Agenten des Wandels?

June 30, 2008 · Filed Under Arabische Welt, Globalisierung, Medien · Comment 

Arabische Journalisten, so behauptet eine Studie (PDF) der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC), begreifen sich mittlerweile überwiegend als “Agenten des Wandels”. Der Autor der Studie, der Medienwissenschaftler Lawrence Pintak, Direktor des “Adham-Zentrums für elektronischen Journalismus”, hat 601 Journalisten aus dreizehn arabischen Ländern befragt, von denen 75% “Ermunterung politischer Reformen” für die wichtigste Aufgabe von Journalisten halten:

Arab journalists favor regional political and social change. “Encourage political reform” was the “most significant” job of a journalist, chosen by 75 percent of respondents (see Figures 2a and 2b); “political reform”was at the top of the list of “most important issues”facing the Arab world, followed closely by “human rights,” “poverty,” and “education” (see Figure 3). “Lack of political change” (32 percent) ran a close second to U.S. policy (34 percent) as the greatest threat facing the Arab world (beyond the ever-looming presence of Israel), followed by an array of regional issues such as human rights abuses (23 percent),the economy (20 percent), and political instability (18 percent) (see Figure 4). This regional perspective was also evident in the fact that twice as many respondents identified first with the Arab world (32 percent) than with their individual nation (15 percent), and a quarter indicated that they belonged first to the Muslim world (25 percent) (see Figure 5). “Democrat” was the primary political identity of half of all Arab journalists responding to the survey, eclipsing Arab nationalist (15 percent), Islamist (10
percent), and nationalist (8 percent) (see Figure 6).

Der ganze Bericht als solcher ist ausgesprochen lesenswert. Allerdings dürften arabische Journalisten nur einen geringen Spielraum haben, ihre Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache zu stellen,  wofür uns dieser Tage Ägypten ein eindrucksvolles Beispiel liefert. Dort nämlich sind die Massenmedien eher Agenten des Rückschritts:

“In diesen Fernsehsendungen wird die wahhabitische Auslegung des Islam vertreten”, sagt Soad Salih, Professorin für islamische Studien an der Al-Azhar-Universität, die älteste und höchste Lehrinstanz des sunnitischen Islams. Der Einfluss der Fernseh-Scheichs auf die Zuschauer sei enorm, sagt die Professorin. Vor allem auch deshalb, weil in Ägypten die Zahl der Analphabeten immer noch bei etwa 40 Prozent liegt. Dass immer mehr Frauen den Gesichtsschleier anlegen, liege auch an der wahhabitischen Auslegung des Korans in diesen Sendungen, sagt Salih.

An dieser Stelle sei daran erinnert, dass vor zwei Jahren der Verband Arabischer Journalisten einen Bericht zur Pressefreiheit in der Arabischen Wert verfasst hatte, der – wie nicht anders zu erwarten – nicht gerade rosig ausgefallen war.

Der Bericht von 2007 kommt leider zu keinem besseren Ergebnis. So sind in 50% aller arabischen Länder Zeitungen dauerhaft oder zeitweilig von Zwangsschliessung betroffen. Dort, wo das nicht der Fall ist, liegt der Grund wohl in der massiven redaktionellen Intervention durch den Staat oder dieser ist gleich Monopolist.

In den Slums von Kairo

February 29, 2008 · Filed Under Arabische Welt, Israel · 1 Comment 
… I visited several Palestinian refugee camps on the West Bank and in the Gaza Strip and was astonished to see better living conditions than the slums of Cairo.

Die ägyptische Journalistin Mona Eltahawy erklärt auf Middle East Transparent, warum die arabische Solidarität mit den Eindwohnern von Gaza nur geheuchelt ist. Während die Lebensverhältnisse in ägyptischen Slums oftmals schlechter sind, chronische Krankheiten nicht behandelt werden und Kinder in Grabstätten aufwachsen, die provisorisch zu Unterkünften umfunktioniert werden, kennen die ägytpischen Medien nur ein Thema:

Yet nobody rushes to blast holes into the imaginary border of poverty that suffocates those slums nor are they sporting t-shirts urging us to sympathize. Why?

