Etzioni und die Pottery-Barn-Regel
“Als Colin Powell Außenminister der Vereinigten Staaten war, wollte er die angeblich in Töpfereiwarenläden geltende Regel “Wer etwas zerbricht, muss es auch kaufen” (You break it, you own it), auch auf besetzte Staaten angewandt sehen.
In Wirklichkeit gibt es diese Pottery-Barn-Regel gar nicht. Und ebensowenig leuchtet ein, dass der Westen, wenn er eine Diktatur wie die der Taliban oder Saddam Husseins stürzt, den unterdrückten Völkern etwas schuldet, das über die Befreiung von einem despotischen Regime hinausgeht. Im Gegenteil, sie sollten dem Westen zu großem Dank verpflichtet sein.”
Amitai Etzioni: Weniger ist mehr, F.A.Z., 28.07.2008, Nr. 174, Seite 8
Das archäologische Erbe des Irak
Erinnert sich noch jemand an die Berichte, denen zufolge nach dem amerikanischen Einmarsch Plünderer über die Ausgrabungsstätten herfielen? Das Wall Street Journal hat nachgehakt.
Todenhöfer und wie er den Irak sieht
In der Zeit vor dem Irakkrieg hatte ich mich als Übersetzer für arabische Texte verdingt, die Aufträge bekam ich von einem befreundeten Iraker, der seit Jahren im Übersetzungsgeschäft tätig war. Als Anfang 2003 der Krieg immer näher kam, hatten wir uns natürlich auch darüber unterhalten. Wie die Stimmen anderer irakischer Exilanten, die ich bis dahin gehört hatte, so befürwortete auch er vehement ein Eingreifen der USA in seinem Heimatland, sah er darin doch die einzige Möglichkeit, die verhasste Diktatur Saddam Husseins loszuwerden.
Als die amerikanischen Truppen Bagdad bombardierten, war er völlig euphorisch und konnte es kaum fassen, dass Saddams Tage gezählt sein sollten. Ich fragte ihn natürlich, ob das allein seine Ansicht war und was seine Landsleute in Bochum (wo sich diese Geschichte zugetragen hat) dächten. Er antwortete mir, dass er alle Iraker, die er in Bochum kenne, zum Krieg befragt habe und von einem Dutzend Personen nur eine einzige dagegen gewesen sei. Befragt, was er und seine Lebensgefährtin über die die PACE-Flaggen-schwenkenden Peaceniks meinten, antworteten mir beide, dass das doch junge Leute seien, die keine Vorstellung davon haben, wie es unter einer totalitären Diktatur wie der im Irak zugehe.
Als die Amerikaner in Bagdad einmarschierten und Menschen auf der ganzen Welt sich über den irakischen Informationsminister amüsierten, da feierten mein Freund und seine Landsleute ausgelassen den Sieg. Ich rief ihn über Handy an und gratulierte ihm. Kurze Zeit nachdem der Krieg vorbei war, fuhr mein irakischer Freund mit seiner Lebensgefährtin nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder in seine Heimat. Beide hatten das ganze Land bereist und berichteten mir nach ihrer Rückkehr, dass überall, wo sie hingekommen seien, die Menschen eine tiefe Erleichterung darüber verspürt haben, dass der Alptraum einer 40jährigen Terrorherrschaft nun endlich vorbei sei!
Unterdessen waren im deutschen Fernsehen lauter Fachleute zu sehen, die ausser der Tatsache, allesamt keine Iraker zu sein, vor allem das Weltbild teilten, genauestens über die Befindlichkeiten der Iraker bescheid zu wissen und dem deutschen Fernsehpublikum eifrig klarzumachen bemüht waren, dass das Leiden der irakischen Bevölkerung erst mit dem Einmarsch der Amerikaner in Bagdad begonnen habe. Ich hatte also meinen irakischen Freund gedrängt, sich mit verschiedenen Fernsehsendern in Verbindung zu setzen und ihnen vorzuschlagen, einmal einen Iraker zu Wort kommen zu lassen, zumal mein Freund ein promovierter Orientalist war, der über Saddams Minderheitenpolitik gearbeitet hatte.
