Das archäologische Erbe des Irak
Erinnert sich noch jemand an die Berichte, denen zufolge nach dem amerikanischen Einmarsch Plünderer über die Ausgrabungsstätten herfielen? Das Wall Street Journal hat nachgehakt.
Nachdenken mit Tschingis Aitmatow
Tschingis Torekulowitsch Aitmatow (kirgis. Чыңгыз Айтматов – Tschynggys Aitmatow, russisch Чингиз Торекулович Айтматов; * 12. Dezember 1928 in Scheker im Talas-Tal, Kirgistan; † 10. Juni 2008 in Nürnberg) war ein kirgisischer Schriftsteller, der hauptsächlich in russischer Sprache schrieb.
1992 hielt Tschingis Aitmatow im Dresdner Schauspielhaus eine Rede „Nachdenken über Deutschland.“ Ich war gebeten worden die Begrüßungsrede zu halten. Da er vor wenigen Tagen in Nürnberg gestorben ist, veröffentliche ich sie jetzt zu seinem Gedenken!
Heinz Eggert
Sehr geehrter, lieber Tschingis Aitmatow, meine Damen und Herren, liebe Freunde!
Ich lasse den Botschafter einmal weg, weil sie diese staatliche Amtsbezeichnung eigentlich nicht brauchen. Denn Botschafter waren Sie schon immer. Das trifft im ursprünglichen Sinne auf sie zu, weil sie wirklich eine Botschaft zu verkünden haben.
Es muss 1970 gewesen sein. Im dahindümpelten Zug von Berlin nach Zittau, durch dessen schmutzige Fenster die Landschaft noch grauer aussah - meine erste Begegnung mit Aitmatow. Ein bb Buch Dshamilja. Gekauft, um die Zeit zu vertreiben. Nicht gerade kauffreudig gemacht hatte mich der Hinweis des Klappentextes auf den Verfasser. Leninpreisträger Tschingis Aitmatow. Die ebenfalls gedruckte Einschätzung Aragons, es sei die schönste Liebesgeschichte der Welt, hatte mich dann doch 1,85 M ausgeben lassen. Notfalls konnte ich das Buch ausgelesen immer noch im Zug liegen lassen. Es war kein Buch, um die Zeit zu vertreiben. Es war ein Buch, das mit seinen Metaphern die gewöhnliche Gewohnheit des Denkens durchbrach, so wie seine Titelheldin die Enge und Beschränktheit ihrer Umgebung zu durchbrechen versuchte.
Ich habe dieses Buch damals Freunden und Kommilitonen weiterempfohlen. Schon wieder ein Russe, haben sie gefragt, und dann doch gelesen. Sie haben es nicht bereut. Mit wie viel Ignoranz und Nichtwissen, gepaart mit bedenkenloser Überheblichkeit, urteilen wir oftmals übereinander. Damals und heute. Nachdenken über Deutschland! Auch das gehört dazu.
Heute weiß ich mehr über Tschingis Aitmatow. Ein wenig durch seine Biographie, mehr durch seine Bücher. Ja, seine Biographie. Fremde Namen leuchten von der Ferne. Sie beflügeln unsere Phantasie genauso wie seine Bücher. Sie schlagen scheinbar die Brücke zu den Mythen und Märchen seines Volkes mit ihren unauslotbaren ewigen einfachen menschlichen Wahrheiten. Aus der Scheker Sippe stammt er. Wie sein Vater Torekul, dessen Vater Aitmatow, dessen Vater Kimbildi und dessen Vater Kontschudshok. Kontschudshok - der Schaftlose, ohne Stiefel. Kein Grund zum Prahlen meint Tschingis Aitmatow.
Aber Tschingis Aitmatow - lieber ein Kontschudshok, ein Schaftloser, als ein Phantasieloser, ein Toleranzloser, ein Herzloser. Wir sind doch nicht mehr, wenn wir mehr haben. Ihr Vater war einer der führenden kirgisischen Kommunisten. Ihre Mutter und vor allem die Großmutter brachten ihnen einen Schatz an alten Lieder, Märchen und Sagen, in denen Wirklichkeit und Dichtung verwoben wurde, bei. Beeindruckt haben mich die Worte Ihrer Tante Karagys-Apa. Als Ihr Vater den Repressionen des stalinistischen Terrors ausgesetzt war, öffnete sie ihrer Umwelt die Augen dafür, dass, was für ein Missgeschick den Menschen auch trifft, er nicht verloren ist, wenn er inmitten seines Volkes lebt. Können wir, die wir atomisiert aus dem Vollen leben und nicht aus der Fülle der Gemeinschaft heraus, da nicht nur sehnsuchtsvoll werden?
