Mumienstreit
Wurde das Tarimbecken im heutigen Sinkiang-Uigur von Westen aus besiedelt, wie uigurische Nationalisten behaupten, wie es aber auch die anthropologischen Befunde von Wissenschaftlern aus dem Ausland nahelegen. Oder von Osten aus, wie es die offizielle Lehrmeinung in China ist. Mit dieser Auffassung soll natürlich der Herrschaftsanspruch über die Region legitimiert werden, mit fatalen Folgen für die wissenschaftliche Arbeit:
Some foreign scholars say the Chinese government, eager to assert a narrative of longtime Chinese dominance of Xinjiang, is unwilling to face the fact that the mummies provide evidence of heterogeneity throughout the region’s history of human settlement.
As a result, they say, the government has been unwilling to give broad access to foreign scientists to conduct genetic tests on the mummies.
“In terms of advanced scientific research on the mummies, it’s just not happening,” said Victor H. Mair, a professor of Chinese language and literature at the University of Pennsylvania who has been at the forefront of foreign scholarship of the mummies.
(Quelle)
“Aber sie versuchten nicht, dem Rest der Welt Vorschriften zu machen.”
Meint der Marxist Eric Hobsbawm in einem Vergleich der britischen mit der amerikanischen Weltmachtpolitik. Wie war das nochmal mit der Sklaverei?
Eine ganze Stadt angezeigt
Mirza Ghulam Ahmad (gest. 1908), der Führer der Ahmadiyya Gemeinschaft hatte sich zum Propheten ausgerufen. Damit verstieß er nach gängiger islamischer Auffassung gegen die Lehre vom “Siegel des Prophetentums”. Seine Anhänger wurden deswegen 1974 in Pakistan zu Ungläubigen erklärt. Praktisch bedeutet dies, dass die Verwerndung islamischer Symbole strafrechtlich verfolgt wird. Dass die Ahmadis in ihrer Zentrale im pakistanischen Rabwah den 100. Jahrestag der Ernennung seines ersten Nachfolgers zum Kalifen feierten, zog folgende Konsequenz nach sich (Quelle):
The Police Station Chenab Nagar - a place also known as Rabwah - in district Jhang of the Punjab province, in a outlandish move, lodged a First Information Report (FIR) against thousands of members of Ahmadiyya community residing in the town under Section 285, 298C, and 337H2 of Pakistan Penal Code. The police booked the whole town on religious grounds.
The action has been taken to stop continuously mounting pressure of certain local and provincial Islamic clerics which police has termed a “reaction” of the Muslims on the 100-year celebrations of caliph-ship by the Ahmadiyya community, a religious school of thought declared a minority in Pakistan in September 1974.
Besonders verwerflich:
The FIR stated, “The community members were also seen in a joyous mode and wearing colourful caps and displaying badges with religious slogans.” Hence the FIR was lodged under PPC Section 285 (with up to six months imprisonment and Rs 3,000 fine); Section 298C (Anti-Ahmadiyya law with up to three years imprisonment and also liable to fine); and 337H2 (with up to three months imprisonment and fine).
Posthume Majestätsbeleidigung II
Kontrovers wird in der Türkei über den Film “Mustafa” diskutiert, obwohl er - so wird kolportiert - todlangweilig ist. Vielmehr erregt Anstoß, dass Atatürk nicht als unfehlbarerer Held sondern als Mensch mit Schwächen dargestellt wird. Den Vogel schoss in dieser Hinsicht Onur Başaran Öymen, ein Mitarbeiter des Chefs der kemalistischen CHP, ab. Aus seiner Sicht ist bereits die Verwendung des Namens Mustafa ein Sakrileg, denn so dürfe ihn allein seine Mutter nennen (Quelle, tr.).
Brauner Klamauk
Morgenpostkolumne 16.11.2008
Glosse von Heinz Eggert
Was war das für sie für ein Triumph, als sie in den Landtag einziehen konnten! Der kam jedoch nicht, weil sie ihn verdient hätten, sondern weil andere Parteien viel versäumt hatten. Die Führer aus dem Westen und das Bodenpersonal aus dem Osten - wie es sich gehört. Arbeitsplätze nur für Deutsche, hatten sie gefordert.
Drucker waren ausgenommen. Denn ihr Zentralorgan “Deutsche Stimme” ließen sie in Polen drucken. Immer mehr erwies sich die braunbäckige Apfeltruppe als hohl und verwurmt. Es war wie bei den zehn kleinen Negerlein - wenn man das so politisch inkorrekt sagen darf. Die Kameraden schrumpften schneller zusammen, als der demografische Prozess es ihnen vorgab. Und nicht etwa, weil sie den deutschen Einbürgerungstest gemacht hätten, in dessen Ergebnis etliche von ihnen ausgebürgert worden wären.
