“The Joy of Independance”
George Bushs Rede vor der Knesset zeigt es wieder einmal deutlich: Der Kampf gegen den Islamismus ist kein Kampf gegen den Islam. Allen Unkenrufen zum Trotze treibt Bush keineswegs “die” Muslime in die Arme von al-Qaida & Co. Das macht seine Rede so vorzüglich. Hier gibt es keinen Werterelativismus und der Islam als solcher ist nicht das Problem (Hervorhebung von mir - MK):
The fight against terror and extremism is the defining challenge of our time. It is more than a clash of arms. It is a clash of visions, a great ideological struggle. On the one side are those who defend the ideals of justice and dignity with the power of reason and truth. On the other side are those who pursue a narrow vision of cruelty and control by committing murder, inciting fear, and spreading lies.
This struggle is waged with the technology of the 21st century, but at its core it is an ancient battle between good and evil. The killers claim the mantle of Islam, but they are not religious men. No one who prays to the God of Abraham could strap a suicide vest to an innocent child, or blow up guiltless guests at a Passover Seder, or fly planes into office buildings filled with unsuspecting workers. In truth, the men who carry out these savage acts serve no higher goal than their own desire for power. They accept no God before themselves. And they reserve a special hatred for the most ardent defenders of liberty, including Americans and Israelis.
And that is why the founding charter of Hamas calls for the “elimination” of Israel. And that is why the followers of Hezbollah chant “Death to Israel, Death to America!” That is why Osama bin Laden teaches that “the killing of Jews and Americans is one of the biggest duties.” And that is why the President of Iran dreams of returning the Middle East to the Middle Ages and calls for Israel to be wiped off the map.
There are good and decent people who cannot fathom the darkness in these men and try to explain away their words. It’s natural, but it is deadly wrong. As witnesses to evil in the past, we carry a solemn responsibility to take these words seriously. Jews and Americans have seen the consequences of disregarding the words of leaders who espouse hatred. And that is a mistake the world must not repeat in the 21st century.
Diese Worte stehen in einer Reihe ähnlicher Äusserungen Bushs über den Islam. Kreuzzug gegen den Islam? Nicht die Spur. Man kann nun einmal über den Mann denken, wie man will. Seine Worte und Taten jedenfalls sind weit davon entfernt, ein christlich-abendländisches Äquivalent zu denen islamistischer Terroristen zu bilden.
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Siehe auch:
- Kein Auftrag von Gott, 30. Juni 2007,
- Kein Auftrag von Gott (II), 5. Juli 2007.
Alles gut in Teheran
Es verblüfft doch immer wieder zu sehen, dass viele Wohlmeinende offenbar nicht in der Lage sind, Staat und Gesellschaft auseinanderzuhalten. Nirgends tritt das so deutlich zutage wie in den Äusserungen über den Iran. Dort herrscht ein repressiver Staat über eine Bevölkerung, die sich nach Freiheit sehnt. Hier die staatliche Diktatur - dort die iranische Gesellschaft. Ist doch ganz leicht, oder?
Aber Oskar Lafontaine hatte schon seine Schwierigkeiten damit, und auch die Damen und Herren von EnoughFear.org, die sich einbilden, wenn George Bush etwas gegen das Mullah-Regime habe, dann habe er auch etwas gegen die iranische Bevölkerung, was sehr hässlich von George ist, wogegen aber ein Anruf nach Teheran helfen könnte. Und so ähnlich denken viele andere auch.
Die letzte in der Kette derer, die die freiheitsliebende Gesellschaft des Iran als Argument für das Mullah-Regime missbrauchen, ist die Grüne Angelika Beer, von der man schon lange nichts mehr gehört hat, seitdem sie in Brüssel Posten schiebt. Jetzt besuchte sie mit einer EU-Delegation den Iran. Wie gut, dass wenigstens bei der “taz” solche Leute nicht in Vergessenheit geraten:
Wir können eindeutig nachweisen, das der Iran kein schwarzes Gebilde ist. Es ist eine höchst lebendige Gesellschaft, in der Frauen, Studenten, Arbeiter, Gewerkschaften, Künstler und Intellektuelle mutig ihre Rechte fordern und nach Freiheit streben. Diese breite Zivilgesellschaft braucht unsere Unterstützung. Wir wollen nicht, dass man die Frage der Menschenrechte missbraucht, um Iran zu isolieren. Wir werden unseren Dialog fortsetzen und uns vehement dafür einsetzen, dass Europa, unabhängig von den USA, einen Kurswechsel gegenüber Iran vornimmt.