Because Israel cannot be blamed.

Und das gilt auch für die arabischen Brüder in anderen Ländern, z.B. den Irak:

Arab media, particularly the state-owned kind, are equally discouraged from focusing on national issues — such as the desperate state of our slums — and instead devote most newsprint and airtime to the Israeli-Palestinian conflict or Iraq . The latter never got much attention when Saddam Hussein was filling mass graves with Shi’ites and Kurds, but catapulted to the top of the news bulletins when the Arab world’s other bete noire — the United States — invaded Iraq in 2003.

Auf Nativ weist Moshe Sharon zu Recht darauf hin, dass der israelische Friedensvertrag mit Ägypten eine Selbsttäuschung ist:

Israel obliges itself to ignore all the Egyptian violations of the treaty: The horrific anti-Semitic publications in the Egyptian state-controlled and state-directed media, and the intensive Egyptian anti Israeli activity in all the international forums.


Siehe auch:

Eine Woche in Kairo

Die letzte Woche habe ich in Kairo auf einer Konferenz über Geschichts- und Sozialkundebücher zugebracht, für mich die zweite dieser Art. Besonders schmerzlich fiel ins Auge, dass die einladende deutsche Organisation als Partner ausschließlich Akademiker und Funktionäre des Mainstreams ausgewählt hatte, nämlich Vertreter des staatstreuen Nationalismus oder solche der islamistischen Strömungen. Reflektierte Liberale dagegen, die es durchaus gibt, waren nicht anzutreffen, im Gegensatz zur letzten Konferenz im November, wo sie immerhin als Statisten vertreten waren.

Von einem Theologen der Azhar-Universität, einer Institution, die die Bestrafung von Apostasie vom Islam unterstützt, mithin also gegen Religionsfreiheit ist, hörten wir einen ausführlichen Vortrag darüber, dass der Mensch religiös veranlagt sei, dass Religion in allen Bereichen des Lebens, also auch der Bildung Vorrang haben müsse, und dass Wissenschaft mit Religion niemals im Widerspruch stehen könne. Lobend sprach er von der Religionsfreiheit und der Demokratie im Islam. Leider gab es während der ganzen Konferenz keine Verständigung über diese Begriffe (Menschenrechte), obwohl sie viel gebraucht wurden und mit Sicherheit anzunehmen ist, dass es grundlegende Differenzen in den Auffassungen gibt. So wird von Vertretern des politischen Islams die Institution der Dhimma, also des Schutzes bestimmter Rechtsgüter von Nichtmuslimen unter islamischer Herrschaft, gern als Ausdruck der Religionsfreiheit im Islam beschworen, was der Auffassung gemäß der Erklärung der Menschenrechte fundamental widerspricht.

Es gab einige weitgehend inhaltsfreie Beiträge, die in irgendwelcher Form eine bessere Darstellung “des Selbst und des Anderen” im Schulunterricht forderten. Zu den Highlights zählten Berichte über die Bildungsreformen in Oman und den VAE und die Darstellung eines libanesischen Historikers, der zwar nicht auf die Bildungssituation einging, dafür aber einige falsche Grundannahmen aufdeckte, auf denen Begegnungen und gegenseitige Rezeption zwischen Arabern und Europäern oft aufbauen. Z. B. wies er darauf hin, dass der arabische Beitrag zur westlichen Wissenschaft und zur westlichen Rezeption der griechischen Philosophie durchaus in zahlreichen westlichen Veröffentlichungen gewürdigt wird, dass der Westen in den arabischen Gesellschaften ohnehin präsent sei, nämlich als das maßgebende Vorbild für die Organisation öffentlicher Institutionen, und dass der Kolonialismus keine hinreichende Begründung für die Probleme der arabischen Gesellschaften sei, wofür er mit einigen Beispielen auf die Situation in Japan, China und Indien verwies, wo mit dem Erbe und den Lasten des Kolonialismus erfolgreicher umgegangen werde.

