Holy Damn!
An der Universität gewinne ich immer wieder aufs neue den Eindruck, dass die Intellektuellen gerade in den Geisteswissenschaften nicht nur eine Abneigung haben, sich auch nur grundlegende Kenntnisse über die Funktionsweise der Marktwirtschaft anzueignen, was darin begründet ist, dass die Wirtschaftswissenschaften als reine Profitoptimierungslehre naserümpfend geschmäht werden. Sondern auch, dass es eine ebenso tiefsitzende Abneigung gegenüber der Lektüre von Zeitungen gibt, denn gerade unter Intellektuellen herrscht die Meinung vor, dass es eine Zumutung sei, sich täglich die Schlechtigkeit der Welt in all ihren Formen neu anzulesen. Das muss nun wirklich nicht sein.
Ich selber hatte im Laufe meines Lebens die verschiedensten Abonnements gehabt, angefangen vom PM-Magazin (da war ich sechzehn), über das linke “Semit” aus dem Melzer-Verlag und das nicht minder linke “Palästina Info”, dann GEO und GEO Spezial, die “Blätter für deutsche und internationale Politik”, den Spiegel, das TIMES Magazine, “konkret” und die FAZ. Gelegentlich kaufe ich mir noch andere Zeitungen, in- wie ausländische, und auch im Ausland geht ohne Zeitung gar nichts. Ich kann und will es nicht verleugnen: Ich bin ein Medienmensch. Und damit unter Geisteswissenschaftlern Angehöriger einer kleinen Minderheit.
Zeitungs- und Zeitschriftenabonnements sind unter Intellektuellen nicht deshalb unattraktiv, weil es ihre prekäre Lage nicht erlaubt, ein solches aufzunehmen. Sondern weil der durchschnittliche Student und auch Absolvent der Geisteswissenschaften fest davon überzeugt ist, dass unterschiedslos alle Zeitungen des gesamten politischen Spektrums ohnehin nur eine gefilterte oder verzerrte Wahrheit präsentierten, weswegen sie die Lektüre von Foucault, Gramsci, Fanon, Adorno, Chomsky oder Said bevorzugen, um sich die Welt zurechtzuerklären. Denn wer kultiviert ist und kluge Bücher liest, so glauben sie, der vermag die Wahrheit hinter der Wahrheit zu entdecken – Zeitungen sind etwas für die ungebildete Masse. Diese Intellektuellen sind in einem hermeneutischen Zirkel gefangen, der immer nur auf die Bestätigung der eigenen Vorurteile hinausläuft. Das mag erklären, warum gerade Blätter wie die taz oder die Frankfurter Rundschau häufiger klamm sind, denn die Zielgruppe, für die sie gemacht werden, liest keine Zeitung. Nach meiner Schätzung jedenfalls ist darunter höchstens einer von hundert.
Das linke Spiessertum, das sich derzeit in Heiligendamm ein Stelldichein gibt, dürfte sich vornehmlich aus ebendiesem Pool von Akademikern rekrutieren, die gar nicht wissen KÖNNEN, dass niemals zuvor in der Geschichte der Menschheit die Armut auf dieser Welt so gering war wie heute. Die nicht wissen können, dass eine grosse Mehrheit der Bewohner des ärmsten Kontinents, Afrika, die Globalisierung willkommen heisst. Dass weltweit die Unterernährung niemals so gering und die Lebenserwartung so hoch war wie jetzt. Dass Entwicklungshilfe nur arm macht, anstatt reich. Dass die absolute Armut auf diesem Planeten in den letzten zweihundert Jahren dramatisch gesunken ist. Dass nicht nur die reichen Länder vom Freihandel profitieren.
Als ich vor drei Jahren vor Antritt einer Nahostreise wieder einen neuen Zweitpass beantragen musste, weil in meinem einzigen noch gültigen Reisepass israelische Visa waren und Israel im Kriegszustand mit dem Libanon liegt, da seufzte der Mann am Informationsschalter des Bürgerbüros nur: “Ach ja, überall krachtet.” Aber ist das wirklich so? Wo denn überall? Die Behauptung, die G8-Staaten seien “Vorreiter einer auf Krieg gestützten Weltordnung, die in vielen Ländern zu Flucht, Vertreibung, neuem Hass und Gewalt führt”, ist augenscheinlich nicht von dieser Welt. Denn nie zuvor in der Menschheitsgeschichte war der Planet Erde so friedlich wie heute. Wir haben einen Krieg im Sudan (Darfur) und einen Bürgerkrieg im Irak – die Welt ist also bei weitem nicht perfekt –, aber was ist das im Vergleich zur jüngeren Vergangenheit, als noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Welt mit Kriegen übersät war, nämlich in Nigeria (1 Mio. Tote), Tschad (Bürgerkrieg), Ruanda und Burundi (schon in den 60er Jahren sollen 200.000 Hutu umgebracht worden sein), in Angola (Bürgerkrieg), Israel (mehrere Abwehrkriege gegen seine Nachbarstaaten), Libanon (sechs Jahre Bürgerkrieg), Nicaragua und El Salvador, Chile und die Falkland-Inseln, Malaysia (dreissig Jahre Guerrillakrieg), Vietnam und Laos, die Killing Fields in Kambodscha, Korea, Bangladesch und Sri Lanka, Griechenland (fünf Jahre Bürgerkrieg, Militärdiktatur), Jugoslawien und einige mehr.