Was Frau Beer nicht wissen will, ist die Tatsache, dass all das, was die iranische Gesellschaft sich an Freiheiten herausnimmt, gegen die Gesetze des Regimes verstösst. So sind Satellitenschüsseln im Iran verboten, aber die Häuser mit ihnen nur so zugepflastert. Verboten ist auch der Genuss von Alkohol, der zugleich ein populäres Vergnügen darstellt, und und und. Kein Wunder, dass die Menschen das Regime hassen. Ist das so schwer zu begreifen, einmal abgesehen von der Tatsache, dass die Oppositionellen, die Frau Beer getroffen haben will, vom Regime handverlesen wurden?
Und so macht sich wieder einmal einer aus der Riege der Wohlmeinenden daran, ein brutales Regime gegenüber einer westlichen Öffentlichkeit zu verharmlosen. Frau Beer ist übrigens dagegen, “dass man die Frage der Menschenrechte missbraucht, um Iran zu isolieren.” Haha, selten so gelacht, Frau Abgeordnete.
(Dank an Nasrin)
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Siehe auch:
- Unsichtbare iranische Demokraten, 11. April 2007,
- Kulturrelativismus, 7. September 2006.
Ideologie
“Die Wahrheit im Angesicht der Macht zu äussern”, so sah Edward Said sein Lebenswerk. Warum das Wunschdenken war, erläutert Efraim Karsh für SPME.net.
Über Said und den historischen Antisemitismus:
For example, he claimed that “historically, in nineteenth-century Europe anti-Semitism included both Jews and Arabs” even though nineteenth century polemicists, such as Wilhelm Marr (himself half-Jewish), credited with coining the term, used it exclusively to describe animus toward Jews.
Über Saids Behauptungen über die Entstehung Israels:
As false are Said’s claims that “every kibbutz in Israel is on Arab property that was taken in 1948,” and that “Zionists introduced terrorism into Palestine” in the 1920s. Such statements are outright errors, not just interpretations of history. Zionists established Deganyia in 1909, and an additional 110 kibbutzim and 99 moshavim (cooperative villages) by 1944. Nor was there any Zionist terrorism in Palestine in the 1920s.
Über Saids Verhältnis zur irakischen Baath-Diktatur:
He reserved special venom for Arab academics in the United States who did not agree with him. He attacked dissident Iraqi writer Kanan Makiya, who brought Saddam’s brutality to international attention in his books Cruelty and Silence and Republic of Fear, as an “intellectual who serves power unquestioningly; the greater the power, the fewer doubts he has. He is a man of vanity who has no compassion, no demonstrable awareness of human suffering. With no stable principles or values.”
Zuzustimmen ist daher Karshs Schlussfolgerung: “By substituting polemics for research and conflating academic freedom with freedom from academic standards, Said’s legacy may ultimately be to harm fact-based and lasting Middle East studies scholarship and instruction in American and European universities.” Der ganze Text ist unbedingt lesenswert.
Zu einem anderen Thema: Bislang habe ich mich über Mearsheimers und Walts Werk über die “Israel-Lobby” zurückgehalten, weil ich das Werk nicht gelesen habe und mir daher kein Urteil erlauben kann, ob es antisemitisch ist oder nicht. Grundsätzlich sehe ich aber kein Problem darin, eine Interessensgruppe welcher Art auch immer auf den wissenschaftlichen Prüfstand zu stellen. Aber was Martin Kramer auf seinem Blog schreibt (auch hier), ist einfach zu interessant, um es nicht zur Kenntnis nehmen zu können.
Kramer sieht den Kern in Mearsheimers und Walts Werk in der These, dass der Irakkrieg auf Betreiben Israels und der Israel-Lobby stattfand. Tatsächlich jedoch gibt es jede Menge Indizien, dass aus israelischer Sicht der Iran die weitaus grössere Gefahr darstellte und immer noch darstellt. Da es von vornherein unwahrscheinlich war, dass die USA sich nach dem Irak zu einem weiteren Waffengang gegen den Iran bewegen lassen würden, so war der Sturz Saddam Husseins vielleicht im Sinne Israels, kann aber kaum auf dessen Betreiben stattgefunden haben, da dieser andere Prioritäten hatte.