Ein anderer interessanter Beitrag war die vergleichende Analyse zwischen drei jordanischen Geschichtsbüchern und einem amerikanischen, alle für die Sekundarstufe, auf ihre Darstellung “des Selbst und des Anderen” hin, mit dem Ergebnis, dass das amerikanische Schulbuch sowohl in Umfang und Detailgenauigkeit als auch in Sachen Würdigung der fremden Kultur den jordanischen Schulbüchern vieles voraus hat. Dies wurde von Seiten der deutschen Gastgeber jedoch in der anschließenden Diskussion eilfertig relativiert mit dem Verweis auf das föderale Schulsystem in den USA und darauf, dass das untersuchte amerikanische Schulbuch eben nur einen ganz bestimmten Geschichtsansatz für die Sekundarstufe - “History of Civilizations” - behandle. Die Darstellung solle keineswegs ausdrücken, “dass etwa amerikanische Schulbücher besser seien als jordanische” (was eine glatte Untertreibung wäre). Der junge Referent nickte dazu - was hätte er dagegen auch sagen sollen?

Wie immer, wenn ich in Ägypten bin, besuchte ich Kamal, der in den 1990er Jahren an einer Schulbuchstudie des Ibn Khaldoun Centers über Religionen im Religionsunterricht mitgewirkt und in zahlreichen Artikeln die voranschreitende Islamisierung des ägyptischen Bildungswesen angeprangert hat. Er schreibt nach wie vor mit ungewöhnlich klaren Worten gegen die Islamisierung Ägyptens (z. B. hier) und gegen den desolaten Zustand des Schulunterrichts an (z. B. hier) an. Als ich bei ihm eintreffe ist ein beträchtlicher Teil seiner Verwandtschaft versammelt, um den Abschied seiner ältesten Tochter zu feiern, die für ein halbes Jahr zu Verwandten nach Frankreich reist, um Französisch zu lernen und sich nach Studienmöglichkeiten umzuschauen. Es wird gegessen, musiziert, gesungen, dazu getanzt, getrunken und sehr viel gescherzt und gelacht.

U. a. lerne ich hier Said Okasha kennen (von ihm kann man hier lesen). Er ist Journalist und einer der ganz wenigen Ägypter, die mit einem Stipendium der israelischen Botschaft nach Israel gegangen sind, um Land, Leute und Sprache kennen zu lernen. Wir unterhalten uns ein paar Takte in unserem rostigen Hebräisch. Nach seiner Rückkehr verlor Said seine Mitgliedschaft in der Wafd, einer oppositionellen Partei, die als liberal gilt, und durfte auch nicht mehr für ihr Parteiorgan schreiben, was ihm zuvor einen wichtigen Teil seines Lebensunterhalt gesichtert hatte. Es folgten ein paar Jahre der Unsicherheit, in denen er sich z. T. mit Musizieren durchschlug - er spielt sehr gut Laute (’Ud), auch an diesem Abend - und als Journalist in Marokko arbeitete, wo er wiederum nach seinem ersten Beitrag, der eine Normalisierung mit Israel in Betracht zog, den Hut nehmen durfte. Immerhin veröffentlicht heutzutage al-Ahram zuweilen einen Beitrag von ihm.

Said ist außerdem Mitglied von Arabs Against Discrimination (www.aad-online.org), für die er israelische Presse übersetzt und analysiert. Ähnlich einem anderen Teilnehmer der Konferenz betrachtet er die immer wieder von offiziellen Stellen beschworene Gegnerschaft zum Zionismus als müden Vorwand für den desolaten Zustand des ägyptischen Staates. Said und Kamal sind der Beschwörungen der arabischen Einheit müde. Mit großem Eifer suchen sie in Sprache, Musik und Literatur das vor-islamische und vor-arabische Erbe der ägyptischen Kultur und sind der arabischen Musik, der arabischen Schriftsprache usw. überdrüssig.