Nachdenken über Deutschland.
Wo ist unsere gemeinsame Zielsetzung?
Mit 14 Jahren waren Sie Sekretär des Dorfsowjets.
Sie studierten Literatur. Erstaunlich, dass man dann immer noch so schreiben kann.
Später Chefredakteur einer kirgisischen Literaturzeitschrift, Prawda-Korrespondent. Später Leninpreis. Neuere politische Ämter.
Ich verstehe Ihre Frage von 1971 in Frunse: Wird es mir gelingen, Interessantes zu schreiben?
Sie mussten, Tschingis Aitmatow. Für sich und für uns.
Ich musste Sie oft als unverdächtigen sowjetischen kommunistischen Schriftsteller, als Kronzeugen in meinen Predigten und Vorträgen bemühen. Denn Ihre Fragestellungen waren auch meine. Wie entgehen wir dem Hochmut einer sich wissenschaftlich gebenden Selbsttäuschung? Wie leben wir menschlich in diesem Spannungsbogen der uns gegebenen Zeit zwischen Erwartung und Erfüllung, ohne selbst zu zerbrechen, wenn unsere Erwartungen zerbrochen werden? Was hält uns, wenn der Boden unserer Überzeugungen, wenn unsere Gewissheiten abbröckeln?
Aber wir blieben beide nicht unverdächtig.
Man glaubte, ich würde eigene Texte einem sowjetischen kommunistischen Schriftsteller unterschieben, um wissentlich zu verwirren.
Leider waren es nicht meine Texte. Wie hätten Sie sonst auch die PERESTROIKA vorbereiten sollen und damit die DEUTSCHE EINHEIT ermöglichen?
Da stelle ich meine Eitelkeit freiwillig zurück.
1982 DER TAG ZIEHT DEN JAHRHUNDERTWEG
Wer ist Schneesturm-Edige?
Ich habe ihn Ostern letzten Jahres im Fragebogen der FAZ als meinen liebsten Romanhelden angegeben. Er ist von seiner stillen Menschlichkeit überzeugend. Das Sein bestimmt ihn, nicht das Haben. Sein Nachdenken speist seine einfachen, in allen Lebensläufen vollzogenen Handlungen. Ein Mensch, der seinem Freund über den Tod hinaus - um sein Versprechen einzulösen - seine eigene Lebenszeit und Lebenskraft opfert. Dringt denn nicht durch die Geschwätzigkeit unserer Tage die Botschaft, dass Worte, wenn sie durch das Teilen eigener Lebenskraft, Lebenszeit und Lebensmöglichkeiten fundiert sind, eine ursprüngliche Hoffnung erweckende Kraft besitzen?
Wie bleibe ich Mensch auch unter dramatischen und deprimierenden, fast alle Lebenskraft beanspruchende Situationen?
Wer Antwort auf diese Frage sucht, sollte dieses Buch lesen. Immer wieder.
Weil oftmals von diesen gefundenen Antworten unser Weiterleben abhängt.
Und dann die Legende von den Mancurt-Sklaven. Mit schrecklichen Torturen, die nur wenige überlebten, beraubte man sie ihrer Erinnerungen. Sie wussten nicht, woher sie kamen, kannten weder ihre Familie noch ihre Wurzeln, kannten ihre Kindheit nicht mehr, auch nicht ihre Mutter. Sie konnten sich nicht als Menschen begreifen, sie waren geschichtslos. Geschichtslos, aber unschätzbar im Wert für die Herrschenden. Verfügbare Masse. Wer diese Legende liest, wer liest, wie ein Mancurt seine Mutter tötet, die versucht, ihn mit Liedern und Erinnerungen der Kindheit wieder menschlich zu machen, der wird schlecht schlafen.
