Eine Woche in Kairo

Die letzte Woche habe ich in Kairo auf einer Konferenz über Geschichts- und Sozialkundebücher zugebracht, für mich die zweite dieser Art. Besonders schmerzlich fiel ins Auge, dass die einladende deutsche Organisation als Partner ausschließlich Akademiker und Funktionäre des Mainstreams ausgewählt hatte, nämlich Vertreter des staatstreuen Nationalismus oder solche der islamistischen Strömungen. Reflektierte Liberale dagegen, die es durchaus gibt, waren nicht anzutreffen, im Gegensatz zur letzten Konferenz im November, wo sie immerhin als Statisten vertreten waren.

Von einem Theologen der Azhar-Universität, einer Institution, die die Bestrafung von Apostasie vom Islam unterstützt, mithin also gegen Religionsfreiheit ist, hörten wir einen ausführlichen Vortrag darüber, dass der Mensch religiös veranlagt sei, dass Religion in allen Bereichen des Lebens, also auch der Bildung Vorrang haben müsse, und dass Wissenschaft mit Religion niemals im Widerspruch stehen könne. Lobend sprach er von der Religionsfreiheit und der Demokratie im Islam. Leider gab es während der ganzen Konferenz keine Verständigung über diese Begriffe (Menschenrechte), obwohl sie viel gebraucht wurden und mit Sicherheit anzunehmen ist, dass es grundlegende Differenzen in den Auffassungen gibt. So wird von Vertretern des politischen Islams die Institution der Dhimma, also des Schutzes bestimmter Rechtsgüter von Nichtmuslimen unter islamischer Herrschaft, gern als Ausdruck der Religionsfreiheit im Islam beschworen, was der Auffassung gemäß der Erklärung der Menschenrechte fundamental widerspricht.

Es gab einige weitgehend inhaltsfreie Beiträge, die in irgendwelcher Form eine bessere Darstellung “des Selbst und des Anderen” im Schulunterricht forderten. Zu den Highlights zählten Berichte über die Bildungsreformen in Oman und den VAE und die Darstellung eines libanesischen Historikers, der zwar nicht auf die Bildungssituation einging, dafür aber einige falsche Grundannahmen aufdeckte, auf denen Begegnungen und gegenseitige Rezeption zwischen Arabern und Europäern oft aufbauen. Z. B. wies er darauf hin, dass der arabische Beitrag zur westlichen Wissenschaft und zur westlichen Rezeption der griechischen Philosophie durchaus in zahlreichen westlichen Veröffentlichungen gewürdigt wird, dass der Westen in den arabischen Gesellschaften ohnehin präsent sei, nämlich als das maßgebende Vorbild für die Organisation öffentlicher Institutionen, und dass der Kolonialismus keine hinreichende Begründung für die Probleme der arabischen Gesellschaften sei, wofür er mit einigen Beispielen auf die Situation in Japan, China und Indien verwies, wo mit dem Erbe und den Lasten des Kolonialismus erfolgreicher umgegangen werde.

Ein anderer interessanter Beitrag war die vergleichende Analyse zwischen drei jordanischen Geschichtsbüchern und einem amerikanischen, alle für die Sekundarstufe, auf ihre Darstellung “des Selbst und des Anderen” hin, mit dem Ergebnis, dass das amerikanische Schulbuch sowohl in Umfang und Detailgenauigkeit als auch in Sachen Würdigung der fremden Kultur den jordanischen Schulbüchern vieles voraus hat. Dies wurde von Seiten der deutschen Gastgeber jedoch in der anschließenden Diskussion eilfertig relativiert mit dem Verweis auf das föderale Schulsystem in den USA und darauf, dass das untersuchte amerikanische Schulbuch eben nur einen ganz bestimmten Geschichtsansatz für die Sekundarstufe - “History of Civilizations” - behandle. Die Darstellung solle keineswegs ausdrücken, “dass etwa amerikanische Schulbücher besser seien als jordanische” (was eine glatte Untertreibung wäre). Der junge Referent nickte dazu - was hätte er dagegen auch sagen sollen?

Wie immer, wenn ich in Ägypten bin, besuchte ich Kamal, der in den 1990er Jahren an einer Schulbuchstudie des Ibn Khaldoun Centers über Religionen im Religionsunterricht mitgewirkt und in zahlreichen Artikeln die voranschreitende Islamisierung des ägyptischen Bildungswesen angeprangert hat. Er schreibt nach wie vor mit ungewöhnlich klaren Worten gegen die Islamisierung Ägyptens (z. B. hier) und gegen den desolaten Zustand des Schulunterrichts an (z. B. hier) an. Als ich bei ihm eintreffe ist ein beträchtlicher Teil seiner Verwandtschaft versammelt, um den Abschied seiner ältesten Tochter zu feiern, die für ein halbes Jahr zu Verwandten nach Frankreich reist, um Französisch zu lernen und sich nach Studienmöglichkeiten umzuschauen. Es wird gegessen, musiziert, gesungen, dazu getanzt, getrunken und sehr viel gescherzt und gelacht.

