Ein Arbeitskreis Pro-Westler in der FDP…

August 19, 2008 · Filed Under Antiamerikanismus, Deutschland, Russland · 2 Comments 

… tut angesichts der linksparteikompatiblen außenpolitischen Vorstellungen von Westerwelle dringend not.

Terroristische Internationale

August 18, 2008 · Filed Under Deutschland, Extremismus, Linke Schwärmereien · 1 Comment 

Von der FARC über die PKK bis zur ETA: Die Linkspartei unterhält zu allen Arten terroristischer Gruppierungen gute Kontakte, so der “Focus”:

Seit einigen Jahren sammelt das Bundestagsbüro des CSU-Außenpolitikers Karl-Theodor zu Guttenberg systematisch Belegmaterial für dessen Vorwurf, die Linke zeige ein „völlig ungeklärtes Verhältnis zu Gewalt und Terrorismus“. Ungeklärt? Guttenberg legt nach: „Die Klärung ergibt sich aus den Fakten.“ (…)

Innenpolitisch ziele der Terrorismus-Flirt der Alt- und Neokommunisten darauf, „die Mobilisierungsreserve des linksextremistischen Milieus in Westdeutschland anzubinden“ und damit „die Westausdehnung der Linkspartei zu fördern“, urteilt Guttenberg. Auf gleicher Linie liege das Interesse an der Unterstützerszene der ehemaligen deutschen RAF-Terroristen. Seine Warnung vor „fortschreitender Radikalisierung“ der Linken sieht der CSU-Politiker bestätigt durch eine Studie der Wissenschaftlichen Dienste des Bundestages vom 31. Juli. Diese weise auf eine linke Doppelstrategie hin: den „außerparlamentarischen Kampf“ im In- und Ausland auch mit parlamentarischen Mitteln voran zu treiben.

Derweil gibt man sich bei der Linkspartei empört, dass sie immer noch in den meisten Bundesländern überwacht wird.

(Dank an Nasrin)

Jeepgespräche (2)

August 17, 2008 · Filed Under Deutschland · Comment 

Morgenpost-Kolumne 17. August 2008
Heinz Eggert

Zu DDR-Zeiten war es einfacher. Da ich als Pfarrer weniger als ein Facharbeiter verdiente, fragte mich nie jemand nach meinem Gehalt oder neidete es mir. Es kam allerdings auch niemand auf den Gedanken, dass ich wegen des Geldes meinen Beruf ergriffen hätte. Das ist, seitdem ich in die Politik gewechselt bin, anders. An diese Unterstellungen habe ich mich inzwischen gewöhnt. Wenn alle Argumente ausgehen, kann man damit immerhin noch die Glaubwürdigkeit erschüttern.

Vor Jahren nahm ich an einer Motorradtour mit 130 Motorrädern durch Polen auf meiner Harley teil. Bei einer Rast erzählte mir ein Bundestagsabgeordneter aus dem Westen, dass er sich auch gerne eine Harley kaufen würde, dass er das aber seinen Wählern nicht zumuten könne. Das wäre politisch unkorrekt!

Ich war irritiert. Sollte ich wegen des Wählers auf die Erfüllung eines unbändigen Jugendtraums verzichten? Es war doch mein Geld und kein geklautes. Bevor er dann mit seiner neuesten geborgten BMW weiterfuhr - seine Wähler waren ja weit weg - sagte ich ihm noch, dass ich in Sachsen noch nie solche Argumente gehört hätte. Die Sachsen seien nicht so kleinkariert wie seine Wähler.

Stimmt ja - für die meisten jedenfalls! Letzten Monat rief mich ein Journalist an, um mich zu fragen, wie ich Sprit spare. Nun gefallen mir die hohen Spritpreise schon lange nicht - auch wegen des hohen Steueranteils - aber ich kann sie aufgrund meines Gehaltes noch immer eher bezahlen, als so mancher meiner Freunde und Nachbarn. Also erzählte ich ihm, dass ich mit meinem Jeep, der nun wirklich kein Spritsparmodell ist, nicht mehr über die Autobahn nach Dresden rase, sondern über die Landstraßen schaukle und dabei Diesel und Nerven spare. Da ich viel im Dreiländereck unterwegs bin, würde ich auch oft in Polen tanken. Er fragte noch einmal nach, ob er das wirklich schreiben dürfe.

