Globalisierung und Entwicklungshilfe in Afrika [TF-Dossier]

July 11, 2008 · Filed Under Aus dem Tollhaus · Comment 

Zuletzt überarbeitet: 11. Juli 2008.

Wie im Kongo das Geld versickert, erklärt der Kämmerer von Goma, Pierrot Katindi, in einem Report der FAZ. Eine Liste der städtischen Steuereinnahmen liest sich so:

„Einnahmen aus Casinobetrieben: 36000 Franc congolais; Einnahmen aus Umweltsteuer für Industriebetriebe: 480000 Franc congolais; Einnahmen aus Mieteinkünften städtischer Gebäude: 2,4 Millionen Franc congolais”. Unter dem Strich macht das eine Summe von 145,5 Millionen Franc congolais (281000 Dollar) - theoretisch.

Theoretisch. Die Realität ist nämlich eine andere:

Denn es gibt kein Casino in Goma. Die wenigen Industriebetriebe wurden beim Ausbruch des Vulkans Nyiragongo im Januar 2002 von der Lava verschluckt.
Zudem besitzt die Stadt kein einziges eigenes Gebäude. Es gehört alles der Zentralregierung in Kinshasa. Tatsächlich nimmt der Kämmerer 40000 Dollar im Jahr ein, und davon bezahlt er sein eigenes Salär, das des Bürgermeisters und das der Beamten. Für solche Kleinigkeiten wie Müllabfuhr, Straßenreinigung und -unterhalt bleibt nichts mehr übrig. So kommt es, daß nach dem verheerenden Vulkanausbruch, der die Stadt buchstäblich zweiteilte, bislang ganze hundert Meter Straße repariert wurden.

Welchen Sinn also haben solcherlei aus der Luft gegriffene Steuerlisten?

„Weil die Provinzverwaltung das so will”, sagt Katindi. Sinn der Übung sei es, der Stadtverwaltung unter Hinweis auf eigene Einnahmen Provinzgelder zu verweigern. „Das ist Kongo”, sagt Katindi, ein gigantisches potemkinsches Dorf, ein virtueller Staat, in dem es einzig darum geht, öffentliches Geld in die eigene Tasche zu schaufeln.

Das alles ist so neu nicht. Vor einigen Monaten wies der ugandische Journalist Andrew M. Mwenda in der “Welt” darauf hin, warum die Entwicklungshilfe seinem Land mehr Schaden als Nutzen zufügt, u.a.

…gibt die Regierung 200 Millionen Dollar für die Verwaltung aus, vor allem für politische Patronage mit einem Kabinett von 68 Ministern, 73 Präsidentenberatern, einem Parlament von der Größe eines Fußballstadions und immer neuen Kommunalverwaltungen. Eine Studie des Finanzministeriums belegt, daß die Ausgaben für die öffentliche Verwaltung um die Hälfte reduziert werden könnten.

Das Problem ist kein rein ugandisches:

Ein durchschnittliches afrikanisches Land südlich der Sahara erhält Entwicklungshilfe in einer Größenordnung von 13 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts - geschichtlich gesehen ist das ein noch nie dagewesener Transfer von Finanzmitteln entwickelter in arme Länder. Ein Land wie Uganda erhält so viel Entwicklungshilfe, daß die Wirtschaft nicht mehr in der Lage ist, sie sinnvoll zu verwenden. Die Eindämmung von durch die Entwicklungshilfe hochgetriebenen Ausgaben der öffentlichen Hand hat zur Folge, daß die Zentralbank Schatzwechsel in Höhe von 700 Millionen Dollar behält, deren Zinsen von 110 Millionen Dollar jährlich der Steuerzahler berappen muß.

Ein noch krasseres Beispiel liefert Mocambique, das, so rechnet der langjährige Planungschef des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit Heinrich Langerbein vor, 1995 Zuwendungen in Höhe von 95 Prozent des eigenen Bruttosozialprodukts erhielt. Auch Tansania, Ruanda, die Elfenbeinküste u.a. kamen zeitweise in den Genuss von Hilfsgeldern, die 80 Prozent des eigenen Bruttosozialprodukts ausmachten, mit dem Ergebnis, dass einige Länder nachdem sie die Mittel ausgegeben hatten, in tiefere Armut fielen als zuvor:

Ghana hatte 1992 ein Pro-Kopf-Einkommen von 440 Dollar, im Jahr 2002 von nur noch 270 Dollar. Zur Zeit seiner Unabhängigkeit hatte es nicht nur das höchste Pro-Kopf-Einkommen in Schwarzafrika, sondern war China, Indien und Korea überlegen.

Ursache dieser Misere ist nicht nur Korruption, sondern auch eine Verzerrung der Wirtschaft:

Entwicklungshilfe wirkt gelegentlich ähnlich wie ein Bodenschatz: negativ. Sie löst ein ökonomisch ineffektives “Rent-seeking-Verhalten” aus. Die Bürger stürzen sich auf die Chance, schnell zu Geld zu kommen, statt ökonomisch sinnvolle Güter und Dienste anzubieten. Sie machen das, indem sie versuchen, Einfluß auf die staatliche Ressourcenverteilung zu nehmen. Die Methoden dazu sind vielfältig, ihre Anwender nicht immer zimperlich.

Hinzu kommt die Behinderung des Marktes:

Der Ökonom Ricardo Hausmann weist auf den empirisch belegten Zusammenhang zwischen Unterentwicklung und Zugang zu wichtigen Märkten hin: ohne gute und sichere Straßen kein Handel. Es kostet 3.000 Dollar, einen Standard-Container von der Westküste der Vereinigten Staaten zur Elfenbeinküste zu bringen. Es kostet aber 16.000 Dollar, denselben Container in ein zentralafrikanisches Land zu verfrachten. Die Gegner des Freihandels werden nebenbei widerlegt.

Wem also nützen Aktionen wie Live8, Deine Stimme gegen Armut oder WhiteBand? Henryk Broder hat im “Spiegel” die richtige Antwort gegeben: “Die Entwicklungshelfer helfen - vor allem sich selbst.” Tatsächlich ist die Zahl der NGOs mit dem Anwachsen der Entwicklungshilfe rapide gestiegen: In Kenia und Tansania gibt es mittlerweile mehr als 30.000! (Quelle)

Unterdessen versucht Grossbritanniens Premierminister Tony Blair auf dem G-8-Gipfel im schottischen Gleneagle vom 6. bis 8. Juli eine Verdoppelung der Entwicklungshilfe bis zum Jahr 2010, evtl. bis 2015, zu erreichen. Verdoppelung heisst: Der Betrag erhöht sich um zusätzliche 25 Milliarden Dollar jedes Jahr. Die “Welt am Sonntag” beschreibt, wie der unheilvolle Protektionismus der entwickelten Länder seinen Anteil an der Misere der armen Länder hat:

Denn wo eigene Arbeitsplätze anfangen, hört das Mitleid mit der Dritten Welt schnell auf. Und so subventionieren allein die USA ihre nur 2000 Baumwollfarmer mit drei bis vier Milliarden Euro im Jahr, um die Konkurrenz von außen zu bekämpfen. Die bauen daher viel zu viel an und drücken mit dem Überschuß die Weltmarktpreise. Obwohl die amerikanischen Produktionskosten eigentlich um 50 Prozent über denen in Staaten wie Burkina Faso, Mali, oder Benin liegen, können sie billiger anbieten als die Afrikaner und sind so die größten Baumwollexporteure der Welt. Allein das kostet die Entwicklungsländer jährlich 250 Millionen Dollar an Exporterlösen.

Auch die EU und Japan sind da nicht viel besser:

Wer allen Ernstes Reis nach Japan liefern wollte, müßte Zölle in Höhe von 1291 Prozent des Importpreises zahlen, auf Weizen lasten 547 Prozent. Kanada verdirbt mit seinen Staatshandelsgesellschaften die Weizenpreise am Weltmarkt, das Zuckerregime der Europäischen Union (EU) hätte es so auch problemlos in der Sowjetunion geben können. Von jedem Euro, den ein europäischer Bauer verdient, kommen 34 Cent aus Subventionen. In Japan, der Schweiz und Korea sind es 70, in den USA 18 Cent. Nach Berechnungen der Welthandelsorganisation (WTO) würde das Bruttosozialprodukt der Entwicklungsländer bei vollständiger Liberalisierung des Agrarhandels um bis zu 240 Milliarden Dollar steigen.

Diese wirtschaftliche Absurdität betrifft allerdings nicht nur den Import in die entwickelten Länder, sondern geht noch darüber hinaus:

Was die EU zuviel produziert, wirft sie übrigens zu Dumpingpreisen auf den Weltmarkt, allein 2004 rund sechs Millionen Tonnen. Auch dafür gibt es wieder Zuschüsse, weil der Europa-Zucker sonst gar nicht verkäuflich wäre. Dank des Überangebots sinkt dann auch noch der Weltmarktpreis, was die armen Agrarländer nochmals schädigt.