Linke Bündnisse

October 25, 2007 · Filed Under Neoirrationalismus, Ägypten · Comment 

Weil die Linke immer demselben Muster folgt. Sie schließen Bündnisse mit Leuten, die denselben Gegner haben, und die Linke hält die USA für ihren schlimmsten Feind. Und deshalb unterstützt sie lieber die Muslimbruderschaft als eine Organisation, der ein prozionistischer und pro­amerikanischer Sandmonkey angehört.

sagt der Betreiber von Sandmonkey, eines der populärsten Blogs in Ägypten gegenüber “Jungle World” in einem sehr lesenswerten Interview.

Nein. Die Leute, die angefangen haben, über Demokratie im Nahen Osten zu debattieren, haben diese Debatte mit der Situation im Irak verknüpft. Sie sind der Meinung, wenn im Irak die Etablierung der Demokratie erfolgreich verläuft, ist die Demokratie auch ein Modell für Ägypten. Klappt es im Irak nicht, hat die Demokratie im Nahen Osten nichts zu suchen. In Staaten wie der Ukraine reichte die demonstrative Forderung nach freien Wahlen für eine Revolution. In Ägypten nicht, da die Ägypter glauben, die Forderung nach freien Wahlen sei eine amerikanische Verschwörung gegen ihr Land.

…erklärt er ferner und auf die Frage,

Du hast im Mai vorgeschlagen, eine internationale politische Organisation zu gründen, die sich für den Schutz der Blogger und das Recht auf Redefreiheit einsetzt. Was ist daraus geworden?

antwortet er:

Viele Leute haben mir ihre Unterstützung versprochen. Aber als es ernst wurde, haben sich die meisten nur als Schwätzer und Heuchler erwiesen. Am meisten haben sich Leute aus der amerikanischen Rechten für eine solche Organisation interessiert. Ich will aber nicht, dass die Organisation als rechts etikettiert wird. Ich habe gehofft, dass sich für das Recht auf Redefreiheit auch Linke einsetzen würden. Aber die Linke hat es abgelehnt, mit mir zusammenzuarbeiten, obwohl es nur um die Verteidigung eines Grundrechts geht.

Entdeckt bei “achgut”.

Die Moschee im Dorf lassen

October 20, 2007 · Filed Under Deutschland, Welt des Islam · Comment 

Für gewöhnlich poste ich keine Berichte über mein Leben, wie unsere Leser wissen. Heute mache ich eine Ausnahme.

Hier in Köln strahlt die Sonne. So gegen 11.00 Uhr schwang ich mich auf mein Fahrrad und radelte in den Stadtteil Ehrenfeld. Dort fand eine vom Kölner “Express” veranstaltete Bürgerfragestunde statt. Unser Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) und Jupp Wirges (SPD), Bezirksvorsteher des Stadtteils Ehrenfeld, sollten sich den Fragen der Öffentlichkeit bzgl. des dort geplanten Baus der Zentral-Moschee der DITIB stellen.

Die viel berichtete Massenerscheinung der Islamophobie hat Ehrenfeld offensichtlich nicht erreicht. Ehrenfeld – obgleich wegen des Moscheebaus einer der Brennpunkte in der Islamdiskussion – scheint eine Art islamophober Diaspora zu sein. Die Menschen interessierten sich schlichtweg nicht für das Thema Moschee. Es war eine Rednerbühne aufgebaut und der “Express” und ein Radiosender hatten Werbestände aufgestellt. Diese waren so weit abseits, dass man dort das auf der Bühne Gesagte nicht mehr wirklich verfolgen konnte.

Davor standen die Menschen in einer Schlange. Geduldig harrten sie, um an einem Gewinnspiel teilnehmen zu können oder ein kostenloses Exemplar des “Express” zu bekommen. Die Verweildauer vor der Bühne dagegen war nach meinen Beobachtungen weitaus kürzer, wenn überhaupt jemand stehen blieb. Die meisten Passanten guckten im Vorübergehen, um was es sich da für eine Veranstaltung handelt.