Klar, es ist doch Normalität im Dreiländereck. Auch dort treffe ich meine Wähler! Schon am Tag der Veröffentlichung kam um 11.12 Uhr per Mail die erste Reaktion. Offensichtlich hatte ein nassforscher Forscher an der TU Dresden vor lauter Empörung die Forschung eingestellt (Was das den Steuerzahler wieder alles kostet?) um dann reihenweise Empörungsbriefe an Redaktionen zu schreiben. Der Tenor: Es sei unerhört, dass ich ohnehin so ein Auto fahre und dass ich in Polen tanke sei eine Unverschämtheit und unpatriotisch. Schau an!

Über Heuchelei in der Politik wird oft geklagt. Zu Recht! Aber vielleicht ist die manchmal auch nur die Reaktion auf die Heuchelei der politisch korrekten Wähler. Oder?
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Um die Kolumne ein wenig zu unterlegen, anbei die sich in ihrer Sachlichkeit steigernden Briefe des Patrioten Lars H.

An Heinz.Eggert@slt.sachsen.de

30.07.2008 11:12
Sehr geehrter Herr Eggert,
Sie nutzen derzeit wiederholt die Sächsische Zeitung, um Ihre Mitbürger ungefragt über Ihre Einstellung zum Automobil zu unterrichten. Nun, Ihren fahrbaren Untersatz haben Sie sich sicher redlich verdient und der Spaß daran sei Ihnen auch gegönnt. Die Art, wie Sie sich und Ihren Kampfpanzer dem Leser (und Wähler) präsentieren, halte ich persönlich für schlechten Stil. Dass Sie dann auch noch sicher aufgrund Ihrer angespannten finanziellen Situation verkünden, zum Tanken nach Polen zu fahren, finde ich geschmacklos.

mit freundlichen Grüßen
Lars H.

Meine Reaktion am 31.07. 12:09

An xxxxxxxxx
Moin Herr H.,
gut dass man an der TU soviel Zeit hat, die SZ zu lesen und zu kommentieren.
1. ich wurde befragt, also wenden Sie sich mit Ihrem Protest - auch in Bezug auf den Stil- an die SZ
2. Ich tanke nicht nur in Polen, sondern esse auch in Tschechien. Das ist im Dreiländereck normal und hat nichts mit der finanziellen Situation, sondern mit der Normalität des Lebens hier zu tun.

Vielleicht überprüfen Sie einfach einmal Ihre Einstellung!

MfG Heinz Eggert

Nachdem am 1. August 2008 auch noch ein Leserbrief in der Sächsischen Zeitung erschien, bündelte er seine Sachlichkeit noch einmal in einem Brief an den “Eulenspiegel“.

Name: Lars H. Ort: Dresden
Land: Deutschland
Verschickt: 30.07.2008 10:54:17

Liebe Eule,

ein Gespenst geht um im Sachsenland. Genauer gesagt in der Sächsischen Zeitung. Die hierzulande allseits beliebte Morgenpost für Besserverdienende druckt derzeit eine Artikelreihe ab, die den autofahrenden Sachsen beim Benzinsparen beraten soll. Auf der Randspalte werden diese Hinweise stets unterstützt durch einen sonnenbebrillten Arsch mit Ohren, der sich beim näheren Hinsehen als der Ex-Innenminister aller Sachsen entpuppt. Der Mann zeigt Kompetenz und beschreibt dem Bürger zunächst sein Spritsparwunder, einen dicken Chrysler-Jeep mit einem Hubraum von vier Milchkannen und einem Spritverbrauch, der selbst einen russischen Kampfpanzer bei voller Feindfahrt erblassen lässt. Der devote Wurstblattredakteur springt ihm bei und erläutert: die 250 PS brauche der Mann dringend auf seiner Fahrt durchs Mittelgebirge. Richtig so, man kennt ja die Bilder von Minderleistern, die in ihren minderleistenden Kleinwagen an den schroffen Steilhängen des Erzgebirges versagen und enttäuscht zurück ins Tal rollen. Kein Problem, denn dort nimmt sie das oben erwähnte Gesäß mit Ohren tröstend in den Arm und verrät: Seine Spritkosten senkt der Mann durch den Tankstopp in Polen. Respekt! Danke, Herr Ex-Innenminister, Patrioten wie Sie braucht unser Land!

Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (4)

August 15, 2008 · Filed Under Demokratie, Deutschland, Europäische Union, Menschen & Mächte · 1 Comment 

(Forts. vom 8. August)

Nachklang (2)

Mai 2008. Mit sehr sympathischen, in der Euregio sehr engagierten jungen Tschechen sitze ich auf dem Marktplatz in Liberec (Reichenberg) vor einem Kaffee. Sie sind alle nach 1970 geboren. 150m von uns entfernt an der Vorderfront des herrlichen Rathauses erinnert eine Gedenktafel mit neun Gliedern einer Panzerkette an die Opfer von 1968. Jedes Glied dieser Panzerkette trägt einen Namen. Gegen 7:45 Uhr eröffnete ein sowjetisches Spezialkommando am 21.8.1968 von einem Schützenpanzerwagen aus das Feuer auf vor dem Rathaus versammelte Demonstranten. Sechs Menschen starben, mehr als 40 wurden verwundet. Gegen Mittag fuhr ein Panzer in ein Haus (gegenüber dem Rathaus) und brachte Teile davon zum Einsturz. Dabei kamen drei Menschen ums Leben.

Trotz dieser Schocks gab es etliche, die mit viel Einfallsreichtum ihren Protest fortsetzen. Sie nutzten Lücken in der Marschkolonne der Sowjetarmee, um an Kreuzungen ohne (sowjetische) Regulierungsposten den Armee-Tross erfolgreich in falsche Richtungen umzuleiten. So fuhren die sowjetischen Schützenpanzerwagen in alle Richtungen, nur nicht nach Prag. Am 23. August waren sämtliche Straßenschilder der Innenstadt ausgetauscht. Jede Straße hieß nun Dubčekova ulice (Dubcekstrasse). Damit wollten sie den Okkupanten die Orientierung nehmen, andererseits aber auch die Verbundenheit mit Parteichef Dubcek zeigen. Ich rede mit den jungen Tschechen über diese Zeit. Sie wollen unbedingt an dieses Ereignis 1968 erinnern. Aber sie haben ein Problem. Sie finden kaum Zeitzeugen. Die Ereignisse des Prager Frühlings sind bei uns nicht sehr populär, sagt der eine. Und ein anderer ergänzt, es  ist er gar nicht so einfach aus dieser Zeit Helden und Demonstranten von Mitläufern und Angepassten zu unterscheiden. Oftmals würden die Lebensläufe beides hergeben. Wenn man neben dem Ereignis 1968 auch das vorher und hinterher in den Lebensläufen berücksichtigt.

Was wäre zum Beispiel, fragt einer, wenn unter den neun Toten ein Geheimdienstspitzel gewesen wäre, der eigentlich den Auftrag gehabt hätte die anderen Demonstranten zu bespitzeln und so zufällig von seinen eigenen Auftraggebern erschossen worden wäre? Wie wäre er einzuordnen? Als Held oder als Denunziant? Ich zitiere den polnischen Schriftsteller Stanislav Lec: Geradlinige, passt in den Kurven auf!

In unseren eigenen Biografien ist doch auch von allem etwas anzutreffen. Heldentum hat man nicht auf Vorrat. Wobei Helden nie besonders beliebt sind, es sei denn, sie treten im Film auf. Im realen Leben führen sie den anderen doch nur ihr Versagen vor und machen ihn ein schlechtes Gewissen. Wer will das schon aushalten? Aber es gibt zugespitzte geschichtliche Situationen, wo wir von unseren eigenen Überzeugungen geleitet, instinktiv das Richtige tun. (Was sich hinterher als sehr dumm herausstellen kann, weil es unser Leben und unsere Karriere verändert hat.) Nur das alles setzt voraus, dass man eine Überzeugung hat. Eine Überzeugung, die auf Wertigkeiten basiert.