Die Ironie der Geschichte: Dieser Antiliberalismus wird von den Gegnern der Globalisierung ausgerechnet dem Kapitalismus (Chirac: “Ultralibéralisme”) aufs Konto gebucht. Der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati in einem Interview mit dem “Spiegel” über die schädlichen Auswirkungen westlicher Transfergelder auf die afrikanischen Volkswirtschaften:

Wenn die Industrienationen den Afrikanern wirklich helfen wollen, sollten sie endlich diese furchtbare Hilfe streichen. Jenen Ländern, welche die meiste Entwicklungshilfe kassiert haben, geht es am schlechtesten. Trotz der Milliarden, die geflossen sind, ist der Kontinent arm.

Der Grund:

Es werden riesige Bürokratien finanziert, Korruption und Selbstgefälligkeit gefördert, Afrikaner zu Bettlern erzogen und zur Unselbständigkeit. Zudem schwächt die Entwicklungshilfe überall die lokalen Märkte und den Unternehmergeist, den wir so dringend brauchen. Sie ist einer der Gründe für Afrikas Probleme, so absurd das klingen mag.

Und auch die UN kriegt ihr Fett weg:

Wenn in einer bestimmten Region Kenias eine Dürre herrscht, schreien unsere korrupten Politiker reflexartig nach mehr Hilfe. Dieser Ruf ereilt das Welternährungsprogramm der Uno - also eine riesige Behörde von Apparatschiks, die in der absurden Situation sind, sich zwar dem Kampf gegen den Hunger verschrieben zu haben, aber alle arbeitslos wären, würden sie diesen Hunger tatsächlich beseitigen.

Wird importiertes Getreide massenhaft zu Dumpingpreisen auf den Markt geworfen, ruiniert das - wen wundert´s - heimische Produzenten. “Ein einheimischer Bauer”, so Shikwati, “kann seine Hacke gleich aus der Hand legen, mit dem Uno-Welternährungsprogramm kann niemand mithalten.” Und wie sähe die Lage ohne Welternährungsprogramm aus:

In diesem Fall müssten sich die Kenianer eben bequemen, Handelsbeziehungen zu Uganda oder Tansania aufzunehmen und die Nahrungsmittel dort einzukaufen. Dieser Handel ist lebensnotwendig für Afrika. Er würde uns zwingen, die Infrastruktur selbst zu verbessern …

Und warum sich nichts ändern wird: “Dem verheerenden europäischen Drang, Gutes zu tun, lässt sich bisweilen leider nicht mit Vernunft begegnen.” (Unbedingt das ganze Interview lesen!) Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation “Cap Anamur”, erklärt in der “Welt” von morgen, warum Entwicklungshilfe kontraproduktiv sein kann und Eigenverantwortung ungleich wichtiger ist:

Wir haben dazu beigetragen, daß unverantwortliche Regierungen die Hand aufhalten. Zwar können sie zum großen Teil nicht einmal mit dem eigenen Geld umgehen, aber sie halten weiter die Hand auf. Im Dezember 2004 war der CDU-Bundestagsabgeordnete Hartwig Fischer in der sogenannten Demokratischen Republik Kongo beim Präsidenten Joseph Kabila und fragte ihn, was er denn mit den 3,8 Milliarden Dollar gemacht habe, die er von der Internationalen Gebergemeinschaft für den Wiederaufbau der Infrastruktur erhalten hatte. Die Antwort Kabilas bestand darin, etwas davon zu stammeln, daß sein Planungsminister offenbar nicht kompetent genug sei. Wenige Monate später schickte der Chef einer anderen afrikanischen Regierung (Simbabwe) seine Polizisten und Bulldozer in die Squatterviertel der Städte, um dort die Häuser von annähernd 500 000 Menschen zu zerstören. (…) Wenn die Staatengemeinschaft nicht in der Lage ist, mit den völkerrechtlich approbierten Methoden (Weltsicherheitsrat, UN-Charta) einem solchen Schlächter und Verächter seiner Bevölkerung in den Arm zu fallen, dann darf sie sich nicht wundern, daß bei meinen deutschen Mitbürgern (…) Hilfsmüdigkeit überkommt. Wie soll jemand seine sauer verdienten Euros für den Wiederaufbau in einem Land ausgeben, wenn dessen Chef zuvor durch wollüstige Zerstörungen jenen Wiederaufbau erst erforderlich gemacht hat?

Was falsch läuft, erlebte ich zum ersten Mal 1985 in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien. Bei einer Sitzung der RRC (Relief and Rehabilitation Commission), der zuständigen Staatsbehörde in der Regierung des Roten Kaisers Haile Mariam Mengistu, hielt der Chef der RRC, General Wolde Dawit, den anwesenden Diplomaten und Botschaftern der Geberländer eine unhöfliche Standpauke: Sie wären zu spät gekommen, die Hungersnot sei schon in vollem Gange. (…) Das Bewußtsein, daß für die Ernährung in erster, zweiter und dritter Linie erst mal die eigene Regierung des jeweiligen Landes zuständig ist, ging verloren.

Wir dürfen diesen Ländern der Habenichtse und Schmuddelkinder unsere Hilfe nicht aufdrängen. Genau das tun wir aber ungehemmt, seit bestimmt 15 Jahren.

Das aktuelle Beispiel Niger zeigt (via Café Hayek), dass auch hier mangelnde Marktwirtschaft als Hauptursache der Hungersnot auszumachen ist:

- It costs nearly four years’ income to pay the fees required to set up a limited liability company in Niger; entrepreneurs also have to deposit minimum capital of over seven years’ income.

- Niger has the most rigid employment laws in the world.

- If you want to get a loan, it costs nine months’ income to set up some kind of collateral. Coverage by credit registries is almost nonexistent.

- Trying to collect an unpaid invoice by going through the courts will take nearly a year and cost over 40% of the invoice’s value.

Die Fakten sprechen eine deutliche Sprache. In den Worten von A. Papandropoulos:

It is the countries that have integrated into the world economy –the “globalisers”– that have grown richer. Anti-globalization protesters respond that GPD is not everything, and that globalization has actually reduced living standards and increased poverty and inequality. But the World Bank study shows that “the only countries in which we have seen large-scale poverty reduction in the 1990s are ones that have become more open to foreign trade and investment”. This increased wealth has led to a fall in child labor and an increase in school enrolment. In the globalizing countries, life expectancy, infant morality and under-five morality have all improved rapidly.

Und weiter:

According to M. Mosbacher, director of Social Affairs, the new opponents of globalization are, at bottom, the old foes of economic freedom, wearing new hats and carrying updated protest signs. They do not offer new insights. Instead, they reheat long-discredited arguments, including those which portray multinational corporations in a negative light, ignoring their contributions to economic advancement and human progress in the developing world. Still, they have been remarkably successful at gaining media attention and at putting the leaders of the wealthier countries and of major business enterprises on the defensive. But when we examine the data above, and ask –what is really making people in the developing world richer, healthier and more free?– we have to ask: are the wrong people doing the apologizing?

Hier sei aus Roland Baaders vorzüglichem Buch “Totgedacht” (S. 76) zitiert: “Die westlichen Intellektuellen, die sich als Schutzengel der Armen in der Welt aufspielen, sind in Wirklichkeit deren Totengräber.”

Wealthier is healthier. Warum auch in Afrika mehr Marktwirtschaft zu besserer Gesundheitsversorgung führt, erklärt Richard Feachem in einem Interview mit der “Welt”. Feachem ist Direktor des “Global Fund” zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, der 2002 von Kofi Annan und den G-8-Staaten ins Leben gerufen wurde:

DIE WELT: Der Global Fund hat sich der Bekämpfung von Aids, Malaria und Tuberkulose verschrieben. Muß man ein Optimist sein, um sich dieser Aufgabe zu stellen?

Richard Feachem: Natürlich, aber es ist nicht allein Optimismus. Es sind auch die Erfolge, die unser Bestreben stärken. Zum Beispiel hat sich gerade in der Aids-Therapie sehr viel getan: Vor zehn Jahren hätte man sich kaum vorstellen können, daß heute zwei Pillen pro Tag genügen, wo Patienten zuvor 30 schlucken mußten. Überdies sanken die Kosten in Entwicklungsländern von jährlich 10 000 Dollar pro Patient auf 150 Dollar. Neben dem dramatischen Zuwachs an HIV-Infizierten gibt es also auch enorme Fortschritte. (…)

Die Entwicklung ist noch sehr teuer, aber im Moment verschiebt sich der Pharma- und Biotech-Bereich von Nordamerika und Europa nach Asien, wie es zuvor ähnlich in der IT-Branche geschehen ist. Die Globalisierung bringt Bewegung in den Markt, erhöht die Konkurrenz und senkt so hoffentlich auch die Kosten für neue Wirkstoffe. (…)

Auch in den reichen Industrienationen wächst die Zahl der HIV-Infizierten, und es gibt keine Heilung - Aids-Patienten sind ein Leben lang auf die Therapie angewiesen. Auf diese Weise motiviert der zu erwartende Profit die Pharmaunternehmen, neue und bessere Medikamente zu suchen. Entwicklungsländer können davon profitieren, weil sie die Wirkstoffe zu günstigen Preisen erhalten.

