Ehrdelikte in christlichen Kulturen
“Ehrendelikte wie Morde, Blutrache, aber auch Repressalien oder Gewalt gegen eigene Familienangehörige sind besonders in Bevölkerungsgruppen mit einem stark ausgeprägten religiösen oder ethnischen Wertekanon verbreitet. Dabei werden diese überkommenen Werte meist höher bewertet als das geltende Rechtssystem. Fast immer geht es darum, dass die Ehre der Familie durch ein sogenanntes Scham-Delikt verletzt wurde, das den Wertekanon verletzt. Im Falle der 47-Jährigen war dies die Tabu-Verletzung, unehelich schwanger zu werden. Die Familie stellt mit der “Strafe” ihre Ehre wieder her. Solche Denkmuster gelten heute als archaisch.”
…schreibt der ‘Spiegel’ und erinnert angesichts des aktuellen Falles einer Italienerin, die von ihrer Familie 18 Jahre lang eingekerkert worden war, daran, dass Bestrafungen vermeintlicher Ehrverletzung keineswegs ein ausschliessliches Phänomen islamischer Gesellschaften sind:
“Besonders häufig sind Ehrdelikte in muslimischen Kulturen, aber eben auch in sehr traditionell katholisch geprägten Gesellschaften. (…) Ehrenmorde sind beispielsweise noch in Süditalien, auf dem Balkan und im griechischen Raum relativ häufig. Gehäuft treten sie auch in südamerikanischen Staaten auf.”
Ineressanterweise sind Protestanten aber wohl ausgenommen.
635 Mio. Chinesen der Armut entkommen
Schlechte Nachrichten für alle Kulturpessimisten: Die Liberalisierung der chinesischen Wirtschaft hat die Armut im Land drastisch reduziert. 635 Mio. Chinesen haben seit 1981 die Zeit der maoistischen Mangelversorgung hinter sich gelassen. (Und Lafontaines Segel suchen noch immer den Wind der Geschichte.)
Zu allem Überfluss ist in den letzten drei Jahren auch die Zahl der Terrorvergehen und Kampfhandlungen weltweit zurückgegangen, so eine UN-Studie. Dies steht natürlich in einem krassen Widerspruch zu dem populären Glauben, dass der Krieg gegen den Terror diesen erst anheize.
Aber welche linke Prophezeiung wurde nicht irgendwann von der Realität überholt? “An den Pessimismus gewöhnt man sich zuletzt wie an ein zu enges Sakko, das sich nicht mehr ändern lässt” wusste schon André Gide.
Bleibt dran, Genossen.
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Siehe auch:
- Globalisierung, Neokolonialismus und das Übel Afrikas, 29. Mai 2007,
- Angst vor dem gelben Mann, 2. November 2005.
Persepolis im Zedernstaat
Die Verfilmung von Marjan Satrapis Comic-Novelle Persepolis, in der die Autorin ihre Kindheit im Iran autobiographisch verarbeitet, darf im Libanon nicht aufgeführt werden. Die persischsprachige Webseite djar.eu will wissen, dass das Verbot auf Druck der Hisbollah, die bekanntlich am verlängerten Arm der Mullahs operiert, durchgesetzt wurde. Von seiten des libanesischen Kultusministeriums dagegen wird verlautbart, dass der Film weder antiiranisch noch antiislamisch sei, und ein Verbot rechtlich nur dann begründet werden könne, wenn ein Aufflammen konfessioneller Unruhen zu befürchten sei, ethische Wertvorstellungen tangiert, der Staat verunglimpft oder dem zionstischen Feind in die Hände gespielt werde. Die wahren Gründe für das Aufführverbot kennt auch der libanesische Kultusminister Tariq Matari nicht. Er selbst verurteilt die Zensur als unbegründet.