Erst verließen einige die Truppe, weil sie zwar deutschnational, aber keine Nazis waren. Dann ging einer freiwillig, weil er die Kinderpornographie auf seinem Computer nicht erklären konnte. Plötzlich stand Pistolen-Klaus, wie er liebevoll genannt wurde, im Lichtkegel. 15.900 Euro hatte er unrechtmäßig einkassiert. Auch alte Damen behaupteten, er hätte sie um ihre Ersparnisse gebracht.
Das erregte ideologisch keinen Anstoß, denn niemand in dieser Partei hatte jemals behauptet, dass die Rente sicher sei. Dass Pistolen-Klaus nach wie vor zu Adolf Hitler stand, war ohnehin klar. Ausgeschlossen wurde er wegen weiterer finanzieller Unregelmäßigkeiten. Als er erfolglos versuchte, eine Pistole in den Landtag zu schmuggeln, fügte er dem braunen Spruchbeutel seine mühsam aufs Reimen getrimmte Weisheit zu: “Gegen Zionisten, Freimaurer, Kriegstreiber und andere Psychopathen helfen keine langen Reden, nur noch Handgranaten.” “Wo aber Rotfront und Antifa haust, da helfen keine Sprüche, nur die Panzerfaust!”
Gewaltige Worte, denen bald Taten folgten. Ausgerechnet am 11.11. um 11.20 traf es den Chefideologen Gansel, der wegen der Finanzkrise am Vortag noch “die eiserne Faust des Staates” gefordert hatte. Die traf ihn nicht. Dafür aber die Faust eines deutschstämmigen Kameraden. So wurde aus Gansels dicker Lippe eine dicke Backe.
Der wirkliche Grund für die Schlägerei ist nicht bekannt. Vielleicht war es auch einfach nur an der Zeit! Jetzt ist der deutschstämmige Kamerad entlassen. Nicht weil er Sprengstoffterrorist war - das war ja der Einstellungsgrund -, sondern weil er die Deutsche Stimme (Gansels) beschädigt hatte.
Eine braune Chaostruppe! Aber sie müssen ja auch nichts leisten, um gewählt zu werden. Und dann auch nur, wenn die anderen versagen. Oder?
Griechenlands Linke und die “Wurzeln des zionistischen Fundamentalismus”
Das Ende 2006 gegründete ökolinke griechische Blatt “Riksi” widmet sich in der aktuellen Ausgabe seiner Beilage “Ardin” der “Jüdischen Frage und dem Zionismus”. Ein Blick ins Inhaltsverzeichnis zeigt sogleich, wes Geistes Kind die Publikation ist. Neben Edward Said kommen dort auch der verstorbene Antizionist Israel Shahak und der Historiker Shlomo Sand zu Wort. Sand vertritt die Ansicht, dass das Judentum eine Erfindung des 19. Jahrhunderts sei, womit er es bis in den “Le Monde diplomatique” geschafft hat. Und der Globalisierungskritiker Giorgos Karabelias, zugleich Herausgeber von “Ardin”, darf sich über die “neue jüdische Frage” auslassen.

Den Höhepunkt bildet der Gemeinschaftsartikel der Redaktion über “Die Wurzeln des zionistischen Fundamentalismus“. Ihm voran steht ein Zitat aus Marxens Schrift “Über die Judenfrage”, die die Autoren für nach wie vor aktuell halten, da sich ihrer Ansicht nach die jüdische Frage auch heute noch im Zentrum der Probleme der zeitgenössischen Welt befinde: “Tatsächlich, vom Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland bis zur Expansionspolitik in Palästina und den Drohungen eines nuklearen Holocaust im Iran – die “jüdische Frage” bleibt ungebrochen, wenn nicht sogar zunehmend, aktuell.” Denn so wie Marx seinerseits den Begriff gebraucht habe, um damit die Kritik am Kapitalismus zu thematisieren, so bezeichne er heute “eine Frage, die einen nie dagewesenen Krieg der Kulturen verursacht hat, insbesondere zwischen dem Islam und den ‘Religionen der Bibel’, d.h. dem Judentum und dem westlichen Christentum.”