DIE WELT: Auf Malaria läßt sich dieses Modell nicht übertragen . . .

Feachem: Ja, abgesehen von ein paar Soldaten oder Touristen, bekommen Reiche keine Malaria, es ist eine Seuche der Armen. Jährlich sterben in Entwicklungsländern eine Millionen Menschen daran, 90 Prozent der Toten sind Kinder unter fünf Jahren. Um sie zu retten, kann der Global Fund, der weltweit größte Käufer von Antimalariamitteln, einen Markt schaffen und das Interesse der Industrie schüren. Für mich ist das “global cooperate citizenship” zu dem ich Pharmakonzerne aufrufe.

Roger Bate vom American Enterprise Institute macht deutlich, inwiefern die Misere in Afrika ihre Ursache auch in westlicher Entwicklungshilfe hat:

It is well established that “wealthier is healthier,” and hence priorities for African nations must be on economic growth. Fortunately, there is a new breed of African business leaders, politicians and opinion formers. Just prior to the recent G8 summit, businessmen met in London for the Business Action for Africa summit. Pascal Dozie, chief executive of Nigeria’s Diamond Bank said “[t]he key to eradicate poverty is wealth creation, and you can only create wealth through the private sector through investment and job creation . . . . But to thrive, Africa’s private sector needs help to grow.”

In South Africa, Zambia, Uganda, Kenya and Mozambique there are domestic health experts who, emboldened by health allies in the west, are prepared to stand up to the overseas donors and health authorities and demand health interventions that work. For much of the past 20 years they had to follow donor demands, which were often based on inappropriate western green (anti-insecticide) or anti-corporate (not using brand names drugs) ideologies rather than the most effective policies.

Im Focus (38/05, S. 206-209, nur Druckausgabe) findet sich ein Interview mit dem südafrikanischen Soziologen und Unternehmensberater Moeletsi Mbeki, in dem dieser für ein grundlegendes Umdenken in der Entwicklungshilfe plädiert. Mbeki ist der Bruder des südafrikanischen Präsidenten Thabo Mbeki und kennt aus seiner Tätigkeit als Geschäftsmann und während seiner Zeit im Exil mehrere Länder Afrikas aus eigener Anschauung. Mbeki lässt keinen Zweifel daran, dass die Unterentwicklung Afrikas von den eigenen Eliten verschuldet ist:

Dass sich Afrika nicht selbst ernähren kann, hat hausgemachte Gründe. Die Eliten plündern ihre eigenen Völker und Länder aus. (…) Mit staatlichen Aufkaufgesellschaften, hohen Importzöllen und Steuern werden die Bauern arm gehalten.

Über die Kakaoproduktion in einem bestimmten, nicht namentlich genannten Land:

Der Weltmarktpreis für Kakao liegt beim Doppelten dessen, was das staatliche Vermarktungsunternehmen den Bauern als festgelegten Abnehmerpreis bezahlt. Die Konsequenz ist, dass dem Farmer am Ende kein Überschuss bleibt. (…) So entsteht eine nach unten führende Spirale: Wenn nichts in den Boden investiert wird, wird er ausgelaugt, die Erträge sinken. Die Wälder werden abgeholzt, die Wüsten dringen vor. (…) Die Pflüge, die die Äthiopischen Bauern verwenden, wurden schon 2000 Jahre vor unserer Zeitrechnung benutzt.

Über den Beschluss der G8-Länder, die Entwicklungshilfe zu verdoppeln:

Solange die Herrschenden von den Geberländern mit Geld versorgt werden, können sie weitermachen wie bisher. Das heisst, sie sind nicht auf Steuereinnahmen aus dem eigenen Land angewiesen. Und damit ist ihnen die wirtschaftliche Entwicklung (…) gleichgültig. (…) Gebergeld ist Gratisgeld, deshalb ist die Effizienz sehr gering.

Und was Afrika wirklich hilft:

Entwicklungshilfe [muss] ein politisches Ziel verfolgen, wenn sie wirklich erfolgreich sein will: nämlich die Stärkung der Fähigkeit der Bevölkerung, sich zu organisieren und eine politische Rolle bei der Entwicklung des Landes zu spielen. (…) Der Grund für die Unterentwicklung Afrikas ist die politische Struktur. Ich habe den Eindruck, die Geberländer wollen (…) ihr Gewissen beruhigen. Sie geben Geld und sagen: Wir tragen zur Entwicklung bei, unser Gewissen ist rein.

Mbeki will die Entwiicklungshilfe nicht abschaffen, aber an politische Konditionen gebunden sehen. Die herrschende Elite, so sagt er voraus, wird ein solches Vorgehen als “Neokolonialismus” brandmarken. Allerdings: Die Bevölkerung ist daran interessiert, dass man sie in ihrem Wunsch nach einem Aufbau demokratischer Strukturen hilft. Für sie wäre es kein Neokolonalismus. Die demokratischen Reformen, die seit den 90er Jahren in einer Reihe von afrikanischen Ländern durchgeführt wurden, so Mbeki, gehe an den verelendeten Massen vorbei und sei nur kosmetischer Natur.

Warum schafft die Welt es immer noch nicht, alle ihre Menschen zu ernähren, obwohl sie Nahrungsmittel im Überfluß produziert, fragt Inge Kloepfer in der FAS:

Nach den Zahlen der Welternährungsorganisation FAO hungern 852 Millionen Menschen auf der Welt. Mehr noch: Während die Ernährungsindustrie immer neue Produktivitätsrekorde erzielt, geht es den Hungernden gleichwohl nicht substantiell besser.

Die Entwicklungshilfe hat weitgehend versagt. Mehr als 2 Billionen Dollar hat der Westen in den vergangenen 50 Jahren für Entwicklungshilfe ausgegeben. Und wenig hat es für die Hunger- und Armutsbekämpfung gebracht. Schlimmer noch: Die Hilfe ist vielerorts zur Falle mutiert und hat die Entwicklungsländer in eine verheerende Abhängigkeit getrieben.

Dass Entwicklungshilfe arm macht, wurde auf diesem Blog schon mehrfach illustriert (nämlich hier, hier, hier, hier und vor allem hier). Hunger ist dabei in erster Linie ein afrikanisches Problem. Die Entwicklungshilfe ist aber nicht die alleinige Ursache:

Die Gründe für die Abhängigkeit der armen Länder liegen nicht nur in der Entwicklungshilfe. Sie liegen in den gigantischen Produktivitätsfortschritten westlicher  Nahrungsmittelproduktion, die die Preise über Jahre haben sinken lassen. Die armen Länder kamen nicht mit, die „grüne Revolution“ der 60er und 70er Jahre hat sie schlicht überrollt. Mehr als billige Arbeitskräfte konnten sie nicht bieten, wo doch die Nahrungsmittelproduktion ein kapital- und wissensintensives Geschäft geworden ist und billige Arbeitskräfte und ein günstiges Klima allein keine Vorteile mehr sind. Billige Produkte auf dem Weltmarkt haben die Anreize für die armen Länder erhöht, sich dort zu versorgen. Die eigene Landwirtschaft verloren sie aus dem Blick. Die milliardenschweren Subventionen des Westens taten ein übriges dazu, die Weltmarktpreise zu drücken. Der eigentliche Grund für die Misere sind sie nicht.

Ist also der Kapitalismus an allem schuld? Nun ist das hier kein linkes Blog und die FAS keine linke Zeitung, und darum geht die Geschichte noch ein bisschen weiter:

Die Lösung des Paradoxons vom Hunger im Überfluß liegt vor allem in den Ländern selbst. „Die Entwicklungsländer müssen die wirtschaftliche Kraft entwickeln, damit sie jene 50 Milliarden Dollar in Zukunft werden bezahlen können, die sie brauchen, um sich mit Nahrungsmitteln zu versorgen“, sagt [der Berliner Agrarökonom] Witzke. Oder: Sie müssen sich in einem ersten Schritt aus der Klammer des Westens lösen.

Zur Entwicklung wirtschaftlicher Kraft bedarf es vor allem unternehmerischer Freiheit. Warum sich die Entwicklungsländer Afrikas jedoch kaum aus ihrer Umklammerung lösen werden, ergründet das “Handelsblatt” von heute. Es ist nämlich gerade die VR China, die zunehmend korrupte Regime in Afrika hofiert:

Ein Beispiel für Pekings Politik ist Kenia: Während die Niederlande wegen der grassierenden Korruption gerade ein fast 150 Mill. Dollar schweres Hilfspaket storniert haben, unterzeichnete Hu in Nairobi ein Abkommen zur Erschließung von Ölfeldern und Verträge über eine stärkere Kooperation im Straßenbau und im Kampf gegen Malaria. Kenias Präsident Mwai Kibaki, aber auch Simbabwes Diktator Robert Mugabe fordern schon lange, dass Afrika sich vom Westen abwenden und dafür stärker nach Osten schauen sollte.