Vielleicht kann man sich so den geschichtlichen Ereignissen von 1968 am ehesten nähern. Für welche Werte gingen die Demonstranten 1968 auf die Straße, riskierten ihr Leben oder ihre Lebensentwürfe? Und - kann man ohne solche Werte in einer Gesellschaft leben, in der die Mitmenschlichkeit abbröckelt, in der sich Menschen erst unterwerfen, um sich dann zu verkaufen. Man hat nie alle richtigen Antworten auf alle Fragen parat. Man muss sie sich selbst arbeiten. Manchmal kann man auch die Richtigen fragen. Nur dazu muss man sie ausfindig machen! Selbst auf die Suche gehen! Am dreißigsten Jahrestag der Zerschlagung des Reformprozesses hat es eine Schülergruppe aus der deutschsprachigen Abteilung des Gymnasiums F. X. Šaldy in Liberec schon mit Erfolg versucht.

Sehr gerne wird davon gesprochen dass man ein Licht anzünden müsste in der Gesellschaft, damit es heller und wärmer wird. Am 16.Januar 1969 gab es eine Fackel Nummer Eins. Zehn Studenten der philosophischen Fakultät in Prag hatten sich zusammen getan, weil sie philosophisch nicht mehr über das reden durften was noch vor dem 21. August möglich war. Ihre Wahrheitssuche war in Gefahr. Es waren gesunde kluge junge Leute, die niemanden aufnahmen, der psychische Probleme hatte. Nicht aus Überheblichkeit, sondern aus der Furcht, das die kommunistische Propaganda sie als Psychopathen in der Öffentlichkeit darstellen könne. Sie wollten ein Zeichen setzen. Es wurde gelost.

Die Fackel Nummer Eins hieß Jan Palach. Er war 21 Jahre. Am 16.1.1969 gegen 15:00 Uhr übergoss er sich am Prager Wenzelsplatz mit Benzin und zündete sich an. Zwei Tage später starb er. Einige Monate zuvor hatte sich am 8. September 1968 der Pole Ryszard Siwiec in Warschau als Protest gegen den Einmarsch verbrannt. Die kommunistische Verschweigenstaktik funktionierte so gut, so dass es selbst heute kaum noch jemand weiß. Auch deshalb muss daran erinnert werden, weil sonst jene gewinnen würden, die die Menschenrechte mit Panzerketten zermalmen und die Menschen mental zu kleinen verfügbaren Zwergen machen wollten.

Denn das will doch bestimmt keiner von uns sein. Oder?

(Ende. Hier geht es zum 3. Teil.)

Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (3)

August 8, 2008 · Filed Under Demokratie, Deutschland, Europäische Union, Menschen & Mächte · 1 Comment 

(Forts. vom 1. August)

Nachklang (1)

1980. Ich bin Pfarrer an der wunderschönen Bergkirche in Oybin, dicht an der tschechischen Grenze. Im März besuchen mich zwei Mitarbeiter des DDR-Fernsehens. Sie wollen Konzerte mit den weltberühmten „Prager Madrigalisten“ aufzeichnen und bitten um die Genehmigung, auch in der Kirche drehen zu dürfen. Den Mut, 1980 in einer Kirche drehen zu wollen, muss ich natürlich unterstützen und sage zu.

So lernte ich den Musikwissenschaftler und Gründer der Prager Madrigalisten Professor Miroslav Venhoda kennen. Ein sehr sympathischer älterer Herr. Meine Frau und ich laden ihn zu uns ein. Er steht abends pünktlich vor der Tür. Unter den einen Arm hat er eine Flasche Wein, unter dem anderen seine Hausschuhe geklemmt. Denn selbstverständlich zieht man seine Straßenschuhe vor der Wohnungstür aus. Wir reden über Gott und die Welt und meine Erlebnisse 1968 in Prag. Er sagt, dass er schon geahnt habe, dass er zu den richtigen Leuten käme. Dann erzählt er über die Folgen von 1968. Von seinem Schwiegersohn, der als junger Arzt 1968 eine Mediziner Gewerkschaft gründen wollte, und dann 1970 auf ein kleines böhmisches Dorf verbannt wurde, dass er seitdem bei Androhung von Gefängnisstrafe nicht verlassen durfte. Dafür werden alle seine Besucher vom Geheimdienst registriert. Es ist die Stunde der Denunzianten und Emporkömmlinge.

