Wie andere Nationen mit Pornografie…
… halten es sie Franzosen mit?
Explodierende Mittelschichten
Eines aber ist gewiss: Anders als es populären Mythen erzählen, nehmen weltweit Ungleichheit und Armut ab. Der Anteil der bürgerlichen Mitte hat zwischen 1960 und 2007 von 25 auf 29 Prozent zugenommen; 2050 wird der bei 37 Prozent liegen. Die Zahl der Menschen, die jährlich weniger als 500 Dollar zur Verfügung hat, geht deutlich zurück: von 30 Prozent im Jahr 1960 auf 10 Prozent in den neunziger Jahren und fünf Prozent im Jahr 2000. 2045 werden weniger als ein Prozent der Menschheit ein solch geringes Einkommen haben.
schreibt Rainer Hank auf dem Blog “Wirtschaftliche Freiheit”. Allen Unkenrufen zum Trotz: Nie war die Welt so wohlhabend wie heute, nie war sie so wenig ungleich.
Dass das nicht das Ergebnis staatlicher Intervention und Sozialklempnerei ist, muss wohl nicht extra erwähnt werden. Ein gutes Beispiel ist übrigens Vietnam, von dem auf diesem Blog schon einmal die Rede war: Duncan Currie weist auf American.com darauf hin, dass einem Bericht von Weltbank und IWF zufolge die dortige Armutsrate von 58% im Jahre 1993 auf 16% 2006 gefallen ist.
Der Weg zu Freiheit und Wohlstand
In welcher Form ist Deutschland von der Globalisierung betroffen? In dieser:
Kein reiches Land der Erde hat den Absatz seiner Güter in der globalisierten Wirtschaft seit der Jahrtausendwende schneller erhöhen können als Deutschland, und kein anderes Land hat im Verhältnis zu seinen Exporterfolgen so wenig importiert. Wieso konnte ein noch reicheres Land wie die USA in den beiden letzten Jahrzehnten seinen Wohlstand schneller als zuvor steigern und die Arbeitslosigkeit niedrig halten, obwohl seine Märkte von weit mehr Menschen und vor allem mehr Gütern aus den armen Regionen überflutet wurden als die deutschen?
Die Propheten der Globalisierungsgefahr versuchen nicht, Antworten auf solche konkreten Fragen zu geben. Sie begnügen sich damit, Globalisierungsstichworte auf die Bühne des Politiktheaters zu werfen - und schon ist Gürtel-enger-Schnallen und das Schleifen des Wohlfahrtsstaates programmiert.
… schreibt der Ökonom Heiner Flassbeck in der - man höre und staune! - “Frankfurter Rundschau”! Globalisierungsaffirmative Artikel sind in der deutschen Medienlandschaft eher selten. Wenn Globalisierung überhaupt ein positiver Effekt zugesprochen wird, dann meist mit einer Warnung vor dräuendem Unheil.
Aber, wird man einwenden, in Deutschland verdient ein Arbeiter etwa zehn Mal so viel wie ein Arbeiter in China. Können auch Länder miteinander Handel treiben, deren Arbeitskostenniveaus so weit auseinander liegen? Müssten nicht sämtliche Produkte in China hergestellt werden, und müsste nicht Deutschland alles von dort importieren?
Flassbeck erklärt, warum diese Annahme nicht stimmt. Wer mehr darüber erfahren will, warum Globalisierung für alle Beteiligten von Vorteil ist, dem seien die Werke von Martin Wolf und Jagdish Bhagwati anempfohlen.
Leo Strauss und der chinesische Sozialismus
Die politische Gefahr des Fanatismus zu erkennen und mit den Instrumentarien der Philosophie zu entschärfen, war ein wesentliches Anliegen des amerikanischen Philosophen Leo Strauss, der in der Weimarer Republik den heraufdämmernden Nationalsozialismus miterlebt hatte. Strauss, der kein Liberaler war1, empfahl den Intellektuellen, die gesellschaftlichen Verhältnisse dadurch zu verbessern, dass sie die Meinungen der Elite mässigen und der Wahrheit nahebringen.
In den Werken des arabischen Philosophen al-Farabi (gest. 950) sah er den Herrscher durch das geheime Königtum des Philosophen unterminiert, der aus dem Privaten heraus agiert und mit den Mitteln exoterischer Lehre, ohne ihr allzu offen zu widersprechen, die herrschenden Ansichten in seinem Sinne zur Wahrheit führt. Wegen dieser Ansichten gilt Strauss als vermeintlicher Vordenker des amerikanischen Neokonservatismus für viele bis heute als eine Art Darth Vader der amerikanischen Philosophie.2
Zwar bin ich kein Straussianer, aber wer glaubt, dessen Ansichten seien Phantastereien, der möge sich einmal das Interview mit dem China-Forscher Sebastian Heilmann in der aktuellen FAS durchlesen. Heilmann beschreibt dort, wie China quasi auf dem Strauss’schen Wege in den Kapitalismus gefunden hat:
Zu Beginn der 1990er Jahre machten einige Reformer den Vorstoß, in China Aktienbörsen auf “experimenteller Basis” zu errichten. Kritiker wurden beruhigt, indem man das ganze Programm als Kapitalbeschaffung für die Staatsbetriebe verkaufte. So sollte der Sozialismus nicht beschädigt, sondern im Gegenteil, gestärkt werden. Das hat sogar die Kommunisten überzeugt, schließlich musste keine Privatisierung befürchtet werden.