Die Umklammerung durch den Westen weicht der Umklammerung durch China. Mittlerweile hat Peking Handelsverträge mit 40 afrikanischen Staaten geschlossen:

Seit Hus erster Afrika-Reise 2004 hat sich China Öl aus Gabun und dem Sudan gesichert, aber auch für 800 Mill. Dollar einen Vertrag mit Nigeria über die Lieferung von 30 000 Barrel Öl am Tag geschlossen. Daneben hat es Angola, dem zweitgrößten Ölproduzenten in Schwarzafrika, ohne nennenswerte Auflagen einen zinsgünstigen Kredit von zwei Mrd. Dollar gewährt — im Austausch für weitere 10 000 Barrel Öl pro Tag.

Mit dieser Politik unterläuft Peking bewusst westliche Hilfszusagen, die nun stärker als bisher an demokratische Fortschritte und eine transparentere Haushaltsführung in den Empfängerländern geknüpft werden. So darf etwa der Sudan, dem Peking beim Bau von Raffinerien und Pipelines hilft, voll auf Chinas Unterstützung im Uno-Sicherheitsrat zählen. Eine Verurteilung Khartums wegen seines Vertreibungskrieges in Darfur ist dort bislang genauso am Veto der Chinesen gescheitert wie im Fall der fortgesetzten Menschenrechtsverletzungen in Simbabwe.

Nimmt man die Tatsache hinzu, dass sich China auch als Waffenexporteur betätigt und seine Lieferungen in Bodenschätzen ausbezahlen lässt, dann sieht man, wohin die Globalisierung zwischen Diktaturen führen muss. Solange es in Afrika keine Freiheit gibt, wird auf dem Kontinent weiterhin der Hunger herrschen.

Auf 106 Mrd. USD betrug sich die Entwicklungshilfe allein im letzten Jahr. Trotzdem wird Afrika immer ärmer. Die nigerianische Führung hat immerhin erkannt, wo das Problem liegt, wie Thomas Scheen berichtet:

Daß in Nigeria etwas gegen Korruption getan werden muß, ist klar. Die unvorstellbare Summe von nahezu 500 Milliarden Dollar sollen nigerianische Würdenträger seit der Unabhängigkeit des Landes von Großbritannien 1960 unterschlagen haben.

500 Milliarden Dollar – eine wahrhaft stolze Summe! Aber ist Nigeria jetzt auf dem richtigen Weg? Weit gefehlt, denn leider ist es so, dass

Korruptionsvorwürfe mittlerweile das gängigste Mittel darstellen, sich selbst an die Fleischtöpfe zu befördern. So ist die Anti-Korruptions-Behörde gerade dabei, mit dem Segen Obasanjos die nach dem Ende der Militärdiktatur 1999 mühsam aufgebauten demokratischen Strukturen einzureißen.

2,5 Bio. USD sind eine ordentliche Stange Geld. Auf diese Summe belaufen sich die Entwicklungsgelder, die die reichen Länder in den letzten fünfzig Jahren für arme Länder geleistet haben, und der Geldstrom hält an. Die jährlichen Summen wachsen sogar noch.

Waren es 2004 noch 80 Mrd. USD, so wuchs die Summe im letzten Jahr auf 106 Mrd. USD. Aber die armen Ländern bleiben arm und jedes Jahr müssen 29.000 Kinder an Krankheiten wie Malaria sterben, obwohl diese sich leicht vermeiden liessen. Die afrikanischen Länder sind teilweise heute ärmer als vor vierzig Jahren, so Marian Tupy, Assistant Director des Project on Global Economic Liberty am Washingtoner Cato Institute.

Auf diesem Blog wurde wiederholt die These vertreten, dass es Afrika nicht an Entwicklungshilfegeldern mangelt und dass diese ausserdem meist kontraproduktiv sind. Warum das so ist, erklärt “Undercover Economist” Tim Harford, der von seinen Erfahrungen mit Kamerun berichtet:

Der Fisch beginnt am Kopf zu stinken, nämlich bei der Regierung, doch der Gestank breitet sich alsbald auf die gesamte Gesellschaft aus. Es hat keinen Sinn, in ein wie auch immer geartetes Unternehmen zu investieren, da die Regierung den Unternehmer nicht vor Diebstahl schützt. (Dann können Sie auch gleich zum Dieb werden.) Es hat keinen Sinn, die eigene Telefonrechnung zu bezahlen, weil kein Kameruner Gericht einen Schuldner belangen kann. (Damit entfällt aber auch jeder Reiz, in Kamerun etwa eine Telefongesellschaft zu gründen.) Es hat keinen Sinn, sich um eine ordentliche Berufsausbildung zu bemühen, weil man ja ohnehin nicht aufgrund eigener Kenntnisse und Fertigkeit einen Job bekommt. (Außerdem können Sie sich kein Geld für die Schulgebühren leihen, weil die Bank ja weiß, dass sie ihr Geld niemals würde eintreiben können, wenn Sie sich weigerten, das Darlehen zurückzuzahlen. Außerdem gibt es gar keine guten Schulen.) Es hat keinen Sinn, Waren zu importieren, weil die Einzigen, die davon profitieren werden, die Zollbeamten sind. (Es gibt also keinen Handel. Das Zollbüro hat keine Einnahmen und sucht verzweifelt nach anderen Möglichkeiten, Schmiergelder einzutreiben.)

Es lohnt sich unbedingt, den Text in voller Länge zu lesen. “When you look at Africa, research has found that economic growth and foreign aid are inversely correlated, which is to say that in Africa foreign aid has played a negative role rather than a positive one”, weiss Marian Tupy.

Aber wie sagte schon der kenianische Wirtschaftsexperte James Shikwati: “Dem verheerenden europäischen Drang, Gutes zu tun, lässt sich bisweilen leider nicht mit Vernunft begegnen.” Und so wird der Westen auch weiter Geld in marode Staaten pumpen, zum Leidwesen von deren Bevölkerung.

Der afrikanische Ökonomon James Shikwati begründet im Gespräch mit der FAZ, warum Entwicklungshilfe Afrika mehr schadet als nutzt und deshalb eingestellt werden solte. Jede einzelne Aussage verdient es, in Gold gerahmt zu werden.

Über die Geberländer sagt Shikwati: “Diejenigen, die sogenannte Entwicklungshilfe leisten, verfolgen aber ihre eigenen Interessen. Es geht um Arbeitsplätze für Entwicklungshelfer, und es geht um politischen Einfluss und um Rohstoffe.”

Über die Wirkung der Entwicklungshilfe: “Eklatant ist, dass die Entwicklungshilfe eher die politische Industrie befördert als die Wirtschaft oder die Produktivität vor Ort. (…) Als Folge der Hilfsgelder verwenden die Menschen mehr ihrer Energie darauf, am politischen Spiel teilzuhaben.” Durchweg schlecht weg kommen bei Shikwati auch die einzelnen Hilfsorganisationen: “An wen wenden sich westliche Medien, wenn sie etwas über Afrika erfahren wollen? Sie fragen den Vertreter einer privaten Hilfsorganisation. Wir haben jetzt all diese Retter in unserer Mitte, die dem Westen erklären, dass Afrika Hilfe braucht und dass sie wissen, was zu tun ist.”

Über Korruption: “(…) in Afrika hängt das Problem der Korruption nur damit zusammen, dass Entwicklungshilfegelder in die Länder hineinfließen. Die Menschen ringen um diese Gelder und schaffen das Umfeld, in dem Korruption, die ich Diebstahl nenne, gedeiht.”

• Hier meine Lieblingspassage! Shikwati erklärt, warum Entwicklungshilfe den Afrikanern die Würde nimmt: “Der kulturelle Austausch bringt die Afrikaner dazu, die Werte von Deutschen oder anderen kennenzulernen. Diese Interaktion müssen wir in etwas Positives verwandeln. Bis jetzt ist es die Interaktion zwischen dem großen Bruder, der Geld hat, und dem kleinen Jungen, der um Geld bettelt. Wir sollten die Entwicklungshilfe beenden und beginnen, einfach Geschäfte miteinander zu machen. Das wäre ein Austausch zwischen Gleichen. Man würde dann beginnen, uns zuzuhören, anstatt uns zu belehren.”

Und warum Entwicklungshilfe die Verantwortungslosigkeit fördert: “Wie viele Menschen steinigen Politiker oder regen sich über die Korruption auf? Niemand, weil es nicht ihr Geld ist. In gewisser Weise hat der korrupte Politiker ja die Steuerzahler in Europa oder Amerika bestohlen. Wenn unsere Regierungen aber auf unser Steuergeld angewiesen sind, wird kein Afrikaner mehr akzeptieren, dass die Politiker unser Geld stehlen.”

Würde die Entwicklungshilfe eingestellt, käme es nach Shikwati zwar kurzfristig zu einer Krise, auf lange Sicht aber würde Afrika eine Wiedergeburt erleben. Ein Ende der Entwicklungshilfe würde daher auch der Demokratie in Afrika helfen.

Freilich werden westliche Gutmenschen von ihrem Paternalismus so schnell nicht lassen. Auch fürchten sie bekanntlich nichts mehr als die Destabilisierung diktatorischer Systeme und die Freiheit der Wirtschaft. Darum ist auch Shikwati nur ein Rufer in der Wüste.