Wir wissen, wohin es führt, wenn Geschichtsbetrachtung selektiv und ideologisiert als Mittel zum eigenen Machterhalt betrieben wird. Ein Volk sollte verbogen werden. Es gab keine Brüder mehr, nur Klassenfeinde. Wer Zweifel hat, lese “Wissen und Kämpfen”, dieses unsägliche Blatt der ehemaligen NVA.
Die Richtstatt. Ich las sie 1987.
Jeder Mensch, sagen Sie, wird im Laufe seines Lebens mit einer Richtstatt konfrontiert.
1989: Wem sagen Sie das?
Ich habe Sie 1988 in einer Predigt zitiert:
Sie fragen:
“Wozu überhaupt ist in unserem Jahrhundert die auf diesem Weg längst abgenutzte Religion erforderlich? Wirklich wozu? Allen ist doch längst alles klar, sogar den Kindern. Hat nicht die materialistische Wissenschaft den letzten vernichtenden Pfahl ins Grab der christlichen Glaubenslehre geschlagen, und nicht nur der christlichen - hat sie nicht entschlossen und gebieterisch alle Religionen vom einzig richtigen Weg des Fortschritts und der Kultur hinweggefegt?
Der Mensch von heute, so scheint es, bedarf keines Glaubensbekenntnisses, ihm genügt es völlig, im Rahmen der allgemeinen historischen Bildung über diese abgestorbenen Lehren informiert zu werden. Denn all das hat sich überlebt, wurde erprobt und verworfen.
Aber, was haben wir an Stelle dieser barmherzigen, selbstlosen, längst in den Straßengraben gestoßenen, von den realistischen Weltanschauungen schadenfroh verlachten Idee gewonnen? Was haben wir ihr an Gleichwertigem, richtiger an Besserem, entgegenzusetzen? Neues muss doch zweifellos besser sein als das Alte.”
Neues muss doch zweifellos besser sein als das Alte. So ist es - Gespräch über Deutschland.
Tschingis Aitmatow, wir werden Sie jetzt hören mit der Stimme, die “die Musik des liedreichen Ostens und zugleich die feinfühlige Seelenspannung eines Zeitgenossen wiedergibt, der alle Freuden und Bitternisse des 20. Jahrhundert durchlebt.” (Wladimir Lakschin)
Schon damit wir begreifen, das Nachdenken über Deutschland auch Nachdenken über die Welt sein muss!
Bildnachweis: Wikipedia
Angriff auf die letzte Bastion
Unterhält man sich mit deutschen Zeitgenossen über den Iran, dauert es meist keine fünf Minuten, bis man darauf hingewiesen wird, dass Ahmadi-Nejad angeblich nie von einer Vernichtung Israels gesprochen habe und dass das Land im Westen dämonisiert werde. Zu ersterem wurde auf diesem Blog schon genügend gesagt, zu letzterem liefert das Regime derzeit fast jeden Tag neuen Stoff.
Denn während bislang im Iran die Privatsphäre staatlicher Kontrolle weitgehend entzogen war, zeigt sich die herrschende Diktatur nun zunehmend willens, die letzte Bastion individueller Selbstbestimmung zu stürmen. Immer häufiger, so berichtet Human Rights Watch, brechen Sicherheitskräfte (im Iran grundsätzlich nur mit Gesichtsmaske) Wohnungstüren auf, um die Bewohner wegen unislamischen Treibens zu misshandeln und zu verhaften. Wohlgemerkt: Hier geht es nicht um den verbotenen Genuss von Alkohol oder Cannabis, sondern um Kleidervorschriften und ähnliches.
“Gegenwärtig sind wir in der Phase der Schaffung eines islamischen Staats. Wir müssen uns zu der einer islamischen Gesellschaft hinbewegen” forderte ein hochrangiger Pasdar vor drei Jahren. Das Programm einer Zweiten Kulturrevolution wird seitdem unbeirrt fortgesetzt. “Dämonisierung des Iran?” - Dieses Regime braucht nicht dämonisiert zu werden.