Tatsächlich kam ein Fernsehteam von n-tv in seine Wohnung, um ihn zu interviewen. Die Journalisten hatten mit dem, was sie zu hören bekamen, wohl nicht gerechnet. Jedenfalls wurde das Interview um vier Uhr nachmittags ausgestrahlt. Abends, zur Hauptsendezeit, waren dann wieder die altbekannten Pappnasen und Schwarzmaler auf dem Äther.
Jürgen Todenhöfer, ein deutscher Medienmanager, war ganze zwei Wochen im Irak. Das macht aus ihm natürlich gleich einen Experten, zumal er den Vorteil hat, selber kein Iraker zu sein. Diese zwei Wochen hätte er in Bagdad, Basra, Sulaimaniya oder sonstwo verbringen können, aber nein, er hat sich für Ramadi entschieden, ausgerechnet Ramadi, das im sogenannten “Dreieck des Terrors” liegt, über das Najem Wali, ein anderer Exiliraker, schon vor fünf Jahren die Deutschen vergeblich aufzuklären versucht hat:
Neuerdings wird der anwachsende Terror im Irak in manchen Medien als Ausdruck eines zunehmenden „irakischen Widerstands“ bezeichnet. Dies ist ein unerträglicher Euphemismus, der die Wirklichkeit grob verfälscht. Betrachtet man die terroristischen Aktivitäten genauer, stellt man rasch fest, dass sich alle diese Operationen auf den Westen des Landes konzentrieren. In dieser Region haben sich jene Sippen formiert, die über die Jahre der Diktatur hinweg von dem System Saddam Husseins profitierten.
Todenhöfer also kommt nach zwei Wochen aus der Hochburg der Saddam-Anhänger nach Deutschland zurück – und was er uns mitbringt, sind tiefe Einblicke ins Land wie dieser:
Das Erziehungssystem in Anbar zerfällt. Zahlreiche Schulen in Ramadi wurden zerstört, keine einzige wurde neu erbaut. Trotz Schulpflicht geht nur noch die Hälfte der Kinder zur Schule. Studenten brechen aus Geldnot und mangels Perspektiven ihr Studium ab und gehen zur Polizei. Die Lebensmittelversorgung in Anbar verschlechtert sich weiter. Nahrungsmittelrationen werden nur noch unregelmäßig verteilt. Sie sind kleiner und qualitativ noch miserabler als früher.
Und wo war Todenhöfer, als Saddam Hussein Krieg gegen seine eigene Bevölkerung führte? Vertreibung, Vernichtung, systematische Zerstörung der Dörfer, Vergiftung und Verminung des Bodens, systematische Folter, Amputation der Gliedmaßen, Vergewaltigung von Frauen, auf den Vorwurf der Prostitution steht Köpfung.
Wo, Todenhöfer, warst Du?
Irakischer Optimismus
Ein Reporter bereist den Irak und macht eine erstaunliche Entdeckung (für regelmässige Leser dieses Blogs vielleicht nicht ganz so erstaunlich):
Over the past month, I covered Iraq’s stories. Some – like Sadr City’s turmoil, a spike in US military deaths, and Iran’s growing influence – were variations on ones I’d covered since first coming here after the 2003 invasion. Others – a look at one of Baghdad’s new walled neighborhoods, Iraqi impressions of the huge US Embassy about to open here, or questions about the capabilities of Iraq’s half-million-strong security forces – more emblematic of this year.
But in many of these stories, common themes emerged: a tentative sense of better security, relief over an improved economy, and manifestations of the cogs of bureaucracy starting to turn again.
… so zu lesen im CSMonitor (gefunden hier). Wenngleich es mancherlei Sorgen gibt: “the sense of budding progress is broadly based.”
Und vielleicht keimt auch im Westen die Erkenntnis auf, dass der Irak keineswegs ein einziges Desaster ist.
Neue Irak-Umfrage: Zuversicht wächst
Laut einer Umfrage von ABC und einigen anderen Fernsehstationen halten 49% der irakischen Bevölkerung den amerikanischen geführten Einmarsch in ihr Land für richtig, 50% für falsch. Die Meinungen sind also geteilt. Man beachte: Vor einem halben Jahr waren es noch 63%, die den Einmarsch für falsch hielten; die Zustimmung von 49% ist der höchste Wert seit Anfang 2004. Wenn das keine Niederlage für Europas Friedensbewegung ist!