Direkt als ich den Platz erreichte, sah ich ein bekanntes Gesicht von der Stadtverwaltung und wir unterhielten uns. Dienstlich sei er da und er erklärte mir, wer alles vor der Bühne zu Pro Köln gehöre und wer von der DITIB komme. Damit hatte er mir dann auch schon fast alle vor der Bühne Anwesenden beschrieben. Er sagte dann, es seien immer die gleichen, welche kämen; die meisten Gesichter würde er schon kennen. Wir waren uns nicht einig darüber, wie viele Besucher insgesamt da waren. Ich schätzte so um 150 Menschen und er tippte auf gut 300. Schon wenig später war diese Gruppe merklich geschrumpft und vermutlich nur noch der harte Kern da.

Da in dem Frage-Antwort Spiel nur die altbekannten Standpunkte ausgetauscht wurden und auch ansonsten nichts Spannendes geschah, langweilte ich mich schnell und erledigte Einkäufe. Zurück an meinem Fahrrad angekommen, musste ich feststellen, der Hinterreifen ist platt. So schob ich dann mein Fahrrad in den nächsten Fahrradladen. Da ich nicht aus Ehrenfeld komme, hatte man Erbarmen mit mir und sagte zu, den Reifenwechsel nebst einiger anderer kleiner Reparaturen sofort vorzunehmen.

Man kam ins Gespräch und der Chef und sein Mitarbeiter, eine Alevite, berichteten mir, die Geschäftsleute in Ehrenfeld hätten nur Bedenken in Sachen Moschee wegen der dort geplanten Ladenzeile. Man würde befürchten, die muslimischen Kunden würden dann im
DITIB Gebäude alles unter einem Dach erledigen und ihnen würden die Kunden wegbleiben. Aber Ängste vor einer Verfremdung des Viertes oder ähnliches, seien ihnen von keinem bekannt, auch wenn das so in der Presse stehen würde. Insbesondere die türkischen Imbissinhaber würden die Befürchtungen, dass die muslimischen Kunden dann nicht mehr kämen, hegen.

Während dann mein Fahrrad repariert wurde, kaufte ich mir eine „Zeit“ und setzte mich für einen Kaffee in einen der zahlreichen Imbisse an der Straße. Auf der Seite 24 ist ein Bild von einem kleinen irakischen Jungen und einem Soldaten in voller Montur, die zusammen mit einem Ball spielen und denen die Freude an dem gemeinsamen Spiel ins Gesicht geschrieben ist. Das Bild rührte mich so an, dass mir fast die Tränen in die Augen stiegen. Dies muss der Imbissbesitzer beobachtet haben. Plötzlich stand er vor mir und beugte sich über meine Zeitung und guckte sich das Bild an. Seine Frau und ein Mitarbeiter kamen dann auch herbei, um das Bild zu betrachten. Die Frau sagte, dass ist ein schönes Bild. Die beiden Männer sagten, Soldaten seien sonst anders und begannen über die USA zu schimpfen.

Die Betreiber des Imbiss kommen aus Tunesien, wie sie mir später erzählten. Der Mann sagte im Laufe des Gesprächs, die USA würden Ägypten zwingen, keine Palästinenser ins Land zu lassen. Wegen der Besatzung Palästinas müsse man die Juden mit Gewalt bekämpfen. Gewalt müsse mit Gewalt bekämpft werden- Die Juden wolle da keiner. Die Frau sagte, es reicht, wenn Israel die Gebiete räumt, welche es 1967 besetzte. Jeder Mensch wolle in Frieden und Freiheit leben und jeder Mutter sei es wichtiger, dass ihre Kinder im Frieden aufwachsen können als ein blödes Stück Land zurück zu bekommen. Die Männer im Raum stimmten ihrem Ehemann zu.

Dann kamen wir auf den Iran zu sprechen. Die Frau sagte, es würde sie traurig machen, wie die Menschen im Iran leben müssen. Der Mann erwiderte, dass sei alles westliche Propaganda und den Menschen im Iran ginge es gut. Als ihr Ehemann kurz weg war, sagte die Frau zu mir, das muss aufhören mit der Gewalt. Die müssen akzeptieren, dass es Israel gibt. Als ich dann meinen Kaffee zahlen wollte, sagte der Mann, ich sei eingeladen. Wir hätten uns so schön unterhalten und ich solle wieder kommen. Dass ich dem Mann im Laufe der Diskussion in fast allem widersprach und im Rahmen der Israel-Diskussion auch deutlich sagte, die Anerkennung der Existenz Israels sei für mich unabdingbar, schien ihn nicht sonderlich gestört zu haben.