Eine regierungsnahe anoyme Quelle hingegen behauptet, dass das Verbot auf Geheiss des Generaldirektors für öffentliche Sicherheit, General Wafiq Jazini, ausgesprochen wurde, der der Hisbollah nahestehen soll. Dieser jedoch dementiert und behauptet, dass die Zensur keine Sache einer einzelnen Person sei. Demnach soll es Klagen verschiedener Religionsvertreter über den Film gegeben haben und vor allem in den Reihen der schiitischen Gemeinschaft war gewalttätiges Potential vermutet worden. Die “Sozialistische Fortschrittspartei” rief mittlerweile dazu auf, sich nicht jedem “Gesinnungsterror” zu beugen und forderte die sofortige Freigabe des Films.
Derweil klagt der libanesische Vertreiber des Films, Bassam Eid, dass die Zensur ihm das Geschäft kaputtmache. Tatsächlich könne man die Verbreitung des Films gar nicht verhindern: Er selbst habe im palästinensischen Flüchtlingslager Sabra Raubkopien des Films für zwei Dollar pro Stück erstanden.
Wie man Muslime besser nicht verteidigt
Wie verteidigt man Muslime angesichts eines weitverbreiteten Unbehagens gegenüber dem Islam? Das bedarf eigentlich keiner Erwähnung: Indem man nämlich eine Unterscheidung zwischen dem normalen Muslim und dem Islamisten trifft. Schäuble tut es, Bush tut es, und ebenso Blair und wer sonst noch öffentlich über den Islam zu sprechen sich berufen fühlt. Der Muslim gehört zur europäischen Gesellschaft, der Islamist nicht. Das Trennende verläuft nicht zwischen Christen und Europäern hier und Muslimen und Orientalen dort, sondern zwischen Vernunft und Fanatismus, zwischen Demokraten und Totalitären.
Eigentlich banal. Umso mehr erstaunt es mich immer wieder, dass gerade unter denjenigen, die dem Islam zu einem besseren Image verhelfen wollen und allerorten das unheilvolle Walten der Islamophobie am Werk sehen, diese Unterscheidung verschwommen ist. Für sie verläuft die Trennlinie offenbar ausschliesslich zwischen Christen einerseits und Muslimen andererseits. Mit dem Ergebnis, dass ein deutscher Kommunikationswissenschaftler tatsächlich das negative Image der Islamisten beklagt (Hervorhebung von mir):
Diese Beachtungsökonomie hat eine Schieflage erzeugt, so dass wir momentan mit einer weitgehenden Fixierung auf negative Berichtserstattung zu tun haben. Beispielweise tauchen kaum Berichte über die gute Arbeit von Islamisten auf kommunaler Ebene bzw. deren gewaltloser Widerstand auf.
Nicht, dass die in dem Satz enthaltene Behauptung falsch wäre. Ganz im Gegenteil: Sie behält sogar ihre Richtigkeit, wenn man “von Islamisten” durch “von der NPD” ersetzt.
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Siehe auch:
- Linke Indifferenz, 26. Mai 2007,
- Trennlinie, 4. September 2006.
Das Leid der Iraker
Ich erinnere mich noch an an eine Talkrunde im SWR, es mag so Anfang des Jahres 2003 gewesen sein, bei der geladene Gäste über den heraufziehenden Krieg im Irak debattierten.1 Einer der Teilnehmer war Jürgen Todenhöfer, der kurz zuvor mit seiner Tochter das Land bereist und darüber ein Buch verfasst hatte; ein anderer war ein Iraker namens Namo Aziz, von Beruf Journalist.
Nachdem Todenhöfer dem deutschen Publikum zum Auftakt die Ängste der Iraker schildern durfte (gab es welche darunter, die nicht vom Regime handverlesen waren?)2, fuhr ihm Aziz in die Parade, als er Todenhöfer vorwarf, dass dieser (Gedächtniszitate:) “nichts, aber auch gar nichts” über das Land wisse und “überhaupt keine Ahnung” habe, wie das Leben unter der Baath-Diktatur sei.