U. a. lerne ich hier Said Okasha kennen (von ihm kann man hier lesen). Er ist Journalist und einer der ganz wenigen Ägypter, die mit einem Stipendium der israelischen Botschaft nach Israel gegangen sind, um Land, Leute und Sprache kennen zu lernen. Wir unterhalten uns ein paar Takte in unserem rostigen Hebräisch. Nach seiner Rückkehr verlor Said seine Mitgliedschaft in der Wafd, einer oppositionellen Partei, die als liberal gilt, und durfte auch nicht mehr für ihr Parteiorgan schreiben, was ihm zuvor einen wichtigen Teil seines Lebensunterhalt gesichtert hatte. Es folgten ein paar Jahre der Unsicherheit, in denen er sich z. T. mit Musizieren durchschlug - er spielt sehr gut Laute (’Ud), auch an diesem Abend - und als Journalist in Marokko arbeitete, wo er wiederum nach seinem ersten Beitrag, der eine Normalisierung mit Israel in Betracht zog, den Hut nehmen durfte. Immerhin veröffentlicht heutzutage al-Ahram zuweilen einen Beitrag von ihm.

Said ist außerdem Mitglied von Arabs Against Discrimination (www.aad-online.org), für die er israelische Presse übersetzt und analysiert. Ähnlich einem anderen Teilnehmer der Konferenz betrachtet er die immer wieder von offiziellen Stellen beschworene Gegnerschaft zum Zionismus als müden Vorwand für den desolaten Zustand des ägyptischen Staates. Said und Kamal sind der Beschwörungen der arabischen Einheit müde. Mit großem Eifer suchen sie in Sprache, Musik und Literatur das vor-islamische und vor-arabische Erbe der ägyptischen Kultur und sind der arabischen Musik, der arabischen Schriftsprache usw. überdrüssig.

Als hart, maskulin, aggressiv…

July 10, 2007 · Filed Under Südasien, Wirtschaft · Comment 

… wird der Kapitalismus von seinen Gegnern gern gezeichnet. Ramachandra Guha zeigt hingegen, wie sich im aufstrebenden Indien das wirtschaftliche Schwergewicht zum Süden hin verschiebt. Dabei profitieren die Südinder von Einstellungen und Traditionen, die im Norden lange als wenig mannhaft belächelt wurden:

The typical North Indian regarded the typical South Indian as short, squat, black, effete—and vegetarian. But now, those once proud people are voting with their feet to move south. They come to write code in Bangalore’s software companies, to labour on construction sites in Hyderabad, to work in coffee plantations in Coorg, or to do odds and ends in Chennai’s film industry. Now, the stereotype of the South Indian among Punjabis and Biharis is that he is intelligent, hardworking, entrepreneurial, and open-minded. And that he can very often be a she. And, most importantly, that if you study well and behave yourself, she or he can give you a job.

Ein Pinguin als schwarzes Schaf

June 29, 2007 · Filed Under Aus dem Tollhaus, Indien · 1 Comment 

Wie war das doch, es kommt nicht auf die Burka an, sondern darauf, was für ein Mensch darunter steckt? In Indien hat nun ein männlicher Sänger heftigen Unmut auf sich gezogen, als er, eingehüllt in eine Burka, zu einem muslimischen Schrein pilgerte, um Segen für seinen neuen Film zu erbitten. Das formidable Kleidungssstück sollte ihn davor bewahren, von seinen Fans bedrängt zu werden.

Nun sind viele (?) muslimische Gläubige empört. Zumal der Pilger auch noch Hindu war. Die Burka ist eben kein Kleidungsstück für jedermann. Den Segen muss unser Schauspieler sich jetzt wohl woanders suchen.

(Dank an Andreas A.)

Klientelismus, Lokalpatriotismus, Indoktrination, Einschüchterung

June 27, 2007 · Filed Under Südasien · Comment 

In Bengalen, einst die höchst entwickelte Provinz Indiens, jährt sich die Machtübernahme der Kommunistischen Partei (CPI Marxist) dieser Tage zum dreißigsten Mal, und das obwohl die üblichen Folgen kommunistischer Herrschaft nicht ausblieben:

Factors like anti-incumbency, policy mistakes (like driving away capital or abolition of English from the primary school stage), severe failings (as in health, education and infrastructure), charges of corruption and nepotism, and even glaring instances of use of brute force and high-handedness have done little to even marginally erode the Left’s formidable support base.