Ansonsten zeigt sich das Land auch in anderer Hinsicht gespalten und es wird schwer sein, die Bevölkerung für die eine oder andere Seite zu vereinnahmen. Deutlich zeigt sich aber, dass die Sicherheitslage sich erheblich verbessert hat: 62% schätzen sie immerhin als gut oder sehr gut ein, nur 38% als schlecht oder sehr schlecht - während die Bewegungsfreiheit mehrheitlich als eher schlecht bezeichnet wird.
Dabei geben sich 82% der Befragten zuversichtlich, dass sich die Lage weiter bessern werde, gegenüber 17%, die eher pessimistisch sind. Selbst unter denjenigen, die die Situation sich verschlechtern sehen, geben aber nur 20% den US-Truppen die Schuld.
Die überwältigende Mehrheit von 70% ist zwar der Meinung, dass die US-Truppen keine gute Arbeit geleistet haben und 73% lehnen die Anwesenheit der Koalitionstruppen im Lande ab. Aber zugleich wünscht nur eine Minderheit von 38% der Befragten, dass die Truppen den Irak am besten sofort verlassen sollten. Wie sich das allerdings mit der Einschätzung von 61% der Iraker verträgt, dass die Anwesenheit der Truppen eher zu einer Verschlechterung der Sicherheit beitrage, bleibt rätselhaft.
Immerhin lehnt jetzt eine Mehrheit Angriffe auf Koalitionstruppen ab (57 vs. 42%) - das war einmal durchaus anders.
Die Umfrage, die von Europas Linksintellektuellen gänzlich ignoriert werden wird, gibt es hier (PDF).
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Siehe auch:
- Wie Iraker die Sicherheit ihres Landes einschätzen, 17. März 2008.
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Update 13:30
Die treffende Antwort auf einen plumpen Versuch, die Bedeutung der Umfrage herunterzuspielen, gibt’s beim IraqPundit.
Wie Iraker die Sicherheit ihres Landes einschätzen
Ein Militärbericht fördert faszinierendes zutage: Befragt, wie die Iraker die Sicherheitslage im eigenen Umfeld einschätzen, fallen die Antworten sehr viel positiver aus als auf die Frage nach der Beurteilung der Sicherheitslage im ganzen Land. Im Klartext: Die meisten Iraker fühlen sich mehr oder weniger sicher, glauben aber, dass dies im Rest des Landes weniger der Fall sei. (Via MESH).
Dass die Einschätzung des eigenen Umfelds realistischer ist, überrascht nicht. So lässt sich die Einschätzung auch objektivieren:
Violence levels are down throughout most of Iraq. Since the June 2007 report, deaths from ethno-sectarian violence are down nearly 90%. Total civilian deaths and Coalition deaths have each dropped by over 70%.
(…) Overall Assessment of the Security Environment. While progress in some areas is fragile, the security environment has improved significantly over the past six months.
Freilich wird auch diese Erkenntnis von der europäischen Friedensbewegung ignoriert werden.
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Siehe auch:
- Grossstadtängste und Spencer’s Law, 8. Juni 2006.
Das Leid der Iraker
Ich erinnere mich noch an an eine Talkrunde im SWR, es mag so Anfang des Jahres 2003 gewesen sein, bei der geladene Gäste über den heraufziehenden Krieg im Irak debattierten.1 Einer der Teilnehmer war Jürgen Todenhöfer, der kurz zuvor mit seiner Tochter das Land bereist und darüber ein Buch verfasst hatte; ein anderer war ein Iraker namens Namo Aziz, von Beruf Journalist.
Nachdem Todenhöfer dem deutschen Publikum zum Auftakt die Ängste der Iraker schildern durfte (gab es welche darunter, die nicht vom Regime handverlesen waren?)2, fuhr ihm Aziz in die Parade, als er Todenhöfer vorwarf, dass dieser (Gedächtniszitate:) “nichts, aber auch gar nichts” über das Land wisse und “überhaupt keine Ahnung” habe, wie das Leben unter der Baath-Diktatur sei.