Er erzählt davon, dass die Repressionen selbst vor dem Tod nicht halt machen. Als ein Freund von ihm - ein sehr prominenter tschechischer Wissenschaftler - gestorben war, durfte der Zeitpunkt der Beisetzung in der Annonce  nicht genannt werden. Er hatte sich 1968 zu sehr politisch engagiert. Damit die Angehörigen nicht seine Freunde und politisch Gleichgesinnten zur Beisetzung einladen konnten, wurde ihnen der Telefonanschluss abgeschalten. Als der Geheimdienst dann mitbekam das die Familienangehörigen es aus Telefonzellen versuchten, bekam die Familie abends nach 20:00 Uhr die Mitteilung, dass aus technischen Gründen die Beisetzung schon morgens um 7:30 Uhr statt 17:00 Uhr nachmittags stattfinden müsste.

Er erzählt von weltbekannten Künstlern und Wissenschaftlern, die nicht mehr auftreten und arbeiten dürfen. Wenn sie eine andere Arbeit suchen, verhindert der Sicherheitsdienst dass sie welche finden. Sie arbeiten in den städtischen Abwasserkanälen und Müllbetrieben, putzen Fenster oder arbeiten als Heizer und Hausmeister. Ihre Kinder dürfen nicht studieren. Gemeinsam war ihnen, dass ihnen selbst der Zugang zu öffentlichen Bibliotheken versperrt wurde. Oder sie werden auf Dörfer verbannt, die sie nicht verlassen dürfen. Niemand darf über sie schreiben, nirgendwo dürfen sie erwähnt werden - sie sollen totgeschwiegen werden. Deswegen wird über sie nur noch geflüstert.

Er erzählt, wie die Charta 77 - Mitverfasser ist Vaclav Havel - unter der Hand an Freunde weitergereicht wird, und wie die kommunistische Partei medienwirksam im Prager Nationaltheater eine Gegenveranstaltung organisiert hat, an der hunderte tschechische Künstler und Intellektuelle mehr oder minder freiwillig teilgenommen hatten um eine Anticharta zu verabschieden. Tausende unterschrieben sie in den nächsten Wochen. Karel Gott versprach dort; mit noch schöneren Melodien ein Beitrag für den Marsch in ein glückliches Leben des Vaterlandes zu leisten. Das alles erzählt Professor Venhoda nicht laut und anklagend, sondern leise und ein wenig ironisch, wie einer, der weiß dass nichts Bestand in dieser Welt hat. Wir frotzeln noch ein wenig über Karel Gott. Was wäre aus ihm geworden, wenn er sich nicht dem System zur Verfügung gestellt hätte?

Venhoda grinst in sich hinein und meint, dass uns dann unersetzliche Gottsche Kunstwerke verloren gegangen wären weil man dann im tschechischen nichts mehr von ihm gehört hätte. Und nach einer Weile fügt er ironisch hinzu: Das kann einen den Sozialismus beinahe schon wieder sympathisch machen. Später erzählt dann noch vom “Prager Winter”. Einer Konzertreihe in Prag. Im Nationaltheater wird die Janacek-Oper Libuse gespielt. Die sagenhafte Gründerin Prags, Libuse, prophezeit erschütternd: Ihr geliebtes tschechisches Volk werde zwar durch die Hölle müssen, aber es werde nie untergehen. Das klang schon in den Tagen der nationalsozialistischen Besatzung gefährlich. Jetzt kommt bei diesen Worten schütterer Beifall auf. Von den wenigen Tschechen, die Eintrittskarten bekommen haben. Es ist zwar ein nationales tschechisches Festival, aber die Tschechen haben da kaum Zutritt. Es geht nicht nur um Kultur sondern auch um Devisen. Deshalb sitzen im Zuschauerraum nur Österreicher, Amerikaner und Westdeutsche. Westliches Bildungspublikum  eben - das allerdings die Zusammenhänge nicht begreift. Deshalb auch nur schütterer Beifall.