Kramer wiederum hat Indizien zusammengetragen, dass Mearsheimer und Walt allzu lasch mit Äusserungen israelischer Politiker umgegangen sein könnten, um ihre These von einem auf israelischen Druck hin betriebenen Irakkrieg, der rasch durchgeführt werden sollte, bevor Bush “kalte Füsse” bekommt, belegen zu können:
Mearsheimer and Walt bring not a single footnote, in their copiously footnoted book, to substantiate this new and bizarre claim. You have to be pretty credulous to imagine that Bush, Cheney, and Rumsfeld would waver “at the last moment” when they had Saddam squarely in their sights. You can read Bob Woodward forward and backward and find no evidence of wobble. Nor is there any evidence of Israeli worries that the Bush administration would waver on Iraq. Mearsheimer and Walt just made it up.
Auch die These, dass die Israel-Lobby auf eine Fortsetzung des Krieges gegen den Iran gehofft habe, weist Kramer als absurd zurück:
So the Israelis had good cause to worry. (…) There would be no Iran follow-up. Why? Because Tony Blair did Bush an immense favor in Europe, and the British sent thousands of troops to Iraq. Bush’s feet were snug and warm–nailing Saddam had 80 percent public support in America–but Blair felt the chill at home. To keep him on board, Bush gave him to understand that there wouldn’t be an Iran sequel, at least not on Blair’s watch.
Wenn Kramer recht hat, dann ist das Buch von Mearsheimer und Walt nicht einfach fehlerhaft, sondern eine Abkehr von der intellektuellen Redlichkeit.
Und ein drittes Thema: Für das “Handelsblatt” schreibt Ferdinand Knauss über den wachsenden Erfolg der Gender Studies an deutschen Universitäten (wenn ich mich nicht irre, war derselbe Artikel vor einiger Zeit in der FAS zu lesen). Ich kann zu dem Thema nicht viel sagen, aber was das im Text angesprochene Netzwerk “gender-in-gestufte-studiengaenge.de” betrifft, muss man wohl Anlass zur Besorgnis haben:
Notwendig ist ein Konzept der Hochschulen mit zentralen Vorgaben der Hochschulleitungen. Vorliegende Erfahrungen von Gleichstellungsbeauftragten und Geschlechterforscherinnen lassen begründete Zweifel an den Fähigkeiten bzw. der Bereitschaft der Fakultäten und Fachbereiche aufkommen, im Sinne des Gender Mainstreaming (selbst-)steuernd zu handeln. (…)
Die Politik sollte die Hochschulen zur Übernahme dieser Aufgabe motivieren. Mögliche Ansatzpunkte sind hier z. B. die Zielvereinbarungen zwischen den Wissenschaftsministerien und den Hochschulen, die zunehmend abgeschlossen werden, um politischen Zielen im Kontext der Hochschulautonomie Geltung zu verschaffen und in denen die Hochschulen sich verpflichten sollten, ein Konzepte zur Ausgestaltung gestufter Studiengänge nach den Kriterien der Geschlechtergerechtigkeit zu entwickeln und bei der Entwicklung und Durchführung gestufter Studiengänge verbindlich anzuwenden. Um sicher zu stellen, dass es nicht bei einem bloß verbalen Bekenntnis bleibt, sollte die Nichteinhaltung der Vereinbarungen in geeigneter Weise sanktioniert werden.
Ganz klar: Das ist ein Angriff auf die Freiheit der Lehre. Die Politik soll “motivieren” – ein hübsches Neusprech. Und bist du nicht willig, so brauch ich Sanktionen. Anders als Knauss behauptet gibt es allerdings keinen Studiengang “Feministische Ökonomie” in Münster, was nicht weiter verwundert, da die akademischen Vertreter politischer Korrektheit mit Ökonomie in der Regel eher negative Konnotationen verbinden. Diese Ökonomophobie ist längst schon so weit verbreitet, dass man sie eigentlich nicht extra noch institutionalisieren muss.