“Wie konnte das geschehen?” fragt Jaideep Mazumdar in OUTLOOK.

1. Landreform und Organisation der Arbeiter in Gewerkschaften. Angehörige der Unterschicht erlebten sich nun als Herren ihres eigenen Schicksals. Dafür lsind sie offenbar bereit in Kauf zu nehmen, dass Bengalen immer weiter hinter den Süden und Westen Indiens zurückfällt und die Lebenschancen sich verschlechtern.

2. Der Mittelschicht wurde vermittelt, die Kommunisten seien die wahren Patrioten, die sich gegen die Vernachlässigung Bengalens durch Delhi entgegenstellen. Auch wenn Mazumdar dies nicht sagt: ein klassisches Element kommunistischer Peropaganda. Für den selbst verschuldeten Niedergang werden böse Mächte da draußen verantwortlich gemacht.

3. Es wurde ein Indoktrinationsapparat geschaffen, der in der Grundschule seine Arbeit beginnt und außerhalb Kalkuttas fast alle Lebensbereiche erfasst:

If a student starts showing signs of independence or, worse still, opposition to communist philosophy, he or she will be subtly asked and then forced to either fall in line or remain silent. Those who keep on defying are hounded or harassed out of their institutions. One or two such instances are enough to make other independent-minded submit silently to the party.

Defiance at the workplace, mainly government but also many private establishments, meets with similar response from the omnipresent party cadres. It is, thus, small wonder that no credible, charismatic and coherent non-communist politician gifted with a vision (all these qualities leads to Mamata Banerjee’s exclusion) has emerged in Bengal over the last three decades.

Merkwürdigerweise erwähnt er einen Faktor nicht, der den Kommunisten am ehesten als Verdienst anzurechnen wäre: Sie haben Bengalen von kommunalistischen Unruhen völlig frei gehalten. Nirgends in Indien gibt es vergleichbar wenige Spannungen zwischen Hindus und Muslimen.

Globalisierung, Neokolonialismus und das Übel Afrikas

May 29, 2007 · Filed Under Afrika, Globalisierung · 1 Comment 

Rainer Hank kommentiert in der FAZ das G8-Treffen in Heiligendamm:

Eines freilich ist heute schon gewiss: Mit der Globalisierung hat der ganze Zirkus wenig zu tun. Wenn die Protestgemeinde meutert, weil die Staatslenker der wichtigsten Industrienationen ohne demokratische Legitimation über das Wohl der Menschen auf der ganzen Welt entscheiden, dann überschätzen sie das Treffen grotesk. Und zugleich ignorieren die Kritiker geflissentlich, dass die Globalisierung der letzten 25 Jahre der ganzen Welt bislang ungeahnten Wohlstand beschert hat. Seit 1980 hat sich das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der Weltbevölkerung verdoppelt. 450 Millionen Menschen wurden aus tiefster Armut befreit, und die mittlere Lebenserwartung der Menschheit liegt heute bei 65 Jahren.

Verantwortung dafür trägt genau jener Kapitalismus, den die Protestierer von Heiligendamm verwünschen und von dem Bundeskanzlerin Angela Merkel meint, man müsse seiner Fratze nachträglich ein menschliches Gesicht aufmalen. Dabei entwickeln sich die Märkte am prächtigsten gerade dort, wo es vor 25 Jahren die wenigsten erwartet hätten: im sozialistischen China und im bürokratischen Indien. Soll man es unmenschlich nennen, dass allein in China in diesem Zeitraum die Zahl der Armen (jene, die täglich nicht mehr als zwei Dollar zur Verfügung haben) von 260 Millionen auf 42 Millionen schrumpfte?

In der Tat, die Globalisierung ist ein Segen gerade für die sog. Dritte Welt. Dort jedoch, wo Länder arm bleiben, liegt der Grund darin, dass die Globalisierung sie bislang gar nicht erreicht hat:

Das zeigt vor allem Afrika, jener Kontinent, der auf der G-8-Agenda ganz oben steht und dem die Welt statt mit Marktwirtschaft mit Planwirtschaft (genannt Entwicklungshilfe) beizukommen sucht. 600 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe haben die Länder Schwarzafrikas seit ihrer Unabhängigkeit erhalten. Von einem “vergessenen Kontinent” kann angesichts dieses Finanzvolumens keine Rede sein. Genützt hat das alles nichts. Das Pro-Kopf-Einkommen stagniert seit Dekaden; teilweise sind die Lebensbedingungen heute sogar schlechter geworden. (…) Unverständlich bleibt, warum die Gutmeinenden jetzt immer noch mehr Entwicklungsgelder fordern. Längst flehen sogar afrikanische Ökonomen den Westen (und China) an, den Geldfluss abzustellen. Denn Entwicklungshilfe macht Menschen zu Bettlern: Sie werden abhängig, korrupt, und das eigene wirtschaftliche Engagement bleibt gelähmt.