“Der hält uns wohl für blöde”, meint der nigerianische Literaturnobelpreisträger Wole Soyinka über den irischen Sänger Bono und dessen gutmenschelnden Drang, Afrika mit noch mehr Almosen beglücken zu wollen. “Diese Bonos, Geldofs, und wie sie alle heißen, sagen, dass man uns helfen muss, und unterstellen damit, dass wir dazu selbst nicht in der Lage sind” – was im Klartext heisst: “Das ist Rassismus.” Der Afrikakorrespondent der FAZ, Thomas Scheen, schreibt:

Der unaufhörliche Zufluss von Geldern hat bei fast allen afrikanischen Regierungen zu einer Haltung geführt, die manche als Bettelei auf hohem Niveau bezeichnen. Einen Vorwurf kann man ihnen gleichwohl schlecht machen: Die Afrikaner haben nur die Mechanismen der Entwicklungshilfe durchschaut und machen sie sich zunutze. Entwicklungshilfe ist die einzige Industrie auf der Welt, die keine Rechenschaftsberichte ablegen muss. Das Erfolgskriterium ist oft nur, ob der Mittelabfluss geklappt hat oder nicht. Was dabei wirklich herauskommt, ist unwichtig. (…)

Entwicklungshilfe und die Nothilfe sind längst zu einer Industrie mit Umsätzen in Milliardenhöhe geworden, in der es vor allem um Umsätze geht. Die amerikanische Hilfsorganisation USAID ist dafür ein gutes Beispiel. Amerika zahlt Entwicklungshilfe in Naturalien, USAID ist der Verteiler. Doch die Getreidelieferungen nach Afrika dienen nur dem Zweck, den amerikanischen Bauern ihre Überschüsse abzukaufen und damit die Preise stabil zu halten. In Afrika aber machen diese Lieferungen die lokalen Märkte kaputt, weil das amerikanische Getreide unschlagbar billig ist.

Scheen hat einige bemerkenswerte Beispiele auf Lager, die zeigen, wie kontraproduktiv Entwicklungshilfe sein kann. Ich empfehle, den Text in voller Länge zu lesen. Erst gestern brachte Spiegel Online einen bemerkenswerten Beitrag “Warum Afrika kein Geld vom Westen braucht“, nämlich – in den Worten des Journalisten Henry Lubega: “Afrikas Problem ist doch nicht der Mangel an Geld.” Im Gegenteil, der Westen helfe Afrika langfristig zu Tode. Wann wird sich ändern? Dazu noch einmal Thomas Scheen:

Kritiker wie der Nigerianer Soyinka und der Kenianer James Shikwati stehen mit ihren Forderungen nach einem Ende dieses Patronagesystems auf verlorenem Posten. Zu viele verdienen zu gut daran. Die Entwicklungshilfeministerien haben kein Interesse an einem Ende der Füllhornpolitik. Welcher Minister oder welche Ministerin macht sich schon selbst überflüssig?

Die afrikanischen Regierungen haben kein Interesse daran, entbindet die Entwicklungshilfe sie doch davon, sich endlich Gedanken über eine wirtschaftliche Genesung aus eigener Kraft zu machen. Und die Entwicklungshelfer erst recht nicht: Die leben schließlich von der Mutmaßung, dass sie dringend gebraucht werden.

Oder in den Worten von Lubega: “Eure Minister und Schlagersänger fühlen sich besser, wenn sie sich auf diese Art produzieren können.” Irgendwie sind immer die anderen schuld, an der Armut, an der Inflation, an der Kriminalität. Nur Robert Mugabe nicht, der weise Diktator von Zimbabwe, der alles richtig macht und trotz klugen und umsichtigen Handelns stets am nie enden wollenden Kolonialismus scheitert, der ihm immer wieder aufs Neue seine Pläne durchkreuzt.

So weit, so uninteressant. Dass Diktator Mugabe dafür aber noch Applaus bekommt, ist das eigentlich bemerkenswerte und erklärt sich so:

Across Africa, a desire to move beyond the colonial legacy often runs up against the usefulness of colonial history as a unifying force. It is a rare shared experience on a gigantic continent with thousands of languages and unique ethnic groups, where governments range from kingdoms to multiparty democracies to Islamic states. If nothing else, they can all trace their very borders to the decisions of European colonialists.

Der Paternalismus des einen entspricht eben der Verantwortungslosigkeit des anderen. Ein äusserst lesenswerter Artikel in der “Herald Tribune” zum bevorstehenden EU-Afrika-Gipfeltreffen zeigt, wie sehr die ehemaligen Kolonialmächte in Afrika zum Teil verhasst sind, während man zugleich ihre Unterstützung in wirtschaftlichen Dingen nur zu gerne entgegennimmt.

It is shameful that fifty years down the line, Africa is still clamoring for the babysitting that comes from foreign aid. After fifty years of independence and receiving of foreign aid, the continent ought to be on its feet. It is time that Africa put its house in order. Looking up to the wealthy nations is not the solution.

schreibt der “African Executive”. In derselben Ausgabe wird auch Kritik am mangelnden Freihandel auf dem afrikanischen Kontinent geübt:

Africa shall not extricate herself from economic and social stagnation if she doesn’t cooperate. All the 54 nations face each other as individuals. Each country has its own business structures. To do business, one has to comply with 54 different requirements. Africa slaps high tariffs on fellow African nations (33.6 percent) but accords low tariffs to Europe (12.7 percent) and Asia (19 percent). The East African Community is facing myriad obstacles ranging from mistrust to tribalism. Africa must unite and open her boundaries to intra-Africa trade if she has to prosper and receive international respect.

Der Ökonom Ricardo Hausmann hat schon vor Jahren darauf hingewiesen, dass die Verschiffung eines Standard-Containers von der Westküste der USA zur Elfenbeinküste 3.000 USD kostet, von dort weiter in ein zentralafrikanisches Land allerdings mit 16.000 USD zu Buche schlägt. Wenn Globalisierung mehr Marktwirtschaft in der Welt bedeutet, dann hat sie Afrika bislang eben noch nicht erreicht.

Tsetse flies nibble on the eyelids of starving children who sport distended bellies like it’s their birthright, not to mention the fact that by the time you finish reading this article, another six Africans will die from malaria, five from AIDS, and seventeen from poverty and hunger. Also, the wildlife is beautiful and the people like to dance and sing.

That’s Africa, and it’s in desperate need of our help. Luckily, a few enlightened megastars from America and Europe have come to save it.

Das, so Jennifer Brea im “American”, ist das Bild, das westliche Popstars mit Helfersyndrom von Afrika pflegen. Niemand darf sich aber wundern, wenn Afrikaner sich der Rolle des permanenten Almosenempfängers verweigern. Denn die ist schlicht unter ihrer Würde:

This is why China’s seduction of Africa has been so complete. While Americans are pestering their leaders to Save Darfur – an unlikely prospect absent full-scale military intervention – the Chinese are busy building roads and hydroelectric power dams. China believes Africa is a huge economic opportunity and deals with Africa like a business partner.

Afrikaner als Business Partner? Für westliche Globalisierungsphobiker wohl eher eine Horrorvorstellung. Seit den sechziger Jahren sind 600 Mrd. USD nach Schwarzafrika geflossen, ohne dass sich der Lebensstandard dort nennenswert verbessert hätte. Im Gespräch mit der FAS erläutert der Ökonom William Easterly, warum Entwicklungshilfe kontraproduktiv ist und die Armut eher befördert als beseitigt:

Das System als Ganzes hat versagt. Dabei haben die Helferbürokratien ein solch geniales System geschaffen, dass niemand für das Versagen verantwortlich gemacht werden kann. Dieses Bevormunden, diese Neuauflage von Kiplings “Bürde des Weißen Mannes” hat viel zum Versagen beigetragen. Ein zweiter wichtiger Grund ist, dass keine individuelle Verantwortug existiert. Niemand wird zur Rechenschaft gezogen, wenn in einem Dorf Malariamedikamente nicht rechtzeitig eintreffen, um das Leben von Kindern zu retten.

“Lässt sich die Armut auf dieser Welt überhaupt beseitigen?” fragt die FAS:

Sicher. Sie schrumpft, während wir hier reden. Wie die Weltbank richtig festegestellt hat, sinkt die Zahl der Armen. Es passiert bloß nicht dort, wo der Westen sich am meisten darum bemüht. Es passiert an Orten, die eigene Wege gefunden haben.

Der Helfer-Mentalität des Nordens entspricht aber durchaus auch eine Nehmer-Mentalität des Südens. Daniel Etounga-Manguelle, Gründer und Präsident der Société Africaine d’Étude, d’Exploitation et de le Gestion (SADEG), die an über 50 Entwicklungshilfeprojekten in verschiedenen Teilen Afrikas beteiligt ist, hatte schon vor einigen Jahren die in Afrika vielfach vorherrschende Mentalität kritisiert, sich allzu leichtfertig den reichen Ländern gefügig zu machen:

In einem Afrika, das sich weigert, Wissen und Handeln zu verknüpfen, kommt unsere wahre kulturelle Identität zum Ausdruck, wenn wir uns – wie Revel bemerkt – auf den Standpunkt stellen: “Gebt uns Entwicklungshilfe in Form von Subventionen, aber verschont uns mit der Anstrengung, einen tragfähigen Bezug zur Wirklichkeit herstellen zu müssen.” Dieselbe “Kultur” steht hinter unserem Anspruch, wir hätten ein Recht auf ineffiziente Produktion, ein Recht auf Korruption, ein Recht auf die Missachtung elementarer Menschenrechte.”