Die Juden haben also einen Krieg zwischen dem Westen und dem Islam zu verantworten, findet die “Ardin”-Redaktion. Die naheliegende Schlussfolgerung, das Judentum unschädlich zu machen, könne man natürlich heute nicht mehr ziehen, jedenfalls nicht nach dem Vorbild 1939 ff., “um sich von den Fesseln seiner Ideologie zu befreien.” In diese Falle, so die Redaktion, sei nämlich schon der gute Hitler getappt, der, anstatt die “Kommerzgesellschaft” auszurotten, einen beispiellosen Terror entfacht hat, der wohl irgendwie kontraproduktiv war. Und deshalb kann man heute, leiderleider, die “jüdische Frage” nicht mehr diskutieren, ohne gleich des Antisemitismus oder Rassismus geziehen zu werden.
Da das Verlangen griechischer Ökopaxe, die “jüdische Frage” lösen zu wollen, unstillbar ist, wird das argumentative Sturmgeschütz des Alibijuden aufgefahren: Wird nicht Norman Finkelstein, der Verfasser der “Holocaust-Industrie”, der es gewagt hat, die Wahrheit auszusprechen, von der gesamten amerikanischen Hochschullandschaft “verfolgt”? Und während in Frankreich der jüdische Soziologe Edgar Morin als Antisemit vor Gericht gebracht werde, bleibe nur noch der tapfere Noam Chomsky übrig, dem noch nicht das Recht genommen sei, in den USA seine Meinung offen auszusprechen. Antizionisten sind die wahren Opfer.
Und natürlich die Palästinenser. Eigentlich, so die “Ardin”-Redaktion, sei es nur in Israel selbst möglich, den Zionismus und dessen “rassistische Struktur” anzuprangern. Vor allem aus Israel nämlich seien die “mutigen Stimmen” eines Israel Shahak oder Israel Shamir zu vernehmen. Oder der Neuen Historiker wie Ilan Pappés oder des Antizionisten Michael Warshawski und anderer, ganz zu schweigen vom Mut eines Mordechai Vanunu, der nach 18 Jahren aus dem Gefängnis freigelassen wurde.
Andere Völker zu unterdrücken und auszubeuten, das gehe nämlich nicht lange gut, mault die Redaktion. So habe sich die israelische Gesellschaft in eine undemokratische Gemeinschaft gewandelt und die alten sozialistischen Ideale seien gegenüber den “jüdische Fundamentalisten” aufgegeben worden. Derweil werde die Aussenpolitik von der rassistischen israelischen Rechten beherrscht. Damit vollziehe sich in Israel derselbe Wandel wie im gesamten Westen (zu dem Griechenland bekanntlich nicht gehört). Und natürlich: Israel ist heute der wichtigste Verbündete für die christliche Rechte in den USA. Da habe nach Meinung der Redaktion damit zu tun, dass das Judentum im 19. Jahrhundert innerlich die zionistische Idee in sich aufgenommen habe, wodurch es von einer älteren humanistischen Tradition abgeschnitten worden sei.
Eine bestechende Analyse, müsste man sagen, wenn dies auf Griechenland gemünzt worden wäre. Dort nämlich ist die Entwicklung tatsächlich exakt so verlaufen1 – auch wenn sich in Griechenland heute vieles zum besseren gewandelt hat. Der völkische Käse von “Ardin” dagegen scheint ein echtes Relikt aus dem 19. Jahrhundert zu sein.
Bildnachweis: Ardin.gr
- ”… the instititutionaliszation of civil liberties, which characterize western parliamentarism,’ did not occur in this country.” (Mouzelis, Politics in the Semi-Periphery, London 1986, p. 6) [back]
Posthume Majestätsbeleidigung
Eine Erklärung der Bürgermeisterin der ostanatolischen Stadt Tunceli, Songül Erol Abdil, sorgt in der Türkei für einen Skandal. Zusammen mit anderen Mandatsträgern der kurdischen DTP hielt sie im Europaparlament zu Brüssel eine Prssekonferenz zum Gedenken an den Aufstand von Dersim im Sommer 1938 ab. Sie zog das Fazit: “Würde Atatürk heute leben, würde er angeklagt“:
Zum Hintergrund:
Im August 1938 wurde in Dersim der letzte Kurdenaufstand gegen die Kemalisten niedergeschlagen. Armeeeinheiten von 40 000 Mann hatten in den vorausgegangenen Wochen die dünn besiedelte ostanatolische Provinz auf der Suche nach Aufständischen durchkämmt. Unterstützt wurden sie von 40 Kampfflugzeugen, eines davon steuerte Sabiha Gökçen, eine der Adoptivtöchter Atatürks, nach der heute einer der Flughäfen İstanbuls benannt ist. Bei den Militäraktionen wurden die meisten Ortschaften, darunter die Provinzhauptstadt zerstört. Wieviel Tote die Kämpfe kosteten, ist nicht bekannt. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung wurde in andere Teile des Landes umgesiedelt und durfte erst 1946 zurückkehren.