Spät nach Mitternacht geht er wieder in sein Hotel. Das fällt natürlich auf und wird von eifrigen Fernsehleuten an die Staatssicherheit nach Berlin und von dort aus nach Prag weiter gemeldet. Bevor die Dreharbeiten beendet sind, lädt er uns für die Schul-Ferienwoche darauf in sein kleines Bauernhaus in einem böhmischen Dorf ein. 22 Häuser, 16 Milchkannen und eine kleine Kneipe. Gut und intensiv kontrolliert an der Grenze gehen wir abends zusammen nach unserer Ankunft in die Dorfkneipe. Der Wirt begrüßt uns schon vor der Tür und sagt: Sie sind schon da! Professor Venhoda meint, lasst uns über Musik reden, davon verstehen sie nichts. Als wir die Kneipe betreten, sitzen hinten an einem Eck-Tisch zwei Geheimdienstleute aus Prag. Seltsam, diese Typen sehen überall gleich aus. Wir essen und trinken und reden lange über Musik. Über diesen Abend habe ich in meinen Akten kein Protokoll gefunden. Offensichtlich war man in den Stasizentralen in Berlin oder Prag an kulturellen Dingen nicht so sehr interessiert.

Leider ist Professor Miroslav Venhoda am 10.5.1987 gestorben. Wir hätten 1989 noch gerne mit ihm im U Kalicha bei unserem Freunden Tomas und Pavel Töpfer darauf angestoßen, dass die Geschichte - Gott sei Dank! - keine Sieger kennt. Es hätte Professor Venhoda bestimmt erfreut, dass die Hausmeisterposten 1989 in Prag wieder neu umbesetzt wurden. Einige der Dissidenten, die sie innehatten, wurden zum Minister berufen oder nahmen wieder führende Posten in der Gesellschaft an. Dafür nahmen dann einige der der alten kommunistischen Parteigarde ihre Plätze als Hausmeister ein. Manchmal könnte man glauben, Gott sei ungeheuer ironisch.

(Teil 3 von 4. Der vierte und letzte Teil erscheint am 15. August. Hier geht es zum 2. Teil.)

Jeepgespräche

August 4, 2008 · Filed Under Deutschland · Comment 

Morgenpostkolumne 3.8. 2008
Heinz Eggert

Sie steht in Herrnhut in der Mittagshitze an der Bushaltestelle. Klein, grazil und sportlich sieht sie aus. Aus ihrer Handtasche lugen Blumen. Ich halte mit meinem Jeep und frage sie, ob sie mit nach Zittau will. Sie schaut mich prüfend an und steigt ein. Dann erklärt sie mir, dass sie niemals zu fremden Männern ins Auto steigen würde. Aber mich kenne sie ja aus dem Fernsehen. Ich schätze sie auf knapp 70 Jahre und bin ein wenig verblüfft wegen ihrer Vorsicht. Offensichtlich kann sie gut in Gesichtern lesen. Man muss in jedem Alter aufpassen, sagt sie resolut, schließlich will ich meinen 80. Geburtstag in zwei Wochen ja auch noch feiern.

Man liest doch genug in der Zeitung und im Fernsehen kommt auch schon fast nichts anderes mehr. Zu DDR-Zeiten war ich nicht so vorsichtig. Sie schaut mich lächelnd an und sagt, dass darf man doch noch sagen ohne gleich als Kommunist zu gelten. Ich lächle zustimmend zurück und frage, ob ich sie in der Stadt absetzen soll? Nein, sie wolle auf den Friedhof. Mir fällt ein alter Witz ein, und ich grinse vor mich hin. Offensichtlich kennt sie ihn auch, denn mit jeder Falte ihres Gesichts lächelnd sagt sie, dass sie natürlich nicht auf dem Friedhof bleiben werde, sondern wieder zurückkomme.

Jetzt lachen wir beide und ich wünsche ihr, dass sie noch viele viele Jahre von ihren Besuchen auf dem Friedhof wieder zurückkommen möge. Vielleicht, meint sie; Falls Sie vor mir dort Platz nehmen sollten, besuche ich sie dann auch und gieße ihre Blumen. Sie lächelt schalkhaft und sagt dann: Beim Sterben geht es nämlich nicht nach der Reihe. Stimmt! Das ist der große Irrtum vieler!

Also bleiben wir beim Thema. Schnell sind wir uns einig, dass wir mehr Angst vor dem schmerzhaften Tod in Einsamkeit haben, als vor dem Tod überhaupt. Das geht den meisten so. Aber meint sie dann, eigentlich sind wir in Herrnhut gut dran.