Damals herrschten üble Militärdiktaturen über Südamerika und in Indochina. Und heute? Heute ist die Situation nicht rosig, aber die meisten Miliärdiktaturen sind sang- und klanglos verschwunden und Menschen sind jetzt wieder in der Lage, ihre Energie in die Schaffung von Wohlstand zu stecken anstatt in das Töten ihrer Mitmenschen. Bemerkenswert ist, dass ausgerechnet die Lieblingshassfigur der Linken, der amerikanische Präsident George Bush, federführend darin ist, Druck auf das sudanesische Regime auszuüben, damit der Völkermord, dem bislang 200.000 Menschen zum Opfer gefallen sein sollen, endlich gestoppt wird. Sollte man Bush und die G8 in diesem Kurs nicht unterstützen? Darfur jedoch wird von den linken Reaktionären bekanntlich eher stiefmütterlich behandelt. Denn um die Menschen geht es nicht. Aber worum dann?
In China hat sich nach Berechnungen des Internationalen Währungsfonds zwischen 1980 und 2005 das BIP je Kopf mehr als verzwanzigfacht – und das nicht auf Kosten anderer Regionen, denn in den USA hat es sich im gleichen Zeitraum fast vervier- und in Deutschland gut verdreifacht. Wenn den Protestanten in Heiligendamm daran gelegen wäre, die Lebensumstände der Menschen in Afrika zu verbessern, dann müssten sie eigentlich die Forderung erheben, dass die Industrieländer ihre Märkte für Produkte aus dem armen Süden öffnen, genau das aber wollen sie nicht. Denn wie es einer der Demonstranten vor laufender Kamera ausdrückte: “Die Globalisierung macht die Welt kaputt.” Nicht minder absurd ist daher die Forderung nach “Entschuldung der Länder des globalen Südens”, da es genau dies in der Vergangenheit schon gegeben hat; in den letzten fünfzig Jahren haben die reichen Länder zudem insgesamt 2,5 Bio. USD Entwicklungshilfe geleistet – eine stolze Summe. Wenn Entwicklungshilfe sich allerdings als kontraproduktiv herausstellt, weil sie letztlich nur den jeweiligen Regimen zugute kommt, warum sollte man noch mehr davon zahlen? Aber diese Zusammenhänge, wie gesagt, können die meisten Intellektuellen gar nicht kennen.
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Siehe auch:
• Im Irrgarten der Antiglobalisierer, 18. August 2005.
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> “konkret”
Von Gremliza zu Hayek. Scheint irgenwie ein Muster zu sein
http://s-and-w.de/?p=1500
[…] Michael Kreutz schreibt über die Protestierer von Heiligendamm, die in ihrem antikapitalistischen Furor nicht wissen, dass eine grosse Mehrheit der Bewohner des ärmsten Kontinents, Afrika, die Globalisierung willkommen heisst. Dass weltweit die Unterernährung niemals so gering und die Lebenserwartung so hoch war wie jetzt. Dass Entwicklungshilfe nur arm macht, anstatt reich. Dass die absolute Armut auf diesem Planeten in den letzten zweihundert Jahren dramatisch gesunken ist. Dass nicht nur die reichen Länder vom Freihandel profitieren. […]
All das könnte man aber eben doch auch aus Büchern lernen, wie zum Beispiel aus “Apocalypse No” von Björn Lomborg, das man gerade jetzt erneut nicht laut genug empfehlen kann.
Thank you for this interesting post. I have included it in a Best of Blogs round-up about the G8-Summit. Check out the Atlantic Community: The Open Think on Global Issues:
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[…] auf die eigene Ignoranz Michael Kreutz schreibt über die Protestierer von Heiligendamm, die in ihrem antikapitalistischen Furor nicht wissen, […]