Rumpelstilzchens Welt
Die Menschheit am Abgrund. Eugen Drewermann, Theologe ohne Telefon und Kühlschrank, fabuliert im Deutschlandfunk über den Zustand der Welt (via AdG):
Wir alle sitzen in einer Tretmühle, an deren Rändern 50 Millionen Menschen jedes Jahr an Hunger sterben. Wir könnten für 20 Milliarden Euro, die Hälfte des Wehrhaushaltes der Bundesrepublik, allen Menschen Zugang zu Trinkwasser schaffen. Wir könnten ungefähr für die gleiche Summe die Slums um die Großstädte der Welt auflösen. Sao Paulo, Rio, Bombay einmal vorgestellt ohne Slums.
Da haben wir gute Nachrichten für Herrn Drewermann: Das Geld haben wir schon längst gegeben. Noch Fragen? Aber so leicht lässt das Über-Ich sich nicht bremsen:
Wie viel kostet es, Präsident der USA zu werden. Das erleben wir gerade, wie die Wahlwettbewerber ihre Sponsoren aktivieren. … Vieles was in Kriminalfilmen heute, in Science-Fiction-Filmen untergebracht ist, Kampf mit dem Drachen beispielsweise, Kampf zwischen Gut und Böse, wird bis in die politische Ideologie hinein sogar ausgebeutet. Statt es zu reflektieren und durchzuarbeiten, wie die psychoanalytische, psychologische Aufklärung erfordern würde, geht das alles ungefiltert eins zu eins am Ende in das Weltbild sogar von George W. Bush ein, dass wir einen monomentalen Kreuzzug gegen das Böse zu führen haben.
Ach so, daher weht der Wind: Die USA und, natürlich, Bush. Wenn man einen Träumer, der mal wieder arg an Weltschmerz leidet, nur lange genug auf der Couch vor sich hinplaudern lässt, kommt man irgendwann zum Kern der Sache. Horst-Eberhard hat es schon hinter sich.
Gut, dass wir darüber gesprochen haben.
“Das geht ziemlich tief rein”
Ein köstliches taz-Interview mit Horst-Eberhard Richter, dem grossen, alten Schlachtross der deutschen Friedensbewegung, das gar nicht merkt, wie sehr sein Gesprächspartner ihn auf die Schippe nimmt. Kostprobe:
Sehen Sie mal: der Bush. Der hat den Irak angegriffen, um die Welt zu beschützen und um Amerika zu beschützen. Jetzt hat er gesagt: Wenn man im Iran nicht für Ordnung sorgt, dann wird der Iran die ganze Welt bedrohen. Er malt einen nuklearen Holocaust an die Wand. Die gesamte kulturelle Mentalität bei uns, repräsentiert durch Bush oder durch Jung oder durch Schäuble, ist eingestellt auf eine gespaltene Welt. Und wenn man sich den ersten Kreuzzug mal anschaut, dann war das schon damals ganz genauso. Papst Urban der II. hat im Jahre 1095 in Clermont eine Rede gehalten mit der Botschaft: Entweder ihr seid auf unserer Seite, der Seite Gottes, oder ihr seid auf der Seite der gottlosen Schurken und Muslime. Kommt Ihnen das nicht bekannt vor?
George W. Bush hat das in leicht abgewandelter Form nach den Anschlägen vom 11. September gesagt.
Ja.
Das ist Carl Schmitt in Reinform.
Ja.
Das Freund-Feind-Schema.
Ja.
Und wir hier im Westen sind natürlich die Guten.
Genau. Das geht ziemlich tief rein. Das manichäische Weltbild kann man sich so erklären, das ist nun auch ein bisschen meine Forschung, dass uralte, archaische Instinkte oder Anlagen zum Vorschein kommen. Es ist nicht nur die Bereitschaft, sich diese einfache Welterklärung gefallen und auch befehlen zu lassen. Sondern rattenfängerartig wird eine Hörigkeit ausgelöst, die dann massenpsychologisch dazu führt, dass es geradezu als Erlösung empfunden wird, vom eigenen Gewissen befreit zu sein. Ein absolutes Feindbild ist nötig, um mit sich selbst im Reinen zu bleiben.
Wer ist der Rattenfänger?
Na Bush.
Wir haben verstanden: Bush ist das Feindbild, dass Horst-Eberhard braucht, um mit sich selbst im reinen zu bleiben. Treffer, versenkt.