Mein Fahrrad hat nun einen neuen Hinterreifen und ich die Erkenntnis, mit der Islamophobie scheint es zumindest in Ehrenfeld nicht weit her zu sein. Ich bin gespannt, was die Presse über die Fragstunde berichten wird.

+++Update+++
So sehen die “Welt” und die “Bild” die Veranstaltung.

________
Siehe auch:
Ralph Giordano: “Nicht die Moschee, der Islam ist das Problem”, 10.September 2007
Eine Moschee für Köln – oder: Kampf gegen den falschen Gegner, 25.August 2007.

Die Irrelevanz des israelisch-palästinensischen Konflikts

October 15, 2007 · Filed Under Naher Osten · 1 Comment 

Die Zentralität des israelisch-palästinensischen Konflikts – ein Mythos

Eines der am weitesten verbreiteten Mißverständnisse in Bezug auf den Nahen Osten besteht darin, dass der arabisch-israelische Konflikt den Knackpunkt aller Probleme der Region darstellt bzw. dass alle anderen Konflikte mit ihm zu tun haben.

Das schiere Ausmaß an Medienaufmerksamkeit untermauert diesen Eindruck. Laut Angaben des Center for Media and Public Affairs, das jährlich die Tausende von Beiträgen in den Abendnachrichten von ABC, NBC und CBS untersucht, ist der arabisch-israelische Konflikt das einzige außenpolitische Thema, das seit 1990 durchgehend unter den zehn Topthemen in den USA rangiert.

Auch Politiker aus aller Welt – selbst solche, die guten Willens sind – tragen zu jener Annahme bei. So hat bspw. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon jüngst gegenüber der südkoreanischen Zeitung Hankyoreh verkündet: „Wenn sich die Dinge im Konfllikt zwischen Israel und Palästina gut entwickeln, werden auch andere Probleme im Nahen Osten, einschließlich Libanon, Iran, Irak und Syrien, bald gelöst sein.“

I. Die Irrelevanz von Israel für die meisten Konflikte in der Region

Hier einige Beispiele, die zeigen, wie irrelevant der israelisch-palästinensische Konflikt für die meisten anderen Konflikte in der Region ist und wieviel höher deren Opferrate liegt:

  • Das Gemetzel zwischen Sunniten und Schiiten im Irak hat nichts mit Israel zu tun. Allein 2006 starben im Irak dabei 34.000 Menschen.
  • Im iranisch-irakischen Krieg (1980-1988) wurden über eine Million Menschen getötet. Auch dieser Krieg hatte nichts mit Israel zu tun.
  • Im libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) starben schätzungweise 130.000-150.000 Menschen.
  • Bei dem jordanisch-palästinensischen Gewaltausbruch im September 1970 (‚Schwarzer September’) wurden binnen eines Monats 10.000 Menschen getötet.
  • Im Februar ermordeten die Syrer in al-Hama mindestens 20.000 Landsleute.
  • Während des algerischen Bürgerkriegs (1992-2001) wurden schätzungsweise 75.000-125.000 Menschen getötet.
  • Im Zuge der „Anfal“-Operation wurden 1988 im Irak 50.000-100.000 Kurden unter Einsatz von chemischen Waffen ermordet. 1991 wurden im Anschluss an den ersten Golfkrieg weitere 30.000-50.000 Schiiten und Kurden von Saddam Hussein ermordet.
  • Während des 20 Jahre andauernden Bürgerkriegs im Sudan (1983-2002) wurden etwa eine Million Menschen getötet.
  • Im jemenitischen Bürgerkrieg starben während der 60er Jahre zwischen 100.000 und 150.000 Menschen. Ägypten setzte während des Krieges chemische Waffen ein.
  • In den Kämpfen zwischen Marokko und der Polisario-Front um die Westsahara wurden zwischen 1975 und 1985 etwa 10.000 Menschen getötet.