Dabei ist der westliche Paternalismus irgendwie nicht auszurotten:

Paternalism was supposed to be finished. The belief that grown men and women are childlike creatures who can thrive in the world only if they submit to the guardianship of benevolent mandarins underlay more than a century’s worth of welfare-state social policy (…) [Jeffrey] Sachs is not the only sahib who invites us to view Africa through the prism of childhood. In 2004, Prince Harry of England visited Lesotho, a small, landlocked country in southern Africa, to befriend children with AIDS; in front of cameras, the prince gave a four-year-old boy a pair of Wellington boots and cradled a six-month-old girl in his arms. When Madonna traveled to Malawi in 2006, dripping dollars and sentiment, her publicist spoke candidly of her paternalist (or maternalist) aspirations: “She’s kind of adopting an entire country of children.”Rotimi Sankore, a journalist who has written widely on Africa, points out that the Africrats’ favorite poster child is “a skeletal looking two- or three-year-old brown-skinned girl in a dirty torn dress, too weak to chase off dozens of flies settling on her wasted and diseased body, her big round eyes pleading for help.” Sankore calls such images “development pornography.” The “subliminal message, unintended or not,” he argues, “is that people in the developing world require indefinite and increasing amounts of help and that without aid charities and donor support, these poor incapable people in Africa or Asia will soon be extinct through disease and starvation.”

Michael Know Beran zeigt im City Journal das ganze Elend westlicher Gutmenschen im Umgang mit Afrika auf. Warum dieser Paternalismus nicht ausstirbt? Ganz einfach:

Paternalism persists as a psychology precisely because it satisfies the cravings of vanity in a way that real reform doesn’t. (Where people have learned to save themselves, they do not need saviors.)

Passend dazu heisst es im Gastkommentar eines südafrikanischen Studenten beim African Executive:

Development is not something that professionals dream up and deliver to poor people. It must not define poor people as objects of charity. People are assets and must be helped to become active participants in moving out of poverty. The poor must be engaged in the quest to solve their problems.

Rainer Hank kommentiert in der FAZ das G8-Treffen in Heiligendamm:

Eines freilich ist heute schon gewiss: Mit der Globalisierung hat der ganze Zirkus wenig zu tun. Wenn die Protestgemeinde meutert, weil die Staatslenker der wichtigsten Industrienationen ohne demokratische Legitimation über das Wohl der Menschen auf der ganzen Welt entscheiden, dann überschätzen sie das Treffen grotesk. Und zugleich ignorieren die Kritiker geflissentlich, dass die Globalisierung der letzten 25 Jahre der ganzen Welt bislang ungeahnten Wohlstand beschert hat. Seit 1980 hat sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Weltbevölkerung verdoppelt. 450 Millionen Menschen wurden aus tiefster Armut befreit, und die mittlere Lebenserwartung der Menschheit liegt heute bei 65 Jahren.

Verantwortung dafür trägt genau jener Kapitalismus, den die Protestierer von Heiligendamm verwünschen und von dem Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, man müsse seiner Fratze nachträglich ein menschliches Gesicht aufmalen. Dabei entwickeln sich die Märkte am prächtigsten gerade dort, wo es vor 25 Jahren die wenigsten erwartet hätten: im sozialistischen China und im bürokratischen Indien. Soll man es unmenschlich nennen, dass allein in China in diesem Zeitraum die Zahl der Armen (jene, die täglich nicht mehr als zwei Dollar zur Verfügung haben) von 260 Millionen auf 42 Millionen schrumpfte?

In der Tat, die Globalisierung ist ein Segen gerade für die sog. Dritte Welt. Dort jedoch, wo Länder arm bleiben, liegt der Grund darin, dass die Globalisierung sie bislang gar nicht erreicht hat:

Das zeigt vor allem Afrika, jener Kontinent, der auf der G-8-Agenda ganz oben steht und dem die Welt statt mit Marktwirtschaft mit Planwirtschaft (genannt Entwicklungshilfe) beizukommen sucht. 600 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe haben die Länder Schwarzafrikas seit ihrer Unabhängigkeit erhalten. Von einem “vergessenen Kontinent” kann angesichts dieses Finanzvolumens keine Rede sein. Genützt hat das alles nichts. Das Pro-Kopf-Einkommen stagniert seit Dekaden; teilweise sind die Lebensbedingungen heute sogar schlechter geworden. (…) Unverständlich bleibt, warum die Gutmeinenden jetzt immer noch mehr Entwicklungsgelder fordern. Längst flehen sogar afrikanische Ökonomen den Westen (und China) an, den Geldfluss abzustellen. Denn Entwicklungshilfe macht Menschen zu Bettlern: Sie werden abhängig, korrupt, und das eigene wirtschaftliche Engagement bleibt gelähmt.

Gewiss, Europa schottet sich gegenüber Produkten aus Afrika ab; die Misere ist aber mindestens ebensosehr im bereits erwähnten Misstand zu suchen, dass der Kontinent unter autoritären Bürokratien leidet, die das grösste Hindernis für die Entfaltung freier Märkte darstellen. Sollte man diese wirklich mit noch mehr Geld füttern? In deselben Ausgabe der FAZ findet sich unter dem Titel “Dreht den Diktatoren den Geldhahn zu” (leider nicht online) ein Porträt über den Schriftsteller und Afrika-Kenner Asfa-Wossen Asserate und dessen Kritik an der westlichen Entwicklungshilfe:

“Die Bürokratie ist eine der furchtbaren Geißeln der afrikanischen Länder”, sagt Asserate (…). “Viele afrikanische Führer leben in einer Traumwelt. Sie glauben, westliche Investoren seien Bittsteller, denen man die Türe öffnen könne oder nicht.” (…) Äthiopien könnte eine Kornkammer sein, statt mit Hungersnöten von sich reden zu machen. “Aber nicht mal ein Viertel der möglichen Anbaufläche wird genutzt”, sagt Asserate (…).

(…) Eine undifferenzierte Entwicklungspolitik, die mit der Gießkanne wstliche Steuergelder über Afrika regnen liesse, lehnt Asserrate strikt ab. Zu viel sei in den Kanälen korrupter Regime versickert. Auch den in Gleneagles bekräftigten Schuldenerlass sieht er skeptisch. “Einige der Länder, denen alles erlassen wurde, nehmen schon wieder eifrig neue Kredite auf, diesmal auch bei den Chinesen.” Der Schuldenerlass komme vor allem den schlecht wirtschaftenden Staatschefs zugute. “Für die Übel des afrikanischen Kontinents sind die afrikanischen Führer und Diktatoren verantwortlich, die westliche Kritiker gerne als Neokolonialisten beschimpfen.”

Die Zahlen sprechen eine deutlichen Sprache: Während sich weltweit seit 1970 der Anteil der Armen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, von 38 auf 19% halbiert hat, ist er in Afrika von 10 auf 30% gestiegen. Soll dieser Zustand etwa zementiert werden? Ist es das, wofür Attac, Pax Christi, DKP, „Die Linke“, IG Metall und „Terre des Hommes“ in Heiligendamm auf die Strasse gehen? Roland Baader schrieb 2003 völlig zu recht: “Die westlichen Intellektuellen, die sich als Schutzengel der Armen in der Welt aufspielen, sind in Wirklichkeit deren Totengräber.”

China rollt Afrika auf: Allein in den neunziger Jahren stieg das Handelsvolumen um 700 Prozent. Von 2002 auf 2003 verdoppelte es sich von etwa 9 Milliarden Dollar auf 18,5 Milliarden Dollar, um 2004 noch einmal nahezu 100 Prozent zuzulegen. Im vergangenen Jahr betrug das Handelsvolumen knapp 35 Milliarden Dollar. Die chinesischen Direktinvestitionen in Afrika belaufen sich mittlerweile auf 900 Millionen Dollar von insgesamt 15 Milliarden Dollar, die auf dem Kontinent investiert wurden, mit steigender Tendenz:

Der chinesische Erdölkonzern China National Petroleum sicherte sich anläßlich der Reise für mehr als 2 Milliarden Dollar 45 Prozent eines als äußerst ergiebig geltenden nigerianischen Ölfeldes. Zudem wurde chinesischen Firmen die Ausbeutung vier weiterer Ölfelder zugesprochen.

Im Gegenzug will China 4 Milliarden Dollar in die Reparatur der maroden nigerianischen Infrastruktur investieren, will Straßen, Kraftwerke und ein Eisenbahnnetz bauen. Im Süden des Landes ist eine Freihandelszone geplant, an der chinesische Unternehmen reges Interesse zeigen. Von dort aus ließen sich sowohl West- als auch Zentralafrika leicht beliefern. Das Investitionsvolumen wird auf 7 Milliarden Dollar geschätzt.