Ein weiteres Beispiel sind Chinas ländliche Unternehmer:
Die ursprünglich im kommunalen Eigentum befindlichen Betriebe gerieten in den 80er Jahren zunehmend unter die Kontrolle privater Unternehmer. Die örtlichen Regierungen ließen diese Unternehmen aber weiterhin offiziell als Kollektivunternehmen firmieren. Denn größere Privatunternehmen waren damals noch verboten. Erst als sich die politische und rechtliche Lage klärte, hatten diese Betriebe ihr großes “Coming out” als Privatunternehmen.
Strauss hätte das gewiss amüsiert.
- Oder doch? [back]
- vgl. Clemens Kauffmann, Anti-Traditionalismus: Die “ideengeschichtliche Programmatik” von Leo Strauss, in: Harald Bluhm / Jürgen Gebhardt (Hgg.), Politische Ideengeschichte im 20. Jahrhundert, Baden-Baden 2006: Nomos, S. 125-53, hier S. 147. [back]
Agenten des Wandels?
Arabische Journalisten, so behauptet eine Studie (PDF) der Amerikanischen Universität in Kairo (AUC), begreifen sich mittlerweile überwiegend als “Agenten des Wandels”. Der Autor der Studie, der Medienwissenschaftler Lawrence Pintak, Direktor des “Adham-Zentrums für elektronischen Journalismus”, hat 601 Journalisten aus dreizehn arabischen Ländern befragt, von denen 75% “Ermunterung politischer Reformen” für die wichtigste Aufgabe von Journalisten halten:
Arab journalists favor regional political and social change. “Encourage political reform” was the “most significant” job of a journalist, chosen by 75 percent of respondents (see Figures 2a and 2b); “political reform”was at the top of the list of “most important issues”facing the Arab world, followed closely by “human rights,” “poverty,” and “education” (see Figure 3). “Lack of political change” (32 percent) ran a close second to U.S. policy (34 percent) as the greatest threat facing the Arab world (beyond the ever-looming presence of Israel), followed by an array of regional issues such as human rights abuses (23 percent),the economy (20 percent), and political instability (18 percent) (see Figure 4). This regional perspective was also evident in the fact that twice as many respondents identified first with the Arab world (32 percent) than with their individual nation (15 percent), and a quarter indicated that they belonged first to the Muslim world (25 percent) (see Figure 5). “Democrat” was the primary political identity of half of all Arab journalists responding to the survey, eclipsing Arab nationalist (15 percent), Islamist (10
percent), and nationalist (8 percent) (see Figure 6).
Der ganze Bericht als solcher ist ausgesprochen lesenswert. Allerdings dürften arabische Journalisten nur einen geringen Spielraum haben, ihre Fähigkeiten in den Dienst der guten Sache zu stellen, wofür uns dieser Tage Ägypten ein eindrucksvolles Beispiel liefert. Dort nämlich sind die Massenmedien eher Agenten des Rückschritts:
“In diesen Fernsehsendungen wird die wahhabitische Auslegung des Islam vertreten”, sagt Soad Salih, Professorin für islamische Studien an der Al-Azhar-Universität, die älteste und höchste Lehrinstanz des sunnitischen Islams. Der Einfluss der Fernseh-Scheichs auf die Zuschauer sei enorm, sagt die Professorin. Vor allem auch deshalb, weil in Ägypten die Zahl der Analphabeten immer noch bei etwa 40 Prozent liegt. Dass immer mehr Frauen den Gesichtsschleier anlegen, liege auch an der wahhabitischen Auslegung des Korans in diesen Sendungen, sagt Salih.
An dieser Stelle sei daran erinnert, dass vor zwei Jahren der Verband Arabischer Journalisten einen Bericht zur Pressefreiheit in der Arabischen Wert verfasst hatte, der – wie nicht anders zu erwarten – nicht gerade rosig ausgefallen war.
Der Bericht von 2007 kommt leider zu keinem besseren Ergebnis. So sind in 50% aller arabischen Länder Zeitungen dauerhaft oder zeitweilig von Zwangsschliessung betroffen. Dort, wo das nicht der Fall ist, liegt der Grund wohl in der massiven redaktionellen Intervention durch den Staat oder dieser ist gleich Monopolist.