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Siehe auch:
- Horst-Eberhard Richter und die neurotisch Friedlosen, 3. Oktober 2007.
Von Israel aus betrachtet
Von Aluf Benn
Der Iran bewegt sich ungehindert auf die Atombombe zu - so die Lageanalyse der politischen und militärischen Führungsschicht in Israel. Der Versuch, ihm durch wirtschaftliche Sanktionen Einhalt zu gebieten, ist gescheitert, vor allem weil Russland, Deutschland und Italien sich weigern, ihre Geschäfte mit den Iranern einzustellen. Auf dem Tisch verbleiben demnach zwei Optionen: sich mit der atomaren Aufrüstung des Iran abzufinden oder sie mit Gewalt zu stoppen.
Die USA haben militärische Möglichkeiten, doch gibt es innerhalb der Regierung Opposition gegen eine Aktion im ran. Die Chancen eines amerikanischen Angriffs sind gering, die endgültige Entscheidung wird jedoch von Präsident George W. Bush getroffen. In Jerusalem tut man sich schwer mit der Beurteilung, was bei ihm überwiegt – die politischen und strategischen Bedenken gegen einen zusätzlichen Krieg im Nahen Osten (nach der Verwicklung im Irak) oder sein Glaube, dass es an ihm sei, die Welt vom Albtraum einer Atomwaffe in den Händen von Ali Chamenei und Mahmoud Ahmadinejad zu erlösen.
In den letzten Wochen hat in den USA eine lebhafte Debatte darüber stattgefunden, was man in Bezug auf den Iran tun sollte – Dialog, was die Akzeptanz des Atomprogramms bedeutet, oder Krieg. Amerikanische Strategen reden von der „kubanischen Raketenkrise in Zeitlupe“ und suchen einen dritten Weg, zwischen Angriff und Einverständnis. In Israel gibt es keine solche Debatte, abgesehen von einem kleinen Kreis von Sachverständigen und Interessierten. Scheinbar wartet Israel auf die Entscheidung von Bush, die im nächsten Jahr fällig ist, bevor es darüber nachdenkt, selbst den Iran anzugreifen.
Die öffentliche Diskussion in Amerika offenbart die unterschiedlichen Positionen der Entscheidungsträger in Jerusalem und in Washington. Von hier aus betrachtet, wirkt die iranische Bedrohung viel konkreter und furchteinflößender und die Antwort viel einfacher und präziser. Man nimmt an, dass der Iran, wie einst der Irak und Syrien, sich mit einer Reaktion schwer tun würde. Womöglich würde er einige Raketen nach Israel schicken - und zusätzlich noch einige über die Hisbollah aus dem Libanon – sowie einen Terroranschlag gegen ein israelisches Ziel im Ausland initiieren. Dies wäre schmerzhaft, aber erträglich und würde als zu rechtfertigender Preis für die Beseitigung einer existentiellen Bedrohung empfunden werden.
Auf amerikanisch klingt „Angriff gegen den Iran“ wie ein dritter Weltkrieg, so wie Bush am Mittwoch gewarnt hat: wochenlange Bombardierung der militärischen und zivilen Infrastruktur des Iran im Anschluss an Gesprächsversuche und ein offenes Ultimatum, dem die Blockade der Öllieferungen an den Westen und Terroranschläge mit Tausenden amerikanischer Opfer folgen würden, wenn nicht gar ein jahrelanger pan-islamischer Jihad gegen die USA. Selbstverständlich erscheinen die Destabilisierung der Weltordnung und die Zerstörung der westlichen Volkswirtschaften angesichts einiger Atombomben im Iran übertrieben.
Wenn Israelis vom „point of no return“ des iranischen Atomprogramms sprechen, meinen sie das „Überschreiten der technologischen Schwelle“, d.h. den Moment, in dem iranische Ingenieure und Wissenschaftler das Know-how zum Bau von Atomwaffen beherrschen und auch darauf zurückgreifen können, wenn die bestehenden Anlagen zerstört bzw. aufgrund diplomatischer Vereinbarungen geschlossen würden. Die rote Linie der Amerikaner liegt an einem ferneren Zeitpunkt, wenn der Iran über eine einsatzbereite Bombe verfügt.