Eine ähnliche Szene zwischen einem Deutschen und einem Iraker habe ich selber einmal miterlebt (nach unten scrollen, vorletzter Absatz). Und wie das so ist, von Namo Aziz hört man heute nichts mehr, dafür umso mehr von Jürgen Todenhöfer, der mit einem neuen Buch nachgelegt hat. Die Mailing-Liste der DAVO spricht in ihrer heutigen Ausgabe den Abonnenten eine Empfehlung aus:
Warum Sie dieses Buch lesen und an andere (sic!) weiterempfehlen sollten:
- weil Sie hier die “andere Seite” des Irakkrieges kennenlernen, die in westlichen Medien weitgehend ausgeblendet wird. Die Schicksale der Widerstandskämpfer, denen Jürgen Todenhöfer während eines “nicht eingebettenen” Irakaufenthalt im letzten Sommer begegnete, verdeutlichen in erschütternder Weise den Wahnsinn dieses Krieges und das Leid der irakischen Bevölkerung.
- weil hier eindrucksvoll belegt wird, dass der Westen viel gewalttätiger ist als die muslimische Welt, wo Millionen arabischer Zivilisten seit Beginn der Kolonialisierung getötet wurden.
- weil Sie verstehen werden, dass es angesichts der Kriegspolitik des Westens nicht wirklich erstaunlich ist, dass muslimische Extremisten immer mehr Zulauf bekommen.3
- weil Sie nicht nur bestätigt finden, dass islamisch getarnte Terroristen Mörder sind, sondern auch erkennen werden, dass für christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege4 nichts anderes gelten kann.
- weil Sie die Berechtigung der Forderung einsehen werden, dass der Westen die islamische Welt genauso fair behandeln muss, wie er Israel behandelt: Muslime sind so viel wert wie Juden und Christen.
- weil Sie erkennen werden, dass Muslime mindestens so tolerant waren und sind wie Juden und Christen. Nicht nur in der Bibel, auch im Koran sind die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten die zentralen Gebote.
Passend dazu meldet der irakische Online-Dienst Sot al-Iraq die Festnahme des Schatzmeisters der al-Qaida/ Region Südwest in Kirkuk, der einer ungenannten Quelle zufolge verantwortlich für eine Vielzahl von Anschlägen auf Sicherheitskräfte und Zivilisten verantwortlich sein soll. Ebenfalls am heutigen Sonntag wurde in der Provinz Diala 15 km nördlich von Baquba ein Massengrab gefunden, darin sechs Leichen unbekannter Nationalität, die gemeinsam durch Schüsse ermordet worden waren. Des weiteren wurden heute im Zentrum von Mossul ein Zivilist durch eine Autobombe getötet und fünf verletzt.
Soviel zum “irakischen Widerstand”. – Vielleicht hätte Todenhöfer auch mal die Iraker befragen sollen, was die darüber denken. Und vielleicht wäre es auch der Mühe wert gewesen, den ein oder anderen Gedanken daran zu verschwenden, wie das Leben unter Saddam Husain gewesen war. So berichtete die TIME 2005:
Under Saddam Hussein, Baghdad was a violent city. But the highest murder rate before the war was 250 in one month. (By comparison, New York City with about 2 million more residents, had 572 murders in 2004, and a peak of 2,245 in 1990).
Die Gewalt hat also keineswegs erst mit den Amerikanern in Bagdad Einzug gehalten und geht auch jetzt nicht hauptsächlich von diesen aus, aber die Robin-Hood-Pose kann glaubwürdig nur einnehmen, wer solche Tatsachen ignoriert. Im Klartext: Die von Extremisten ausgehende Gewalt wird erst den Amerikanern auf das Konto gebucht, um dann auch noch für Verständnis der zum “Widerstand” geadelten Attentäter zu werben.
