Antiamerikanismus in der Türkei und in Griechenland
In internationalen Umfragen liegen, wie Leserinnen und Leser dieses Blogs wissen, die Türkei (s. auch hier) und Griechenland stets ganz vorn in Sachen Antiamerikanismus. In der aktuellen Ausgabe der Middle Eastern Studies (44/3) widmet sich nun die Politologin Aylin Güney den Ursachen des Antiamerikanismus in der Türkei.
Allerdings sind ihre Ausführungen wenig überzeugend. So sieht sie die türkischen Ressentiments gegen die USA durchgängig als Reaktion auf die amerikanische Aussenpolitik. Den Sündenfall Amerikas in der Region verortet sie im wesentlichen mit dessen Haltung im Zypernkonflikt Anfang der 70er Jahre.
Hier hätte schon ein Vergleich mit Griechenland zutage bringen müssen, dass diese Begründung, so gerne sie in der türkischen Bevölkerung angeführt werden mag, eigentlich nur ein Vorwand sein kann, denn ebenso wird in Griechenland die eigene antiamerikanische Einstellung nur zu gern mit Zypern in Verbindung gebracht.
Die Frage ist daher, inwieweit Selbstauskünfte zur Einschätzung der eigenen antiamerikanischen Haltung, für bare Münze zu nehmen sind. Könnte es vielleicht sein, dass Amerika viel eher für das gehasst wird, was es repräsentiert, nämlich Marktwirtschaft, Globalisierung und den berühmten meltiing pot, als dafür, wie es aussenpolitisch handelt? Und könnte es sein, dass Menschen die Neigung haben, ihre Ressentiments durch den Verweis auf das angebliche Tun dessen, den man verabscheut, plausibel zu machen?
Wenn die Vernachlässigung der irakischen Turkmenen durch die amerikanische Aussenpolitik eine der Ursachen für den türkischen Antiamerikanismus sein soll, dann müsste Saddam Hussein Auslöser eines noch grösseren Antiirakismus gewesen sein. Aber davon keine Spur. Auf der anderen Seite haben Griechenland und die Türkei gerade aussenpolitisch Amerika viel zu verdanken. Beschränken wir uns darauf, auf die Truman-Doktrin zu verweisen, ohne die beide Länder dem expansiven Sowjetkommunismus zum Opfer gefallen wären.
Die Studie von Ioannis Stefanidis zum Phänomen des griechischen Antiamerikanismus, von der auf diesem Blog schon einmal die Rede war, sucht die Ursache dafür jedenfalls in der griechischen Gesellschaft selbst. Andreas Andrianopoulos vom Woodrow Wilson Center hat dazu eine aufschlussreiche Rezension verfasst:
Inevitably, a “victim culture” developed portraying the nation as the object of designed subversion. It is indicative if the idiosyncracy of modern Greek culture that in the language of politics foreign policy pursuits are not labelled national interests but national rights. Implying of course that history has assigned certain inappropriate rights to Greeks exclusively. It goes without saying that Greeks consequently cannot possibly be wrong. Whatever failure may have suffered in their post-independence political history cannot possibly be the outcome of bad policies or faulty decisions. They have to be the result of foreign conspiracies or the product of treacherous acts by indigenous misinformed or bought out individuals.
…
Greeks claim to never have nourished expansive schemes against any of their neighbours. They justify, however, acts of aggression and the occupation of new lands, mainly during the so-called Balkan wars and the Asia Minor expedition, as initiatives to restore national territorial integrity.
…
The meticulously researched analysis of Stirring the Greek Nation depicts beyond any shred of doubt that Greek anti-americanism is not a product of the imposition of the Greek junta or of the consequent Cyprus tragedy.
Es fällt ins Auge, dass die griechische Gesellschaft sich zu einem Gutteil derselben Argumentation wie die türkische bedient, wenn es darum geht, die eigene Abneigung gegen Amerika rational erklärbar zu machen. Gerade das legt den Verdacht nahe, dass die wahren Ursachen in tieferen Seelenschichten zu suchen sind. Und das dürfte für den Antiamerkanismus anderswo - z.B. in Deutschland - genauso gelten.