Sie meint das Hospiz in Herrnhut. Früher waren Hospize Orte der Gastfreundschaft für Reisende und Pilger. Jetzt ist es das einzige Haus in Ostsachsen das schwerkranke, sterbende Menschen aufnimmt, damit sie ohne erträgliche Schmerzen und mit ständiger menschlicher Begleitung würdevoll sterben können. Da ich dort ehrenamtlich mitarbeite, kenne ich das schöne und friedliche Haus. Es geht dort sehr familiär zu. Auch die Angehörigen können jederzeit an der Seite der schwer Erkrankten leben oder sie jederzeit besuchen. Es ist auch sehr tröstlich, das für die Schwerkranken oder ihre Angehörigen keinerlei Kosten entstehen.

Da haben wir ja ein Thema erwischt, dass überhaupt nicht in die Sommerferien und in die Sommerhitze passt. Aber wer vom Sterben nichts weiß, versteht auch vom Leben nichts! Oder?

Der Prager Frühling oder: Mein politisches Erwachen (2)

August 1, 2008 · Filed Under Demokratie, Deutschland, Europäische Union, Menschen & Mächte · 1 Comment 

(Forts. vom 25. Juli)

Es sind wohl die selbst empfundenen Defizite, die sich in unserer politischen Überzeugung langsam aber sicher niederschlagen. In Prag war alles von einem Hauch von Freiheit umweht. Langsam begann ich in der DDR die reglementierte Strenge des von Moskau diktierten Sozialismus zu hinterfragen. Deshalb, immer wenn es meine freie Zeit zuließ, war ich in Prag. Wegen der Stadt, wegen Marta und der freien Atmosphäre. An der Grenze gut kontrolliert, besonders nach Zeitschriften und Tonbändern untersucht, kam ich dann wieder in meiner sozialistischen Heimat an. Dann kam der 21.8.1968.

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 hatte ich in Warnemünde auf dem Stellwerk Dienst. Es war eine laue Sommernacht bei ruhiger See. Zur gleichen Zeit, als ich gegen 23:00 Uhr den Rangier Betrieb mit dem dänischen Fährschiff Kong Frederik beaufsichtigte, sendeten in Prag drei sowjetische Militärtransporter einen Notruf an den zivilen Flughafen in Prag. Sie baten um Landeerlaubnis, die abgelehnt wurde, da sich ganz in der Nähe ein militärischer Flughafen befand. Die Flieger landeten somit ohne Genehmigung auf dem Flughafen. An Bord waren sowjetische Fallschirmjäger die sofort begannen, den Flughafen zu sperren. Nachdem der Flughafen unter deren Kontrolle war, landeten im Minutentakt russische Truppentransporter und luden Panzer und Geschütze aus.

In dieser Nacht sind die Russen und ihre Verbündeten aus Polen, Bulgarien und Ungarn in die Tschechoslowakei einmarschiert. Die Polen marschierten auf dem Landweg über Hradice Kralove ein. Sie waren schon lange vorher an den Grenzen stationiert worden, um angeblich ein Manöver gegen die NATO vorzubereiten. Nur die Truppen der DDR NVA durfte trotz der Bitten des damaligen Staatsratsvorsitzenden Ulbricht an Breschnew, nicht am Einmarsch teilnehmen. Die sowjetische Führung hatte auf den Einsatz der NVA-Einheiten verzichtet, weil tschechoslowakische Funktionäre zuvor darum gebeten hatten. Der Einsatz deutscher Soldaten 30 Jahre nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch die Wehrmacht wurde als gefährliche Provokation empfunden. Nicht schon wieder deutsches Militär in Prag.

Aber diese Zusammenhänge kannte ich damals noch nicht. Woher auch, sie waren nicht bekannt. Fassungslos hörte ich die Nachtnachrichten des verbotenen NDR auf dem im Dienst verbotenen Radio, die auch die Hilferufe der tschechischen Opposition weiter verbreiteten. Von Toten und Verletzten und Widerstand war die Rede. Es war Krieg im Sozialismus. Sozialisten gegen Sozialisten. Meine selbstverständlichen sozialistischen Überzeugungen bröckelten In dieser Nacht ab. Der Funkturm auf dem Jeschken  bei Liberec, war übrigens der letzte, der von den Okkupanten abgeschaltet worden war. Ich sehe ihn jetzt jeden Tag von Zittauer Gebirge aus. In dieser Nacht begriff ich, dass ich zwar noch jung war, die Welt aber nicht mehr offen.