Das Buchhonorar geht übrigens u.a. an “Projekte der israelisch-palästinensischen Aussöhnung”. Über den Tellerrand von Äquidistanz und moralischem Relativismus kommen deutsche Intellektuelle einfach nicht hinaus.
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Siehe auch:
- Wer will den Djihad?, 11. Oktober 2007,
- Lieber unter Maliki als unter Saddam!, 18. März 2007.
- Man möge mir nachsehen, dass ich aus der Erinnerung heraus weder über den Sender noch über das Sendedatum absolut sicher bin. [back]
- Der im Titel genannte “Abdul” ist übrigens keinesfalls ein arabischer Männername, sondern nur eine westliche Vorstellung davon. [back]
- Schon merkwürdig: ein anderer Linker ist eben erst zu einem gegenteiligen Ergebnis gelangt. [back]
- s. dazu diesen Beitrag. [back]
Zumwinkel wird mit stehenden Ovationen gefeiert
….nein , nicht von anderen “Asozialen”, sondern auf Einladung des Betriebsrates von den Post-Mitarbeitern.
“Zu der Verabschiedung hatte der Betriebsrat eingeladen. Es sei der sehr starke Wunsch der Mitarbeiter gewesen, “noch einmal ein Signal zu setzen” und Zumwinkel nach teils langjähriger Zusammenarbeit zu danken, sagte ein Post-Sprecher. “Alle hatten das Gefühl, nach dieser medialen Schlacht könne es das nicht gewesen sein.” (…) Teilnehmer beschrieben die nicht öffentliche Versammlung, die etwa eine dreiviertel Stunde dauerte, anschließend als teilweise sehr emotional. Der Saal im Bonner Post-Tower sei “brechend voll” gewesen. Die Mitarbeiter hätten ihrem ehemaligen Chef stehend stürmischen Beifall geklatscht.”
Siehe auch:
- Steuerwüsten und Steueroasen, 17. Februar 2008,
- Politiker und ihr (Un-) Verständnis vom Verhältnismäßigkeitsprinzip, 19. Februar 2008,
- Politiker und ihr (Un-) Verständnis von Gewaltenteilung , 16. Februar 2008.
Was eine Milliarde Muslime wirklich denken
“Die Sympathisanten des Terrorismus hassen nicht unsere Freiheit, sie wollen unsere Freiheit”, bilanziert Gallup-Mitarbeiterin Dalia Mogahed über die Studie “Wer spricht für den Islam? - Was eine Milliarde Muslime wirklich denken”. Die Süddeutsche resümiert:
“Im Gegensatz zur verbreiteten Annahme, dass Extremisten anti-demokratisch eingestellt seien” betonten 50 Prozent von ihnen, dass sie mehr “politische Demokratie” befürworten. Mehr noch: Befragt, was sie am Westen am meisten bewundern, nannten die politisch Radikalen an erster Stelle “Technologie” - bereits an zweiter Stelle “das westliche Wertesystem”, gefolgt von einem “fairen politischen System, Demokratie und Menschenrechten”.
Dass Otto-Normal-Muslim so denkt, will ich ja gerne glauben, aber dass auch viele der Extremisten so denken, fällt schwer zu akzeptieren. Und in der Tat gibt es da auch einen Haken: Mitautor der Studie ist nämlich John L. Esposito.
Der Islamwissenschaftler John L. Esposito, Direktor des Prince Alwaleed Bin Talal Center for Muslim-Christian Understanding an der Georgetown Universität, ist seit langem dafür bekannt, die Gefahr durch gewaltbereite Islamisten herunterzuspielen. In den Worten von Martin Kramer: Esposito “has never met an Islamist he didn’t like.” Von sich selbst behauptet er: “I owe my Lexus and my career to the Ayatollah Khomeini.”
Nun gut, das muss nicht heissen, dass die Studie wissenschaftlichen Ansprüchen nicht genügt. Vorsicht ist dennoch angebracht, zummindest solange sie noch nicht veröffentlicht ist.