Andrei S. Markovits weist in seinem Uncouth Nation. Why Europe dislikes America (2007) darauf hin, dass Amerika in seiner Quintessenz eben auch als Ausdruck der Moderne gilt (S. 178). Im Unbehagen gegen letztere dürften denn auch die tieferen Ursachen für den Antiamerikanismus zu finden sein.
Türkische Querfronten
Zum türkischen Linksnationalismus, seinen Vorläufern in der türkischen Geschichte und seiner Rolle bei den vor einem Jahr aufgeflogenen Putschplänen gibt es morgen diesen Artikel von mir in der TAZ.
Interessant zum Thema auch:
- Reiner Hermann: “Die starke Hand des Militärs” FAZ 16.7.2008
- Michael Thumann: “Putschplan Blondine” Die Zeit 26.7.2008
Die Strassen von Teheran (2)
“Die Straßen von Damaskus und Teheran sind viel sicherer als die Straßen von New York oder Detroit”, findet der Jürgen Todenhöfer.
Jetzt wurden im Teheraner Evin-Gefängnis 29 Todesurteile vollstreckt, allesamt an angeblichen Mördern, Drogenhändlern und Ehebrechern.
Der Teheraner Staatsanwalt Said Mortasavi erklärte dazu im Fernsehen:
“Mit der Zusammenarbeit der Bürger und der vollständigen Umsetzung des öffentlichen Sicherheitsplanes, wird Teheran in diesem Jahr zur unsichersten Stadt der Welt für Mörder, Drogenhändler, asoziale Elemente1 und Verbrecher an den Traditionen des Volkes.”2
Sicherheit hat eben ihren Preis.
- Pers. arazel ve-oubash, ein Gummibegriff in der Rechtsprechung der iranischen Theokratie. [back]
- Im Original: با همکاری شهروندان و با اجرای کامل طرح امنیت اجتماعی ، امسال شهر تهران برای سوداگران مرگ ، قاچاقچیان مواد مخدر، اراذل و اوباش و متجاوزان به نوامیس مردم نا امن ترین شهر دنیا شود. [back]
Todenhöfer und wie er den Irak sieht
In der Zeit vor dem Irakkrieg hatte ich mich als Übersetzer für arabische Texte verdingt, die Aufträge bekam ich von einem befreundeten Iraker, der seit Jahren im Übersetzungsgeschäft tätig war. Als Anfang 2003 der Krieg immer näher kam, hatten wir uns natürlich auch darüber unterhalten. Wie die Stimmen anderer irakischer Exilanten, die ich bis dahin gehört hatte, so befürwortete auch er vehement ein Eingreifen der USA in seinem Heimatland, sah er darin doch die einzige Möglichkeit, die verhasste Diktatur Saddam Husseins loszuwerden.
Als die amerikanischen Truppen Bagdad bombardierten, war er völlig euphorisch und konnte es kaum fassen, dass Saddams Tage gezählt sein sollten. Ich fragte ihn natürlich, ob das allein seine Ansicht war und was seine Landsleute in Bochum (wo sich diese Geschichte zugetragen hat) dächten. Er antwortete mir, dass er alle Iraker, die er in Bochum kenne, zum Krieg befragt habe und von einem Dutzend Personen nur eine einzige dagegen gewesen sei. Befragt, was er und seine Lebensgefährtin über die die PACE-Flaggen-schwenkenden Peaceniks meinten, antworteten mir beide, dass das doch junge Leute seien, die keine Vorstellung davon haben, wie es unter einer totalitären Diktatur wie der im Irak zugehe.
