Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (1)
Heinz Eggert
Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen
–Vortrag zum Gedenken an den Prager Frühling in Liberec–
Wenn sich die Deutsche Einheit am 20.08.1968 vollzogen hätte, wäre ich trotz meiner Jugend (22 Jahre) eine politische “Altlast” gewesen. Ich komme aus einer Arbeiterfamilie und hatte einen Stiefvater. Wir wohnten in Rostock. Meine Eltern waren nicht sehr staatskritisch. Politische Meinungen wurden nur geflüstert, wenn die Kinder das Zimmer verlassen hatten. Bei allen Aufmärschen waren sie dabei. Die Arbeitskollegen gingen ja auch alle. Den einzigen politischen Konflikt, den ich mitbekommen habe, war 1953. Meine Mutter schloss meinen Stiefvater ein, damit er nicht zur Neptun-Werft demonstrieren gehen konnte, weil die Russen dort auf die Werftarbeiter schossen. Ihre Begründung: Du bist nicht gesund aus dem Krieg gekommen, damit sie dich jetzt erschießen.
Ich war selbstverständlich in den Jungen Pionieren, folgerichtig in der FDJ, der GST “Gesellschaft, Sport und Technik”, im FDGB “Freier Deutscher Gewerkschaftsbund” und im DSF “Deutsch-Sowjetische Freundschaft“… Überall bin ich folgerichtig und unkritisch hineingeboren worden. Es war wie bei den Meisten - sobald man das Alter hatte, unterschrieb man und war Mitglied in diesen Organisationen. Dieser Mechanismus schützte auch vor kritischen Fragen oder kritischem Nachdenken. Außerdem gab es für alle auch nur ansatzweise kritischen Nachfragen das globale alles erschlagende Argument: Bist für den Frieden oder bist du für den Krieg! Natürlich für den Frieden. Aber der Garant für den Frieden, das wussten wir alle, war nur das kommunistische System. Schön, wenn die Welt so einfach begreifbar gemacht wird.
Aus der 8. Klasse war ich wegen Schulschwänzens geflogen. Nachdem ich mit 15 Jahren ein Jahr auf dem Bau gearbeitet hatte, konnte ich eine Lehre bei der DR beginnen, war bald bester Lehrling und auf Grund des Jugendförderungsplan der FDJ, mit 18 Jahren der jüngste Stellwerksmeister der DDR auf dem Bahnhof Warnemünde. Dann wurde ich Fahrdienstleiter und nutzte meine Freifahrscheine auch, um nach Prag zu fahren. Damals war ich 21 Jahre. In diese Stadt und in Marta habe ich mich damals verliebt. Ein hoher emotionaler Bezug. Der Liebe öffnet ja immer die Augen. Die heißen politischen Auseinandersetzungen über einen reformierten demokratischen Sozialismus habe ich intellektuell damals nicht verstanden. Da die Diskussionen vor allem von Studenten und Schriftstellern ausgingen, ging das auch vielen Tschechen so.
Liberalisierung, Pressefreiheit, Pluralismus, Freiheit der Gewerkschaften, Streikrecht, Versammlungsrecht, Aufhebung der Zensur, Reisefreiheit - das las ich in politischen Zeitungen auch auf Deutsch. Aber es bewegte mich nicht besonders, denn erstens hatte ich es noch nie vermisst und zweitens war ich erstaunt, das es im Sozialismus so viel Probleme geben sollte. Aber da niemand den Sozialismus abschaffen wollte - zumindest erklärte das keiner - sondern ihm ein menschlicheres Antlitz verpassen, das gefiel mir schon sehr.
Prag war damals im Aufblühen innerhalb der sozialistischen Staaten. Es war eine heitere, offene Atmosphäre. Das Leben war bunter und verbannte die Langeweile aus dem Alltag. Ich konnte Musik hören - die in der DDR noch die Musik des Klassenfeindes war -, Beatles-Filme sehen. Bücher kaufen, die es in der DDR nicht gab. Es war insgesamt eine lockere, leichte und lebenslustige Atmosphäre des Sozialismus, wie ich sie aus der DDR nicht kannte. Abends saßen wir in der Schwarzbierkneipe U Fleku mit jungen Österreichern, Westdeutschen, Italienern, Engländern und Amerikanern zusammen - alles Länder, aus denen ich noch nie jemanden kennen gelernt hatte - die so lebenslustig feierten, das man ihnen die Probleme des Kapitalismus nicht gleich ansah. Wir waren jung und die Welt schien offen. Obgleich ich wusste, dass ich ihre vielen Einladungen nicht annehmen konnte, obwohl ich mit meinen Eisenbahnfreifahrscheinen umsonst gefahren wäre. Der Gedanke an Reisefreiheit wurde langsam verführerisch.
(Teil 1 von 4. Der zweite Teil erscheint am 1. August.)
–––Ähnliche Beiträge:
- Friedliche Revolution in Sachsen 1989/90, August 27, 2007
- Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (2), August 1, 2008
- Mehrarbeit aus ideologischen Gründen…, July 3, 2006
- “Verklärt und vergessen?” - neue Sehnsucht nach der DDR, April 14, 2008
- Glückliche Sklaven, July 22, 2007
- Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (3), August 8, 2008
- Geschichte und Geschichten, November 11, 2007
- Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (4), August 15, 2008
Comments
One Response to “Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (1)”
Leave a Reply








[…] Abgesang auf den realen Sozialismus in 1968: Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen: Teil I + Teil II Explore posts in the same categories: Ideologie, Personen, […]