China kleckert nicht in Afrika, China klotzt. In Sudan ist China mittlerweile der größte Erdölförderer. In Angola, dem nach Nigeria zweitgrößten Erdölproduzenten Afrikas, lehren die Chinesen der etablierten Konkurrenz aus Europa und Amerika längst das Fürchten. In Kongo fördern Chinesen unter haarsträubenden Umständen Kupfer und Kobalt in rauhen Mengen, in Zimbabwe Platin, und die südafrikanischen Bergbaukonzerne können gar nicht soviel Steinkohle, Platin und Eisenerz verschiffen, wie die Chinesen ordern.

Im Gegensatz zu Europa stellt China keine Forderungen nach Demokratie oder Transparenz. Zugleich betreibt China in Afrika nicht nur die Sicherung von Rohstoffen, sondern auch das Schaffen von Absatzmärkten. Chinesische Produkte sind so billig, dass die lokale Wirtschaft mit ihnen nicht konkurrieren kann, und sie überschwemmen den Kontinent. Mit ambivalenten Folgen:

China [unterminiert] mit seiner Vorgehensweise alle Bemühungen von Internationalem Währungsfonds und Weltbank, die Korruption in Afrika auszumerzen. Es perpetuiert damit politische Systeme, die als Haupthindernis für eine nachhaltige Entwicklung des Kontinents gelten.

Auf der anderen Seite aber verzeichnete Afrika im zurückliegenden Jahr ein Wirtschaftswachstum von 5,2 Prozent, so viel wie noch nie. Dieses Wachstum war vor allem der chinesischen Nachfrage nach Öl und der damit einhergehenden Preissteigerung geschuldet. China hat den afrikanischen Ländern bilaterale Schulden in Höhe von 10 Milliarden Dollar erlassen, schickt Mediziner auf den Kontinent und lädt jedes Jahr Tausende afrikanischer Studenten und Arbeiter zum Studium oder zu Weiterbildungsseminaren nach China ein.

Wohin diese Entwicklung wohl führen mag? Chinas Interessen auf dem afrikanischen Kontinent werden wohl kaum dazu führen, dass Peking sich für Demokratie und Menschenrechte einsetzt. Aber so kann man es auch sehen:

(…) die unverhoffte chinesisch-afrikanische Allianz bringt ein Element in die postkoloniale Ära, das auch einen blinden Fleck der Ersten Welt enthüllt. Sie findet sich nun wieder als eine, die Afrika immer zum Objekt ihrer eigenen Ambitionen machte, zuerst ihrer materiellen, später ihrer politischen. China dagegen nimmt den Kontinent insofern ernst, als es ihn in einen realen Interessenaustausch verwickelt.

Schlechte Nachrichten für alle Kulturpessimisten: Die Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft hat die Armut im Land drastisch reduziert. 635 Mio. Chinesen haben seit 1981 die Zeit der maoistischen Mangelversorgung hinter sich gelassen. (Und Lafontaines Segel suchen noch immer den Wind der Geschichte.)

Zu allem Überfluss ist in den letzten drei Jahren auch die Zahl der Terrorvergehen und Kampfhandlungen weltweit zurückgegangen, so eine UN-Studie. Dies steht natürlich in einem krassen Widerspruch zu dem populären Glauben, dass der Krieg gegen den Terror diesen erst anheize.

Aber welche linke Prophezeiung wurde nicht irgendwann von der Realität überholt? “An den Pessimismus gewöhnt man sich zuletzt wie an ein zu enges Sakko, das sich nicht mehr ändern lässt” wusste schon André Gide. Bleibt dran, Genossen.

Die kenianische Filmemacherin June Arunga berichtet von ihren Erfahrungen mit Arbeitern in Vietnam, die nach westlichen Massstäben unter recht erbärmlichen Verhältnissen für ihr Auskommen schuften müssen. Dennoch, so berichtet Arunga, die mit Johan Norberg einen Film über dieses Thema drehte, waren die Menschen mit ihrer Arbeit zufrieden:

A Vietnamese woman on the documentary said that over time people bought bicycles to ride to work. So the company had to create a place for them to park their bicycles. But soon they bought scooters, and, now, if you look at the parking lot, most of them have cars because they have become valued, skilled workers and they have more money. None of them think of where they work as sweatshops with the connotation it has here. Their dignity is attached to the fact that they are progressing in life, becoming more sophisticated, providing for their families, and having fewer fears of death from hunger and disease.

Schon Ludwig von Mises wusste, dass “einer der wichtigsten sozialen Wirkungen des Kapitalismus” darin besteht, “dass er alle Schichten der Gesellschaft entproletarisiert.” (Nationalökonomie, Genf 1940: 610 f.). Auf die Frage, was denn die Armut ihrer Ansicht nach eher beseitige – mehr Entwicklungshilfe oder freie Märkte, antwortet Frau Arunga:

Free markets are the only way for people to preserve their dignity. Imagine if you were born into a station in life where you could only receive charity and not be able to explore your talents, come up with ideas that you think could solve the problems around you, convince somebody of the merits of your idea, have somebody invest in your project and then actually see the problems around you being solved. What markets do basically is to attempt to solve problems, an imperfect and constantly evolving trial and error process to finding different approaches to meeting human demand for goods and services. If there is a need for something, anyone can decide to solve the problem for a fee. You find out what need matches your talent, knowledge or resources, then you take the risk by putting money on your proposed idea, if your solution is good and people find it valuable, they pay you the fee you are asking for in return. There is basic human dignity that comes from people being involved in the market and solving problems and making a living from being useful rather than receiving charity. I don’t think charity is a way to wealth, and I never heard of one telling their children it is either.

Dieses Interview verdient eine unbedingte Leseempfehlung! Warum ist Afrika arm? – Antwort:

Capital is a big problem for Africa. The irony is that there is so much capital seeking investment opportunities around the globe, and the countries that need it most, seem to be the ones that discourage its influx with poor policies that are hostile to investors (both local and foreign), have unreliable courts to enforce contracts, and protect the interests of entrepreneurs.

-Michael Kreutz

Wie Mugabe die Wahlen gestohlen hat

July 5, 2008 · Filed Under Afrika, Menschen & Mächte · 1 Comment 

Ein Video, das der “Guardian” jetzt veröffentlicht hat, beweist: Mugabe hat die Wahlen in Zambabwe vom 27. Juni systematisch fälschen lassen. Der Film zeigt, wie die Wärter eines Gefängnisses von der Regierungspartei Zanu PF unter Druck gesetzt werden, ihre Stimme für Mugabe abzugeben.

635 Mio. Chinesen der Armut entkommen

May 27, 2008 · Filed Under China, Zukunftsfragen · 1 Comment 

Schlechte Nachrichten für alle Kulturpessimisten: Die Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft hat die Armut im Land drastisch reduziert. 635 Mio. Chinesen haben seit 1981 die Zeit der maoistischen Mangelversorgung hinter sich gelassen. (Und Lafontaines Segel suchen noch immer den Wind der Geschichte.)

Zu allem Überfluss ist in den letzten drei Jahren auch die Zahl der Terrorvergehen und Kampfhandlungen weltweit zurückgegangen, so eine UN-Studie. Dies steht natürlich in einem krassen Widerspruch zu dem populären Glauben, dass der Krieg gegen den Terror diesen erst anheize.

Aber welche linke Prophezeiung wurde nicht irgendwann von der Realität überholt? “An den Pessimismus gewöhnt man sich zuletzt wie an ein zu enges Sakko, das sich nicht mehr ändern lässt” wusste schon André Gide.

Bleibt dran, Genossen.


Siehe auch:

Die Afrikraten

February 27, 2008 · Filed Under Afrika, Paternalismuskritik · Comment 
Paternalism was supposed to be finished. The belief that grown men and women are childlike creatures who can thrive in the world only if they submit to the guardianship of benevolent mandarins underlay more than a century’s worth of welfare-state social policy (…) [Jeffrey] Sachs is not the only sahib who invites us to view Africa through the prism of childhood. In 2004, Prince Harry of England visited Lesotho, a small, landlocked country in southern Africa, to befriend children with AIDS; in front of cameras, the prince gave a four-year-old boy a pair of Wellington boots and cradled a six-month-old girl in his arms. When Madonna traveled to Malawi in 2006, dripping dollars and sentiment, her publicist spoke candidly of her paternalist (or maternalist) aspirations: “She’s kind of adopting an entire country of children.”

Rotimi Sankore, a journalist who has written widely on Africa, points out that the Africrats’ favorite poster child is “a skeletal looking two- or three-year-old brown-skinned girl in a dirty torn dress, too weak to chase off dozens of flies settling on her wasted and diseased body, her big round eyes pleading for help.” Sankore calls such images “development pornography.” The “subliminal message, unintended or not,” he argues, “is that people in the developing world require indefinite and increasing amounts of help and that without aid charities and donor support, these poor incapable people in Africa or Asia will soon be extinct through disease and starvation.”