Eine ähnliche Szene zwischen einem Deutschen und einem Iraker habe ich selber einmal miterlebt (nach unten scrollen, vorletzter Absatz). Und wie das so ist, von Namo Aziz hört man heute nichts mehr, dafür umso mehr von Jürgen Todenhöfer, der mit einem neuen Buch nachgelegt hat. Die Mailing-Liste der DAVO spricht in ihrer heutigen Ausgabe den Abonnenten eine Empfehlung aus:
Warum Sie dieses Buch lesen und an andere (sic!) weiterempfehlen sollten:
- weil Sie hier die “andere Seite” des Irakkrieges kennenlernen, die in westlichen Medien weitgehend ausgeblendet wird. Die Schicksale der Widerstandskämpfer, denen Jürgen Todenhöfer während eines “nicht eingebettenen” Irakaufenthalt im letzten Sommer begegnete, verdeutlichen in erschütternder Weise den Wahnsinn dieses Krieges und das Leid der irakischen Bevölkerung.
- weil hier eindrucksvoll belegt wird, dass der Westen viel gewalttätiger ist als die muslimische Welt, wo Millionen arabischer Zivilisten seit Beginn der Kolonialisierung getötet wurden.
- weil Sie verstehen werden, dass es angesichts der Kriegspolitik des Westens nicht wirklich erstaunlich ist, dass muslimische Extremisten immer mehr Zulauf bekommen.3
- weil Sie nicht nur bestätigt finden, dass islamisch getarnte Terroristen Mörder sind, sondern auch erkennen werden, dass für christlich getarnte Anführer völkerrechtswidriger Angriffskriege4 nichts anderes gelten kann.
- weil Sie die Berechtigung der Forderung einsehen werden, dass der Westen die islamische Welt genauso fair behandeln muss, wie er Israel behandelt: Muslime sind so viel wert wie Juden und Christen.
- weil Sie erkennen werden, dass Muslime mindestens so tolerant waren und sind wie Juden und Christen. Nicht nur in der Bibel, auch im Koran sind die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten die zentralen Gebote.
Passend dazu meldet der irakische Online-Dienst Sot al-Iraq die Festnahme des Schatzmeisters der al-Qaida/ Region Südwest in Kirkuk, der einer ungenannten Quelle zufolge verantwortlich für eine Vielzahl von Anschlägen auf Sicherheitskräfte und Zivilisten verantwortlich sein soll. Ebenfalls am heutigen Sonntag wurde in der Provinz Diala 15 km nördlich von Baquba ein Massengrab gefunden, darin sechs Leichen unbekannter Nationalität, die gemeinsam durch Schüsse ermordet worden waren. Des weiteren wurden heute im Zentrum von Mossul ein Zivilist durch eine Autobombe getötet und fünf verletzt.
Soviel zum “irakischen Widerstand”. – Vielleicht hätte Todenhöfer auch mal die Iraker befragen sollen, was die darüber denken. Und vielleicht wäre es auch der Mühe wert gewesen, den ein oder anderen Gedanken daran zu verschwenden, wie das Leben unter Saddam Husain gewesen war. So berichtete die TIME 2005:
Under Saddam Hussein, Baghdad was a violent city. But the highest murder rate before the war was 250 in one month. (By comparison, New York City with about 2 million more residents, had 572 murders in 2004, and a peak of 2,245 in 1990).
Die Gewalt hat also keineswegs erst mit den Amerikanern in Bagdad Einzug gehalten und geht auch jetzt nicht hauptsächlich von diesen aus, aber die Robin-Hood-Pose kann glaubwürdig nur einnehmen, wer solche Tatsachen ignoriert. Im Klartext: Die von Extremisten ausgehende Gewalt wird erst den Amerikanern auf das Konto gebucht, um dann auch noch für Verständnis der zum “Widerstand” geadelten Attentäter zu werben.
Das Buchhonorar geht übrigens u.a. an “Projekte der israelisch-palästinensischen Aussöhnung”. Über den Tellerrand von Äquidistanz und moralischem Relativismus kommen deutsche Intellektuelle einfach nicht hinaus.
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Siehe auch:
- Wer will den Djihad?, 11. Oktober 2007,
- Lieber unter Maliki als unter Saddam!, 18. März 2007.
- Man möge mir nachsehen, dass ich aus der Erinnerung heraus weder über den Sender noch über das Sendedatum absolut sicher bin. [back]
- Der im Titel genannte “Abdul” ist übrigens keinesfalls ein arabischer Männername, sondern nur eine westliche Vorstellung davon. [back]
- Schon merkwürdig: ein anderer Linker ist eben erst zu einem gegenteiligen Ergebnis gelangt. [back]
- s. dazu diesen Beitrag. [back]