Gewiss, Europa schottet sich gegenüber Produkten aus Afrika ab; die Misere ist aber mindestens ebensosehr im bereits erwähnten Misstand zu suchen, dass der Kontinent unter autoritären Bürokratien leidet, die das grösste Hindernis für die Entfaltung freier Märkte darstellen. Sollte man diese wirklich mit noch mehr Geld füttern? In deselben Ausgabe der FAZ findet sich unter dem Titel “Dreht den Diktatoren den Geldhahn zu” (leider nicht online) ein Porträt über den Schriftsteller und Afrika-Kenner Asfa-Wossen Asserate und dessen Kritik an der westlichen Entwicklungshilfe:

“Die Bürokratie ist eine der furchtbaren Geißeln der afrikanischen Länder”, sagt Asserate (…). “Viele afrikanische Führer leben in einer Traumwelt. Sie glauben, westliche Investoren seien Bittsteller, denen man die Türe öffnen könne oder nicht.” (…) Äthiopien könnte eine Kornkammer sein, statt mit Hungersnöten von sich reden zu machen. “Aber nicht mal ein Viertel der möglichen Anbaufläche wird genutzt”, sagt Asserate (…).

(…) Eine undifferenzierte Entwicklungspolitik, die mit der Gießkanne wstliche Steuergelder über Afrika regnen liesse, lehnt Asserrate strikt ab. Zu viel sei in den Kanälen korrupter Regime versickert. Auch den in Gleneagles bekräftigten Schuldenerlass sieht er skeptisch. “Einige der Länder, denen alles erlassen wurde, nehmen schon wieder eifrig neue Kredite auf, diesmal auch bei den Chinesen.” Der Schuldenerlass komme vor allem den schlecht wirtschaftenden Staatschefs zugute. “Für die Übel des afrikanischen Kontinents sind die afrikanischen Führer und Diktatoren verantwortlich, die westliche Kritiker gerne als Neokolonialisten beschimpfen.”

Die Zahlen sprechen eine deutlichen Sprache: Während sich weltweit seit 1970 der Anteil der Armen, die von weniger als einem Dollar am Tag leben müssen, von 38 auf 19% halbiert hat, ist er in Afrika von 10 auf 30% gestiegen. Soll dieser Zustand etwa zementiert werden? Ist es das, wofür Attac, Pax Christi, DKP, „Die Linke“, IG Metall und „Terre des Hommes“ in Heiligendamm auf die Strasse gehen? Roland Baader schrieb 2003 völlig zu recht: “Die westlichen Intellektuellen, die sich als Schutzengel der Armen in der Welt aufspielen, sind in Wirklichkeit deren Totengräber.”


Siehe auch:
Wenn Geld arm macht, 9. Okt. 2006,
James Shikwati: “Man muss die ausländische Entwicklungshilfe einstellen”, 4. April 2007.

Gute Zäune machen gute Nachbarn

February 18, 2007 · Filed Under Europäische Union · 5 Comments 

Trennzäune überall: In Thailand, Indien, Algerien, Israel, Pakistan, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Usbekistan, Kuwait, Mexiko, Afghanistan und demnächst vielleicht noch anderswo.

Totalitäre Heldenverehrung auf ARTE

February 8, 2007 · Filed Under Medien, Südasien · Comment 

Ein Ärgernis gestern um 20:40: “Der Pakt mit dem Teufel - Boses Kampf um Indiens Unabhängigkeit“. Völlig unkritisch wurde behauptet, Bose sei ein kompromissloser Unabhängigkeistkämpfer gewesen, der sich allein aufgrund der politischen Konstellation mit Hitler eingelassen habe. Ihm sei schlicht keine andere Wahl geblieben. Völlig ausgespart blieben seine politischen Konzepte (dazu später mehr). Das Ausmaß der Bose-Verehrung im heutigen Indien wurde völlig überzeichnet. Es handelt sich hierbei wie bei seiner Partei dem Forward Bloc im Wesentlichen um ein bengalisches Regionalphänomen.

Dass ein “Asien-Experte” zu Wort kam, der bei seinen Recherchen völlig übberrascht darauf stieß, dass Heinrich Himmler indienbegeistert war, fügt sich dazu problemlos ein.

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