Kurdenaufstände gegen die kemalistische Herrschaft hatte es mehrere gegeben. Der wichtigste, der Şeyh Sait Aufstad von 1925, wurde von einem sunnitischen Religionsgelehrten angeführt. Diese Erhebung richtete sich zu gleichen Maßen gegen den türkischen Nationalismus, die religionsfeindliche Politik und die staatliche Machtausweitung auf Kosten der Stammesführer. Das besondere am Aufstand von Dersim ist jedoch, dass sich dort alevitische Kurden erhoben hatten. In jüngerer Zeit galten gerade die Aleviten als überzeugte Unterstützer der säkularen Republik. Das Beispiel Dersim zeigt jedoch, dass die Verhältnisse weit komplizierter waren.
Die Unruhen hatten 1934 begonnen. Anlass war das Gesetz Nr. 2510, das zum Zwecke der Zwangsassimilation die Umsiedlung „nichttürkischer“ Bevölkerungsgruppen in türkischsprachige Regionen vorsah. Das Gesetz wurde zwar nicht konsequent angewandt, Dersim war jedoch ausersehen worden, um ein Exempel zu statuieren, weil die Bevölkerung der Provinz schon seit osmanischer Zeit als besonders renitent galt. Um jegliche Erinnerung an die kurdische Prägung der Provinz auszulöschen wurde sie in Tunceli umbenannt. Die türkischsprachigen Aleviten hatten zwar keine vergleichbaren Verfolgungen zu erdulden, ihre religiösen Rituale wurden jedoch durch das Verbot der Orden ebenso untersagt wie jene der Sufis sunnitischer Ausrichtung.
Eingedenk solcher Erfahrungen betrachteten viele Aleviten die kemalistische Herrschaft als Fortsetzung der spätosmanischen Politik zu Ausweitung der staatlichen Kontrolle. Daher reihten sie sich nach der Einführung des Mehrparteiensystems überwiegend in die Opposition gegen die kemalistische Elite ein und unterstützten bei den Wahlen von 1950 die Demokratische Partei von Adnan Menderes und Celal Bayar. Doch diese Allianz hielt nicht lange. Zu stark war dort der Einfluss konservativer Sunniten, die Menderes eng verbunden waren, weil er die Einschränkungen religiöser Aktivitäten zurückgenommen hatte. In Predigten und religiösen Zeitschriften wurde nun offen gegen die Aleviten gehetzt.
Jene richten sich daher politisch neu und zwar nach links aus. Einige Aktivisten gründeten die Einheitspartei, der jedoch kein Erfolg beschieden war. Ein anderer Teil schloss sich der zwischen Linkskemalismus und Marxismus stehenden Türkischen Arbeiterpartei an, die allerdings sonst nur Intellektuelle und junge Offizieren unterstützten. Die Mehrheit wandte sich der Republikanische Volkspartei zu. Unter Bülent Ecevit hatte sich die einstige kemalistische Staatspartei in eine linke Volkspartei gewandelt, die bewusst antielitär auftrat.
Den Aleviten bot sie sich als Schutzmacht gegen die erstarkenden Islamisten und Rechtsnationalisten an. Ihre auf die Förderung der ländlichen Infrastruktur ausgerichtete Politik kam der alevitischen Dorfbevölkerung entgegen. Umgekehrt griffen die türkischen Linken nun verstärkt auf alevitische Musik und Dichtung zurück, um für sich ein eigene kulturelle Identität jenseits der Orientierung an europäischen oder osmanisch-sunnitischen Mustern zu begründen. So wurde die unter der Einparteienherrschaft der Republikanischen Volkspartei verheerte Provinz Tunceli in den 1970er Jahren zu deren Hochburg.
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Nachtrag 16.11.
All jene die Türkisch können finden heute in der Zeitung Taraf drei interessante beiträge zum Thema:
Erdem Gül: “Alevi açılımı dendi müdürlükle kesildi”
Ayşe Hür:”1937-1938’de Dersim’de neler oldu?”
Rasim Ozan Kütahyalı: “Aleviler silahlanınca mı farkedilecek?“





