Kosmopoliten in Saudi-Arabien
Fortschrittliches aus Saudi-Arabien (und zugleich eine Lektion über die Vorteile der Globalisierung):
Eine saudische Geschäftsfrau gewinnt einen Preis für ihr Unternehmertum (und gerät in Schwierigkeiten mit der saudischen Staatsmacht). Selbstbewusst erklärt sie, warum die Staatsmacht – wenn schon nicht aus moralischen Gründen – dann doch wenigstens aus wirtschaftlichen Gründen die Befreiung der Frau wünschen sollte;
Saudische Jugendliche begeistern sich, angespornt durch westliche Fernsehsendungen, für die religiöse Mode der Kabbalah (die als letzter Schrei amerikanischer Celebrities alledings nicht viel mit dem Judentum zu tun hat), was von konservativen Kräften gleich wieder als “kulturelle Invasion” gegeisselt wird;
Und manche sind sogar bereit, für die Meinungsfreiheit auch in Saudi-Arabien öffentlich aktiv zu werden. Zwar zieht das im Königreich immer noch drastische Massnahmen nach sich, aber das könnte sich eines Tages ändern.
(Westliche Intellektuelle träumen derweil weiter von “multiple modernities” und suchen den Dialog mit religiösen Bart- und Würdenträgern… )
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Siehe auch:
- Ja zur Freiheit des Wortes – auch in Saudi-Arabien, 31. März 2008,
- Nichts zu lachen, 12. März 2008,
- Frau und Familie in der Arabischen Welt, 18. Juni 2007,
- Arabische Frauenpower, 20. Dezember 2006,
- Kultureller Fortschritt, 23. März 2006,
- Starke Frauen für die Welt, 13. Oktober 2005,
- Saudische Frauenbewegung, 13. Juli 2005.
Ahmadi-Nejad und der Kapitalismus
Der Oskar Lafontaine hat ja immer gewusst, dass es “Schnittmengen zwischen linker Politik und islamischer Religion” gibt, die vor allem darin bestehen, dass man in einem “übersteigerten Individualismus”, diesem Ausdruck der Dekadenz westlicher Gesellschaften, einen gemeinsamen Feind findet. Darum zeigt jetzt der iranische Präsident Ahmadi-Nejad, dass das Diktum Lafontaines keineswegs nur so daherschwadroniert war, sondern dieser sich auf sein Alter Ego in Teheran verlassen kann.
Vor einer Gruppe von Universitätsgelehrten machte Ahmadi-Nejad deutlich, was er vom Kapitalismus hält: “Die wirtschaftliche Stagnation, die ihr heute in Amerika seht, ist der Anfang vom Ende des Neo-Kolonialismus auf dieser Welt, demgegenüber es unsere Verpflichtung ist, bereit zu sein und den Entwurf für ein neues System vorzulegen.” Das neue System, mit dem die Welt beglückt werden soll, ist der politische Islam, der als holistisches Konzept auf allen Gebieten zur Anwendung kommen müsse, nicht nur auf dem der Ökonomie.
Die einer zunehmenden Gleichschaltung unterliegenden Universitäten des Iran seien “als authentischste Universitäten der Islamischen Welt” dazu berufen, eine politische Theorie auszuarbeiten, die das herrschende Weltsystem, das im Zerfall begriffen ist, von Grund auf zu verändern. Folgerichtig sieht Ahmadi-Nejad in den Wirtschaftssanktionen gegen sein Land auch mehr Nutzen als Schaden, werden so doch “die verschlungenen Kanäle, die unsere Ressourcen und unser Kapital nach ausserhalb unseres Landes befördern, geschlossen.”
Das einzige, was ein Land voranbringe und auf den Weg des Fortschritts führe, so Ahmadi-Nejad weiter, sei die Arbeit. Darum auch sei es für den Iran, der für Ahmadi-Nejad zu den drei bis vier bedeutendsten Ländenr der Welt gehöre, so wichtig, nach der Nukleartechnologie zu streben, die zu erlangen die Welt den Iran nicht hindern könne: “Die Kultur und der Geist des Islam sind mit der herrschenden Idee und dem Kapitalismus, der Arbeit und Arbeiter als Mittel zum Füllen der Taschen einiger weniger benutzt, unvereinbar.”
Na, ist das nicht reiner Laftontaine?
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Siehe auch:
- Der Sokrates unserer Tage, 27. April 2008,
- Prügel statt Wissenschaft, 4. Februar 2008,
- Iran: Kulturrevolution schreitet voran, 2. Dezember 2007,
- Zweite Kulturrevolution an iranischen Universitäten, 7. September 2006,
- Schutz-Schildbürger, 4. April 2006,
- “Das Pendel schlägt zurück”, 15. März 2006.