Als die Amerikaner in Bagdad einmarschierten und Menschen auf der ganzen Welt sich über den irakischen Informationsminister amüsierten, da feierten mein Freund und seine Landsleute ausgelassen den Sieg. Ich rief ihn über Handy an und gratulierte ihm. Kurze Zeit nachdem der Krieg vorbei war, fuhr mein irakischer Freund mit seiner Lebensgefährtin nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder in seine Heimat. Beide hatten das ganze Land bereist und berichteten mir nach ihrer Rückkehr, dass überall, wo sie hingekommen seien, die Menschen eine tiefe Erleichterung darüber verspürt haben, dass der Alptraum einer 40jährigen Terrorherrschaft nun endlich vorbei sei!
Unterdessen waren im deutschen Fernsehen lauter Fachleute zu sehen, die ausser der Tatsache, allesamt keine Iraker zu sein, vor allem das Weltbild teilten, genauestens über die Befindlichkeiten der Iraker bescheid zu wissen und dem deutschen Fernsehpublikum eifrig klarzumachen bemüht waren, dass das Leiden der irakischen Bevölkerung erst mit dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad begonnen habe. Ich hatte also meinen irakischen Freund gedrängt, sich mit verschiedenen Fernsehsendern in Verbindung zu setzen und ihnen vorzuschlagen, einmal einen Iraker zu Wort kommen zu lassen, zumal mein Freund ein promovierter Orientalist war, der über Saddams Minderheitenpolitik gearbeitet hatte.
Tatsächlich kam ein Fernsehteam von n-tv in seine Wohnung, um ihn zu interviewen. Die Journalisten hatten mit dem, was sie zu hören bekamen, wohl nicht gerechnet. Jedenfalls wurde das Interview um vier Uhr nachmittags ausgestrahlt. Abends, zur Hauptsendezeit, waren dann wieder die altbekannten Pappnasen und Schwarzmaler auf dem Äther.
Jürgen Todenhöfer, ein deutscher Medienmanager, war ganze zwei Wochen im Irak. Das macht aus ihm natürlich gleich einen Experten, zumal er den Vorteil hat, selber kein Iraker zu sein. Diese zwei Wochen hätte er in Bagdad, Basra, Sulaimaniya oder sonstwo verbringen können, aber nein, er hat sich für Ramadi entschieden, ausgerechnet Ramadi, das im sogenannten “Dreieck des Terrors” liegt, über das Najem Wali, ein anderer Exiliraker, schon vor fünf Jahren die Deutschen vergeblich aufzuklären versucht hat:
Neuerdings wird der anwachsende Terror im Irak in manchen Medien als Ausdruck eines zunehmenden „irakischen Widerstands“ bezeichnet. Dies ist ein unerträglicher Euphemismus, der die Wirklichkeit grob verfälscht. Betrachtet man die terroristischen Aktivitäten genauer, stellt man rasch fest, dass sich alle diese Operationen auf den Westen des Landes konzentrieren. In dieser Region haben sich jene Sippen formiert, die über die Jahre der Diktatur hinweg von dem System Saddam Husseins profitierten.
Todenhöfer also kommt nach zwei Wochen aus der Hochburg der Saddam-Anhänger nach Deutschland zurück – und was er uns mitbringt, sind tiefe Einblicke ins Land wie dieser:
Das Erziehungssystem in Anbar zerfällt. Zahlreiche Schulen in Ramadi wurden zerstört, keine einzige wurde neu erbaut. Trotz Schulpflicht geht nur noch die Hälfte der Kinder zur Schule. Studenten brechen aus Geldnot und mangels Perspektiven ihr Studium ab und gehen zur Polizei. Die Lebensmittelversorgung in Anbar verschlechtert sich weiter. Nahrungsmittelrationen werden nur noch unregelmäßig verteilt. Sie sind kleiner und qualitativ noch miserabler als früher.
Und wo war Todenhöfer, als Saddam Hussein Krieg gegen seine eigene Bevölkerung führte? Vertreibung, Vernichtung, systematische Zerstörung der Dörfer, Vergiftung und Verminung des Bodens, systematische Folter, Amputation der Gliedmaßen, Vergewaltigung von Frauen, auf den Vorwurf der Prostitution steht Köpfung.
Wo, Todenhöfer, warst Du?