II. Die relative Schwere des israelisch-palästinensischen Konflikts

Anders als verbreitete Behauptungen vom „israelischen Völkermord an den Palästinensern“ vermuten lassen, wurden in den sechseinhalb Jahren seit Ausbruch der ‚al-Aqsa-Intifada’ im September 2000 etwa 4000 Palästinenser und 1100 Israelis getötet. Diese Zahlen – wenn auch an sich bedeutend – sind niedrig im Vergleich zu den meisten anderen Konflikten, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden haben:

  • Allein am ersten Tag des jüngsten Einmarsches Äthiopiens nach Somalia starben 500 Menschen.
  • Im Laufe der vergangenen vier Jahre haben die arabischen Muslime „Janjaweed“ in Darfur 200.000 schwarze Muslime ermordet, davon 50 000 allein in den ersten sechs Monaten. 2 Millionen wurden verschleppt.
  • Im zweiten Tschetschenienkrieg (1999-2003) wurden 90.000-160.000 Menschen getötet.
  • Im Bügerkrieg im Kongo starben schätzungsweise 3,4 bis 4,4 Millionen Menschen.
  • In Ruanda wurden 1994 innerhalb von nur drei Monaten 800.000 Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 7 Millionen) ermordet.
  • Die Serben töteten innerhalb von drei Jahren 200.000 bosnische Muslime (bei einer Gesamtbevölkerung von 2 Millionen).
  • In Kambodscha wurden zwischen 1975 und 1979 zwei Millionen Menschen von den Roten Khmer ermordet.

III. Der israelisch-palästinensische Konflikt hat die Probleme der Region nicht hervorgebracht

Die zentralen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme des Nahen Ostens haben nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun.

  • 1999 betrug die Analphabetenrate im Nahen Osten 25% bei Männern und 47% bei Frauen. In Rumänien lag die Rate im Vergleich dazu nur bei 1% bzw. 3%, in Peru bei 6% bzw. 15%. Dabei ist die Alphabetisierungsrate unter den Palästinensern mit 90% höher als in jedem anderen Land des Nahen Ostens mit Ausnahme Jordaniens. Auf der anderen Seite haben die schlechten Alphabetisierungsraten in Ländern wie dem Jemen (49%), Marokko (50%), Saudi-Arabien und den VAE (77%) nichts mit der palästinensischen Frage zu tun.
  • Zwischen 1965 und 2000 wuchsen die Volkswirtschaften des Nahen Ostens nur um durchschnittlich 3.0% pro Jahr. Dies ist nach Afrika südlich der Sahara die weltweit niedrigste Wachstumsrate einer Region. Stellt man das – weltweit höchste - jährliche Bevölkerungswachstum von 2,8% in Rechnung, bedeutet dies ein jährliches Wachstum von nur 0,1% pro Kopf.
  • Wie aus den UN Arab Human Development Reports hervorgeht, ist eines der Hauptprobleme, die die Region am Fortschritt hindern, die beispiellose Geschlechterdiskrepanz. Abgesehen von der großen Kluft bei den Alphabetisierungsraten existieren ähnliche Unterschiede bei anderen Schlüsselindikatoren wie dem Einkommen. In beinahe jedem arabischen Land verdienen Männern dreimal so viel wie Frauen. So verdienten im Jahr 2002 in Algerien Frauen durchschnittlich 2.700$ und Männer 8.800$. In Bahrain waren es 8.000$ gegenüber 23.500$, in Oman 4.000$ gegenüber 18.2000$ und in Syrien 1.500$ gegenüber 5.500$.

Die Hauptursachen für die Probleme des Nahen Ostens beginnen bei der schlechten Regierungsform in der gesamten Region. Abgesehen von Israel ist jedes Land eine autoritäre Diktatur mit wenig Verantwortlichkeit und keinerlei Norm für „gutes Regieren“.

Außerdem liegt die Region im Brennpunkt der wachsenden Auseinandersetzung zwischen Gemäßigten und Extremisten, wobei der israelisch-palästinensische Konflikt nur ein Schlachtfeld darstellt. Jene Konfrontation umfasst sowohl die Achse Iran-Syrien-Hisbollah-Hamas als auch den globalen Gotteskrieg im Sinne al-Qaidas.

