Tatsache, dass der Prophet Mohammed als einer von 18 Gesetzgebern auf dem Fries des US Supreme Court of Justice in Stein gemeisselt ist – zwischen Karl dem Grossen und Justinian!
Weiter heisst es auf dem Blog von G. Eussner:
Keith Ellison beschwört nämlich mit seinem Schwurhändchen auf dem Jefferson-Koran, daß er dazu beitragen wird, unbotmäßige Nichtgläubige zu töten, wo er sie trifft, daß er sie zur Konversion aufruft, und wenn sie dem nicht folgen, sie im Namen Allahs umbringen werde, daß er den Islam und dessen Scharia als oberstes Gesetz anerkennt, einschließlich der körperlichen Züchtigung der Frauen, und nicht diese komische US-Verfassung, wo einzelnen die Möglichkeit des Strebens nach Glück zugesichert wird. Mehr bedeutet sein Schwur nicht.
Tatsächlich gilt die Vereidigung der “Constitution of the United States” und nicht dem Inhalt der Schrift, auf den der zu Vereidigende schwört. Der Schwur auf eine heilige Schrift hat vielmehr den Sinn, die Bedeutung des Eides zu unterstreichen. Es soll klargestellt werden, dass der Eid wirklich ernst genommen wird, sodass man ihn auf das ablegen lässt, was dem zu Vereidigenden heilig ist. Ellision selbst legt auf seiner Webseite übrigens eine erstaunlich israelfreundliche Haltung an den Tag, die auch zwischen den Zeilen keine islamistischen Sympathien erkennen lässt: Die Hamas hält er für das grösste Hindernis auf dem Weg zum Frieden und den Iran bezeichnet er als “leading sponsor of international terrorism”!
Zuguterletzt ein Wort zu den “Kapitulationen” (bei Eussner neutürkisch ‘kapitülasyonlar’; der osmanische Terminus lautet jedoch ‘ahdname’, von arab. ʿahd = Übertragung, und pers. nāme = Brief, Schriftstück):
Kapitülasyonlar, Fremdenprivilegien, nennen die osmanischen Muslime die Verträge mit den nicht gleichberechtigten Partnern aus dem dar al-harb, dem Haus des Krieges, dem als unterlegen angesehenen Machtbereich der kuffar, der Ungläubigen. Europäer kapitulieren vor den Muslimen schon seit Hunderten von Jahren.
Das ist eine Verdrehung der Tatsachen. Eine “Kapitulation” ist nach Matuz (1985) ein “mit europäischen Mächten abgeschlossener Staatsvertrag über Handels- und Konsularfragen”, d.h. es war der osmanische Staat, der gegenüber diesen Mächten “kapitulierte”, indem er nämlich einen Teil seiner Souveränität an einen anderen Staat abtrat! Frankreich z.B. wurde seit dem 16. Jhd. vom Osmanischen Reich als Schutzmacht der katholischen Gemeinschaften anerkannt, und als der iranisch-russische Krieg mit der Niederlage des Iran endete, wurde im Vertrag von Torkomantschay (1828) festgelegt, dass der Iran Reparaturen an Russland zahlen und in “Kapitulationen” für russische Staatsbürger auf seinem eigenen Staatsgebiet einwilligen musste. Wer hat hier vor wem kapituliert?
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