Die Unterschiede in den Positionen sind verständlich. Der Einwohner Chicagos oder Miamis kann in Ruhe mit der iranischen Bombe leben, so wie er unter der sowjetischen Bedrohung gelebt hat. Der Einwohner Tel Avivs, den der iranische Präsident nach Alaska oder Kanada zu vertreiben droht, muss da sehr viel besorgter sein.
„Die Welt“ ist sich dieser Unterschiede bewusst, und ihre Verweigerung von Sanktionen und ernsthafter Organisierung gegen den Iran drängt Israel still und leise zur Entscheidung des Angriffs. Das internationale Schweigen, mit dem die Aktion in Syrien bedacht worden ist, könnte als Ermunterung der israelischen Machtdemonstration aufgefasst werden. Der Austausch von Drohungen zwischen Israel und dem Iran ist von der internationalen Gemeinschaft - jedenfalls bis zur letzten Rede Bushs - gleichgültig aufgenommen worden, wenn man es mit den fortgeschrittenen Anstrengungen in der palästinensischen Frage vergleicht. Womöglich hat der amerikanische Experte, der die Geschehnisse seit Jahren verfolgt, ja Recht, wenn er sagt: „Ihr habt eineinhalb Millionen Palästinenser, die morgen nach Tel Aviv marschieren können und regt euch über Atomwaffen im Iran auf?“
Doch von Israel aus betrachtet, sieht es anders aus: In den Augen der Entscheidungsträger werden wir mit den Palästinenser irgendwie zurechtkommen. Die iranische Bedrohung jedoch wird als unerträglich empfunden. Wer anders denkt, spricht dies nicht offen aus, zumindest nicht, bis klar ist, ob es wirklich einen Weg gibt, die Iraner zu stoppen – oder es schon zu spät ist.
(Ha’aretz, 19.10.07, veröffentlich mit Genehmigung der Botschaft des Staates Israel, Berlin.)
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Siehe auch:
• Israel enttäuscht über internationale Iran-Politik, 19.Oktober 2007.
Der Schwanz der Katze
Der Schwanz der Katze
Von Yoel Marcus
Wenn auf dem Gipfel in Annapolis der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern ausbricht, fresse ich meinen Hut. Zufall oder nicht, drei Tage nach dem geplanten Eröffnungsdatum des Gipfels, am 29. November, werden es sechzig Jahre her sein, dass die Generalversammlung der UNO den Teilungsplan für die Schaffung zweier Staaten im Mandatsgebiet Palästina verabschiedet hat. Die Juden begrüßten die Resolution mit Singen und Tanzen. Die Araber wiesen sie kategorisch zurück und eröffneten am nächsten Tag das Feuer auf zwei Busse der Linie Egged.
Der Ausrufung des Staates am 14. Mai 1948 folgte der Unabhängigkeitskrieg, und das Blut, das seither vergossen wurde, ist auf jeder Seite der Geschichtsbücher zu finden. Die Dummheit, die Unnachgiebigkeit und der Hass der Palästinenser haben Israel nach dem Sechs-Tage-Krieg zu 40 Jahren Besatzung und Beherrschung des palästinensischen Volkes veranlasst. Es hat uns viel Zeit gekostet, bis wir verstanden haben, dass dieser glorreiche Sieg, der überall in der Welt an Militärakademien studiert wird, ein Pyrrhussieg war. Außer Israel herrscht heute kein demokratisches Land über ein anderes Volk. Israel wurde zum Gefangenen der 40jährigen Besatzung. Wir wurden in ein chronisches Ziel für Terror und Tadel verwandelt. Wir werden von der islamischen und von der aufgeklärten Welt angeprangert.