Die genannten Tatsachen sind neben anderen für die sozialen, ökonomischen, politischen und religiösen Spannnungen in vielen Staaten des Nahen Ostens verantwortlich. Zahlreiche politische Führer und Regierungen der Region haben diese Spannungen nach außen gelenkt, oftmals gegen Israel und die westliche Welt.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist somit nicht der Kern der regionalen Instabilität, sondern ein Symptom eben dieser. Ihr Ursprung ist sehr viel komplexer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

(Quelle: Außenministerium des Staates Israel, Oktober 2007. Mit Genehmigung der Botschaft des Staates Israel, Berlin. Link zum Originalbeitrag.)


Siehe auch:
Eine Frage der Mentalität, 20. Dezember 2006.

Atombomben für alle!

August 22, 2007 · Filed Under Arabische Welt, Iran · Comment 

Forderungen nach schärferen Sanktionen gegen den Iran, um diesen am Bau der Atombombe zu hindern, wird gerade aus linken Kreisen immer wieder entgegen gehalten, es sei anmaßend anderen vorschreiben zu wollen, dass diese keine atomaren Waffen besitzen dürfen. Das Recht auf den Besitz von Atombomben für alle wird wohl schon bald nicht mehr nur eine Vision gewisser Kreise sein:

Mehrere arabische Staaten haben in den letzten Monaten ihre Atomprogramme angekurbelt. Experten sehen darin eine Reaktion auf das aggressive Bestreben des Iran, sich Atomwaffen zu beschaffen.

Während die betreffenden Staaten – Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Algerien, Marokko, Libyen und der Jemen – durchweg behaupten, dass sie die Entwicklung von Nukleartechnologie für friedliche Zwecke betreiben, weisen Analysen darauf hin, dass einige von ihnen über reiche Ölvorkommen und damit kostengünstige Energiequellen verfügen und somit die kostenaufwendige Erschließung von Atomenergie überflüssig wäre. Abgesehen davon können auf der Grundlage friedlicher Nukleartechnologie leicht Atomwaffenprojekte aufgebaut werden.

Die folgenden Entwicklungen bringen den atomaren Trend in der Region beispielhaft zum Ausdruck:

– Der jemenitische Energieminister hat Anfang dieser Woche die Absicht seines Landes mitgeteilt, seinen ersten Atomreaktor für friedliche Zwecke erwerben zu wollen.

– Der jordanische Außenminister äußerte im vergangenen Monat gegenüber der Ha’aretz, dass sein Land ein gemäß den Richtlinien der Internationalen Atomenergiebehörde transparentes Programm zur Gewinnung von Kernenergie betreibe.

– Ägypten hat bereits im letzten Jahr verkündet, sein Atomprogramm wiederaufnehmen zu wollen, jedoch hinsichtlich der Details einen zweideutigen Standpunkt beibehalten.

– Auf dem Gipfel im saudi-arabischen Riad im Dezember 2006 hat der Kooperationsrat der Golfstaaten seine Absicht erklärt, die gemeinsame Forschung zur friedlichen Verwendung von Uran voranzutreiben.

– Die Vereinigten Arabischen Emirate haben im letzten Monat erklärt, ein bereits 1980 geschlossenes und dann wieder eingefrorenes Abkommen mit Frankreich über die Errichtung eines Atomreaktors zu erneuern. Staatsoberhaupt Scheich Chalifa bin Zayid Al Nahyan hat darüber im Juli in Paris mit dem französischen Präsidenten Sarkozy verhandelt.

– Algerien hat mit den USA und Russland Abkommen zur Erntwicklung eines Atomprogramms unterzeichnet und unterhält in dieser Angelegenheit Kontakte mit Frankreich.

– Libyen hat mit Frankreich ein Abkommen über die Errichtung einer Meerwasserentsalzungsanlage geschlossen, dass auf Atomenergie basiert.

(Quelle: Haaretz, via Newsletter der Israelischen Botschaft, Berlin, 22.08.07)

Next Page »