Michael Know Beran zeigt im City Journal das ganze Elend westlicher Gutmenschen im Umgang mit Afrika auf. Warum dieser Paternalismus nicht ausstirbt? Ganz einfach:

Paternalism persists as a psychology precisely because it satisfies the cravings of vanity in a way that real reform doesn’t. (Where people have learned to save themselves, they do not need saviors.)

Passend dazu heisst es im Gastkommentar eines südafrikanischen Studenten beim African Executive:

Development is not something that professionals dream up and deliver to poor people. It must not define poor people as objects of charity. People are assets and must be helped to become active participants in moving out of poverty. The poor must be engaged in the quest to solve their problems.


Siehe auch:

Scharia-Islam und Kulturpessimismus

February 6, 2008 · Filed Under Aus dem Tollhaus · 3 Comments 

Die opportunistische Zurschaustellung einiger ausgewählter und gegen den Strich interpretierter Passagen der autoritativen Texte, die ihren Zweck nur bei gleichzeitiger Ausblendung aller übrigen erreicht, erschüttert die Glaubwürdigkeit der betreffenden Vertreter des Scharia-Islams aber nicht nur bei den Nichtmuslimen, sondern auch bei vielen Muslimen. Zum einen verhallen die Äußerungen derjenigen, die die Geltung von Koran und Sunna auf die zuerst beschriebene Weise sichern wollen, nicht ungehört, und viele Muslime sehen darin eine ehrlichere Haltung und üben heftige, sich bis zur Androhung von Gewalt steigernde Kritik an der, wie sie meinen, verfehlten Legitimierung der westlichen Zivilisation durch Koran und Sunna.

Zum anderen gibt es die vielen säkularisierten Muslime, die sich von derartigen Versuchen zur Rettung der autoritativen Texte nicht beeindruckt zeigen. Sie praktizieren ihre Riten, sei es im privaten Rahmen, sei es in der Moschee; sie beteiligen sich auch am Gemeindeleben, sofern es nicht von den Sachwaltern des Scharia-Islams beherrscht wird. Diese Muslime verfügen über keine lautstarke Interessenvertretung, die ihrem Standpunkt in der Öffentlichkeit Nachdruck verleihen könnte. Sie, die in ihrem Alltag bekunden, dass sie für dessen Bewältigung die Scharia gut entbehren können, sind längst Bürger unseres pluralistischen, freiheitlichen Staates geworden und stehen, wie ich aus Gesprächen weiß, dem Geltungsstreben der Verbände des Scharia-Islams skeptisch, bisweilen sogar fassungslos gegenüber.

schreibt der Göttinger Islamwissenschaftler Tilman Nagel in der gestrigen FAZ (leider nicht online). Sehr richtig: Die vielen säkularisierten Muslime sind eine Realität in Europa; sie für eigene Zwecke zu vereinnahmen ist das Ziel der Vertreter des “Scharia-Islams”.

Von dieser Sorte ist mir gestern eine Publikation auf den Tisch geflattert: “Nun - Zeitschrift für muslimische Kultur.” Darin schreibt z.B. ein Ahmad Gross:

Wenn ich heute, in dieser Gesellschaft, die Begriffe “Werte” und “Normen”, “Dekalog” etc. höre und mir vergegenwärtige: welchen Grad an geistiger und sozialer Verwahrlosung und Anarchie die vom Kapitalismus (Riba/Wucher ist DAS Grundübel dieser Zeit) befallenen Gesellschaften weltweit erreicht haben, so wird einem als Muslim nur noch übel, angesichts dieser Heuchelei und Augenwischerei.

(…) Dass wir Menschen nach der grotestk gescheiterten diesbezüglichen “Versuchsanordnung Humanismus” bzw. “Moderne”, insbesondere im 20. Jahrhundert (Hitler, Stalin, Mao etc etc.) nicht dazu gelernt haben, lässt noch schlimmeres ahnen. Rilke sagte schon am Vorabend des I. Weltkriegs, dass “die Welt in die Hände der Menschen gefallen” sei, leider war er auch hier ein genauer Beobachter seiner Zeit.

(…) Islam IST keine bestimmte Kultur; vielmehr filtert er jede Kultur und VEREDELT sie. Wenige, aber entscheidende Dinge, die dem Menschen besonders schädlich sind (Beigesellung1, Wucher, Ehebruch, Drogen), werden herausgefiltert, damit die Familie und das Gemeinwesen erblühen können. Egal ob in Indonesien, Afrika oder in Europa. Damit - um uns an den heutigen Krebs des Kapitalismus zu erinnern - Wohlstand durch die ganze Welt fließen kann und nicht, wie heute, von immer weniger Menschen gehortet wird, während die Mehrheit verelendet.

In dem Stil geht es weiter. Ein Ismail Yavuzcan zitiert zustimmend den berüchtigten Murad Hofmann, der eine krude Theorie vom Gegensatz zwischen Westen und Osten aufgestellt hat, wobei ersterer für Quantität und letzterer für Qualität stehe:

“Im Westen scheint nichts mehr Werte beanspruchen zu können, was sich nicht quantifizieren bzw. neuerdings digitalisieren, also auf 0 oder 1 zurückführen lässt. Rein geistige Werte sind kaum kommerzialisierbar und damit in Heller und Pfennig wertlos. In diesem Sinne geht es beim Leben des westlichen Menschen eher um das Haben; beim Leben des orientalischen Menschen geht es jedoch eher um das Sein”.

Eine typische Vorstellung westlicher Orientschwärmer. Und wenn geistige Werte kommerzialisierbar wären, so würde ebendiese Kommerzialisierung auch wieder angeprangert werden. Die Vertreter des Scharia-Islam aber suchen nicht nur ihr persönliches Heil, sondern möchten die ganze Gesellschaft beglücken: “Für einen Paradigmenwechsel sprächen (…) der Islam auch als ökonomischer Mittelweg.”

Es folgt das übliche Lamento über die korrupte “Konsumgesellschaft (McDonalds, Coca Cola, Lewis, IBM, Nokia, Hollywood, Viva usw.)” - aber gottseidank gibt es Hoffnung:

Dass viele muslimische Migranten trotz der Verlockungen der Spaßgesellschaft auch positive Akzente setzen, zeigen gerade diese Studien: Die türkischen Bewohner stabilisieren ihr Wohngebiet, weil sie Drogen nicht tolerieren, weil sie Diebstahl ächten, weil sie ihren Nachbarn helfen usw.

Und deswegen geht es den Muslimen immer schlechter. Ein anonymer Autor schreibt:

Ist Deutschland überhaupt um sein Ansehen in der islamischen Welt bemüht und interessiert? Das Image Deutschlands ist wohl niemandem mehr wichtig, wenn man sich im Schatten einer Großmacht verstecken kann.

Solche Erfahrungen haben Muslime schon mal in Anadalusien und Osteuropa gemacht, wie die Juden in Deutschland. Was für einen Plan haben Muslime für die Zukunft in Deutschland, wo sie eigentlich anfingen, sich hier heimisch zu fühlen, wenn Übergriffe nicht nur verbal und intellektuell unterlegt sind? Es wäre überhaupt nicht verkehrt und verfrüht, wenn man anfinge sich über einen Plan B mit einer Exodus-Option Gedanken zu machen.

- Nein, liebe säkulare Muslime in Europa, solche Möchtegern-Repräsentanten wie diese habt Ihr wahrlich nicht verdient!


Siehe auch:


  1. gemeint ist shirk, gemeinhin als Polytheismus übersetzt [back]

Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg!

January 5, 2008 · Filed Under Türkei · Comment 

Nein der Artikel in “Aksiyon” behandelt nicht die Ressentiments von Deutschen gegen Türken, sondern wie zahlreiche Türken auf die zunehmende Zahl von Arbeitsmigranten aus Moldawien, Aserbaidschan, Afrika etc. reagieren.

Postkolonialismus als Ideologie

December 5, 2007 · Filed Under Paternalismuskritik · 5 Comments 

Irgendwie sind immer die anderen schuld, an der Armut, an der Inflation, an der Kriminalität. Nur Robert Mugabe nicht, der weise Diktator von Zimbabwe, der alles richtig macht und trotz klugen und umsichtigen Handelns stets am nie enden wollenden Kolonialismus scheitert, der ihm immer wieder aufs Neue seine Pläne durchkreuzt.

So weit, so uninteressant. Dass Diktator Mugabe dafür aber noch Applaus bekommt, ist das eigentlich bemerkenswerte und erklärt sich so:

Across Africa, a desire to move beyond the colonial legacy often runs up against the usefulness of colonial history as a unifying force. It is a rare shared experience on a gigantic continent with thousands of languages and unique ethnic groups, where governments range from kingdoms to multiparty democracies to Islamic states. If nothing else, they can all trace their very borders to the decisions of European colonialists.

Der Paternalismus des einen entspricht eben der Verantwortungslosigkeit des anderen. Ein äusserst lesenswerter Artikel in der “Herald Tribune” zum bevorstehenden EU-Afrika-Gipfeltreffen zeigt, wie sehr die ehemaligen Kolonialmächte in Afrika zum Teil verhasst sind, während man zugleich ihre Unterstützung in wirtschaftlichen Dingen nur zu gerne entgegennimmt.


Siehe auch:

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