Der Annapolis-Gipfel führt uns 60 Jahre zurück, jedoch mit einem Unterschied: Die meisten Palästinenser sind heute bereit, das Land zu teilen, allerdings unter der Bedingung, dass sie nicht einen einzigen Cent für ihre Idiotie, ihre Ungeschicktheit und ihre Verbrechen – ganz zu schweigen von dem jüdischen Blut, das sie vergossen haben - zahlen müssen. Sie verlangen, dass wir die Uhr zurückdrehen, dass wir ihnen eine Entschädigung bezahlen, dass wir ihrem Rückkehrrecht zustimmen und so weiter und so fort. Ich weiß nicht wie das arabische Palästina heute aussehen würde wenn die Palästinenser den Teilungsplan der UNO im Jahr 1947 akzeptiert hätten. Meine Vermutung ist, dass dieser Staat größer wäre, dass wir ganz gute Nachbarn wären und dass es ihnen besser ginge als es ihnen heute tatsächlich geht. Doch die Welt hat sich geändert. Die politischen Interessen haben sich gewandelt. Imperialismus ist nicht länger in Mode. Der Kalte Krieg zwischen den Supermächten hat sich in einen Kampf gegen den neuen Feind verwandelt: wahnsinnige islamische Fundamentalisten, die den Ungläubigen, dem großen und dem kleinen Satan einen globalen Krieg erklärt haben. Alle sind Ziele tödlichen, willkürlichen Terrors – Terror, dem atomare Klauen wachsen.
Wer hätte gedacht, dass nach der Vernichtung von sechs Millionen Juden ein muslimischer, die Shoa leugnender Führer in New York auftreten und öffentlich erklären würde, dass es sein Ziel sei, Israel auszulöschen? Wer hätte gedacht, dass seine Abgesandten und Dozenten Israel infiltrieren und den palästinensischen Terrororganisationen helfen würden, den Job zu beenden, den Hitler nicht beendet hat?
Wenn es je eine Zeit gab, in der starke Staatsführer benötigt wurden, um ein Abkommen zwischen den beiden Völkern zu erzielen, bevor eine dritte Intifada ausbricht, dann ist diese Zeit jetzt. Der erste, der dies begriff, war Ariel Sharon, der den Traum von einem Großisrael auf Eis gelegt und sich auf die Abkopplung von den Gebieten und die Teilung des Landes konzentriert hat. Niemand weiß, was er getan haben würde, hätte er gesehen, wie die Evakuierung von Gush Katif ausgegangen ist, wie sich der Gaza-Streifen von einem befreiten Gebiet in eine Basis der Hamas für Angriffe auf israelische Städte verwandelt hat. Doch es ist nun klar, dass die Abkopplung ein Fehler war. Es gibt keinen Ersatz für ein Abkommen zwischen den Parteien und es wird niemals einen geben.
Am Vorabend des Gipfels besteht das Problem in der schwachen Führung von Ehud Olmert und Mahmoud Abbas. Die beiden sehen eher wie zwei britische Gentlemen aus, die sich in einem Club auf einen Drink treffen, als zwei robuste Staatsmänner, die die Extremisten auf ihren Seiten dazu bringen können, Frieden zu akzeptieren, der auf gemeinsamen Konzessionen und der Versöhnung mit dem Feind basiert. Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Mahmoud Abbas seinen Fuß in den Gaza-Streifen setzt und dort den Terror stoppt, Terrororganisationen auflöst und das Raketenfeuer auf Israel beendet. Ich kann mir ebenfalls nur schwer vorstellen, dass Ehud Olmert, der unter einer Wolke von polizeilichen Ermittlungen sitzt, eine Viertelmillion Anhänger eines Großisraels dazu bringt, die Gebiete aufzugeben und einigen ihrer Siedlungen Lebewohl zu sagen. Ich weiß nicht wie Ehud Olmert im Kabinett mit Ehud Barak umgehen will, der gegen den Gipfel ist und ihn „heiße Luft“ nennt, oder Tzipi Livni und Avi Dichter, die voller Zweifel sind, oder Shaul Mofaz, der sagt: „Jerusalem ist kein Immobilienobjekt“.
Über Politiker wie Olmert und Abbas sagte Pinhas Sapir einst, sie könnten nicht einmal einen Knoten in den Schwanz einer Katze binden. Mit George W. Bush und Olmert, die beide am unteren Ende der öffentlichen Meinungsumfragen gelandet sind, und mit Abbas, dem die Unterstützung seines Volkes fehlt, wird in Annapolis nicht der Frieden ausbrechen. Die Bedeutung des Gipfels liegt darin, dass er überhaupt stattfindet. Durch Reden ist noch niemand gestorben.
(Ha’aretz, 08.10.07, veröffentlich mit freundlicher Genehmigung der israelischen Botschaft in Berlin.)