Um 6:00 Uhr morgens war meine Schicht zu Ende. Beinahe zeitgleich war die Staatskanzlei von Alexander Dubček, der politischen Leitfigur des Prager Frühlings, von russischen Fallschirmjägern besetzt worden. Sie hatten den Auftrag, ihn nach Moskau zu bringen. Dort wurde er ins Gefängnis gesteckt. Vorher gelang es ihm noch seinem Bürochef eine Tasche mit Dokumenten zu übergeben, die den Russen nicht in die Hände fallen sollten. Er wusste nicht, dass der schon lange für den KGB arbeitete. Wie menschlich der Sozialismus geworden war, kann man an der Tatsache ablesen, dass Dubcek nicht erschossen wurde, sondern sein Lebensunterhalt als Waldarbeiter verdienen durfte. Das wurde im politischen Westen schon als Zeichen der Entspannung gesehen. Aber auch das wusste ich selbstverständlich in dieser Nacht noch nicht.

Nach der Schicht wurde eine Versammlung vom SED Parteisekretär einberufen. Alle mussten daran teilnehmen. Dann sollten wir - wie es in der DDR üblich war - gleich unterschreiben, dass wir den Einmarsch für richtig hielten, da er der Rettung des Friedens diente. Mir fiel ein Satz ein, dem ich im tschechischen Auslandsjournal Im Herzen Europas gelesen hatte. “Der Mensch hat nicht solange sprechen gelernt, um sich dann das sprechen verbieten zu lassen” (Prochazka). Ich habe mich damals als Einziger geweigert zu unterschreiben.

Zwei Tage später fand bei mir eine Hausdurchsuchung statt. Meine über die Jahre dann sehr angeschwollene Stasiakte bekam ihr erstes Blatt. Ich trat als Protest aus allen Organisationen aus. Es war aber schwierig, in der DDR aus Organisationen auszutreten, denn eines gab es nicht in der DDR: Austrittsformulare. Man sagte mir: “So, du stellst halt die Zahlung ein.” So habe ich die Zahlungen eingestellt und war kein Mitglied mehr. Auf dem Grenzbahnhof durfte ich aus ideologischen Gründen nicht mehr arbeiten. So hat man mich staatlicherseits in eine nicht gewollte, aber überfällige politische Nachdenklichkeit getrieben.

Aber es gab auch zutiefst persönliche Enttäuschungen. Auf einmal rückten Freunde ab. Auch im eigenen Elternhaus verstand keiner meine  Entscheidung. Meine Mutter war der Meinung, ich hätte selbst  meine berufliche Karriere vernichtet. Womit sie ja Recht hatte. Ich hatte dann großes Glück. Nachdem Marta in Prag mit ihren Eltern nach Kanada emigriert war, habe ich meine spätere Frau kennen gelernt, die aus einem christlichen Elternhaus kommt. Sie hat mich mit Studenten der  evangelischen Studentengemeinde zusammengebracht. Ich habe dann über eine Sonderreifeprüfung – in der ich verschwiegen habe, dass ich keinen Abschluss der 10. Klasse hatte - die Zulassung zum Theologiestudium bekommen. In der Bundesrepublik Deutschland  wäre ich niemals Theologe geworden. Der existentielle Anlass hätte gefehlt. Den gab es in der DDR in einer ganz brisanten Weise. Weniger durch die Erleuchtung der Bibel - ich bin auch sehr spät, mit 23 Jahren, konfirmiert worden -, sondern eher durch Dietrich Bonhoeffer, und durch Menschen, die aus christlichem Bewusstsein menschlich Diktaturen widerstanden haben. Damit konnte ich wieder leben.

Und so habe ich mich langsam von dieser DDR-Ideologie wegentwickelt, ohne ein Staatsfeind zu sein, den man gerne aus mir machen wollte. Ich hatte noch viel Hoffnung für die DDR und ihr verbesserungsfähiges menschliches Antlitz, weil ich inzwischen die Forderungen des Prager Frühlings verstanden hatte.

(Teil 2 von 4. Der dritte Teil erscheint am 8. August. Hier geht es zum 1. Teil.)

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