Blut für Öl
Abdalmalik Drudkal, Chef der “Al-Qaida im Islamischen Westen”, beklagt sich, dass die USA “sich unseres Öls bemächtigen”, weswegen er Angriffe auf amerikanische Ziele in der ganzen Welt ankündigte. En passant verteidigte er auch den Anschlag auf vier französische Touristen in Mauretanien im vergangenen Dezember als Aktion einer befreundeten Gruppe. Schliesslich dient alles irgendwie der guten Sache.
Blut für Öl also. Und keine Zusammenrottung von PACE-Flaggenträgern in westlichen Landen zu sehen.
Unheilige Allianz
Bei weitem nicht alle, aber auch nicht wenige Linke haben nur zu gern den Schulterschluss mit Autokraten und Potentaten verschiedenster Couleur gesucht, wenn es darum ging, den Kampf gegen Kapitalismus und Coca Cola aufzunehmen. Und das gilt bis heute. Einen der Gründe für diese unheilige Allianz nennt Daniel Pipes:
Islamism has historic and philosophic ties to Marxism-Leninism. Sayyid Qutb, the Egyptian Islamist thinker, accepted the Marxist notion of stages of history, only adding an Islamic postscript to them; he predicted that an eternal Islamic era would come after the collapse of capitalism and Communism. Ali Shariati, the key intellectual behind the Iranian revolution of 1978–79, translated Franz Fanon, Che Guevara, and Jean-Paul Sartre into Persian. More broadly, the Iranian analyst Azar Nafisi observes that Islamism “takes its language, goals, and aspirations as much from the crassest forms of Marxism as it does from religion. Its leaders are as influenced by Lenin, Sartre, Stalin, and Fanon as they are by the Prophet.”
Vor einiger Zeit hat Ladan Boroumand im Interview ebenfalls darauf hingewiesen, wie eng die ideologische Nähe zwischen Islamisten und Linken tatsächlich ist:
Only ten chapters of John Locke were available in Farsi in 1979 in a book that had not been on the market for 20 years. Liberal ideas were almost non-existent while Lenin, Marx, Fanon were systematically translated.
Pipes’ Behauptung, “Islamists accept the free market” sollte sich damit übrigens von selbst erledigt haben.
Amerika-Ventil
Antiamerikanismus im Nahen Osten und in der Türkei, so der Politikwissenschaftler Fuad Ajami im “Wall Street Journal”, ist so populär, wie er zugleich Ventil ist. Ventil für eigene Schwächen und dem Unvermögen, dies öffentlich zu artikulieren – sei es, weil Kritik an der politischen Führung verboten ist, sei es, dass sie schlicht verpönt ist. Und darum, so Ajami, ist Antiamerikanismus kaum mehr als Hype:
In Hosni Mubarak’s tyranny, anti-Americanism is the permissible safety valve for Egyptians unable to speak of their despot. We stand between Pharaoh and his frustrated people, and the Egyptians railing against America are giving voice to the disappointment that runs through their life and culture. Scapegoating and anti-Americanism are a substitute for a sober assessment of what ails that old, burdened country.
Nor should we listen too closely to the anti-American hysteria that now grips Turkey. That country was once a serious, earnest land. It knew its place in the world as a bridge between Europe and Islam. But of late it has become the “torn country” that the celebrated political scientist Samuel Huntington said it was, its very identity fought over between the old Kemalist elites and the new Islamists.
No Turkish malady is caused by America, and no cure can come courtesy of the Americans. The Turks giving vent to anti-Americanism are doing a parody of Europe: They were led to believe that the Europe spurning them, and turning down their membership in its club, is given to anti-Americanism, so they took to the same fad. Turkish anti-Americanism is no doubt fueled by the resentment within Turkey of the American war in Iraq that gave protection and liberty to the Kurds. No apology is owed the Turks; indeed, it is they who must reconsider their intolerance of minorities. If the Turks were comfortable with the abnormality of Iraq under Saddam Hussein, it is they who have a problem.