نوروز بر همگان مبارك باد
“Schenke m
ir Gesundheit und Röte”: Gestern begann das iranische Neujahrsfest. Wo die Menschen den Brauch pflegen, zum Jahreswechsel Eier zu färben, kann es sich nur um Nouruz handeln, das in den Ländern den Nahen und Mittleren Ostens mit iranischer Völkerschaft - Iran, Afghanistan, Tadschikistan u.a. - begangen wird, wenn am ersten Tag des iranischen Sonnenjahres die Sonne in das Sternbild des Widders tritt (21. März, Frühlingsanfang). Das persische Wort “Nouruz” bedeutet wörtlich “Der neue Tag”.
Der Ursprung des Nouruz-Festes geht auf die mythenreiche vorislamische Zeit der indoarischen Bevölkerung zurück. Deshalb wird Nouruz auch als Nouruz-e bastani “das alte Nouruz”, Nouruz-e melli “der traditionelle Nouruz”, oder Nouruz-e djamschidi “Djamschids neuer Tag” bezeichnet. Djamschid gehört zu den legendären iranischen Königen der vorislamischen Zeit und soll der Überlieferung nach zu Nouruz gekrönt worden sein. Den vor- wie auch nachislamischen Quellen zufolge glaubte man früher, daß Gott an diesem Tage wahlweise die Sonne, die Welt, oder den ersten Menschen erschaffen habe. Die zoroastrischen Gläubigen überliefern, daß ihr Prophet Zarathustra am 6. Tag des Nouruz geboren sei.
Das Nouruz-Fest ist heutzutage weitgehend seiner alten religiösen Symbolik entkleidet und erfreut sich in den Gesellschaften des Mittleren Ostens als populäres Familienfest größter Beliebtheit. Gefeiert wird es ungeachtet der religiösen, sprachlichen und ethnischen Unterschiede und dauert zwei Wochen. Am Vorabend des Festes, am letzten Mittwoch des 12. Monats des iranischen Kalenders, wird Tscharschanbeh Suri “Der festliche Mittwoch“ begangen, wobei das altpersische Wort sur “rot” für Gesundheit und Wohlbefinden steht. Den Beginn des Festes verkündet der Amu-Nouruz, der “Onkel des Nouruz” (vergleichbar dem Weihnachtsmann im westlichen Kontext), oder Hajifiruz, der “Sieger (über den Winter)”, gehüllt in rote Kleider auf der Straße, und teilt singend und tanzend das baldige Eintreten des Nouruz mit.
Kurz vor dem Jahreswechsel versammeln sich dann die Familien am Haftsin-Tisch, der mit den sieben Symbolen geschmückt ist, deren Namen in Persischen mit einem “S” beginnen (daher Haftsin = “sieben S”) und die das Fest symbolisieren: sib “Apfel”, sekke “Münze”, somaq “Sumach” (ein Gewächs), sabzi “Grünzeug”, sonbol “Hyazinthe”, serke “Essig” und samanu, eine Mehlspeise aus Malz. Zwar steht der Anfangsbuchstabe in keiner besonderen Beziehung zum Fest; auf jeden Fall aber spiegeln sie eine agrarische Gesellschaft wieder. Aus diesem Grund stellen die Zoroastrier nur Naturprodukte auf ihrem Tisch, ungeachtet ihrer Anfangsbuchstaben. Die Zahl Sieben wiederum spielt bekanntermaßen in vielen Religionen eine Rolle und findet sich als heilige Zahl schon in den ältesten sumerischen, indoiranischen und semitischen Kulturen.
Neben den Haftsin befinden sich noch weitere Dinge auf dem Tisch: Ein Spiegel steht in der iranischen Tradition für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, ein Goldfisch in einem Glas soll das neue Jahr durch sein Schwimmverhalten ankündigen, und das heilige Buch der Familie unterstreicht die Bedeutung des Festes. Welches das heilige Buch ist, hängt freilich von der Religionszugehörigkeit ab; heutzutage wird gerne auch ein lyrisches oder episches Werk genommen. Den Höhepunkt, wie auch im Westen zum Jahreswechsel, bildet ein großes Feuerwerk, und in den Familien werden Eier gefärbt. Nach dem Jahreswechsel beglückwünschen sich die Familienangehörigen zum neuen Jahr und verzehren Süßigkeiten als Ausdruck der Hoffnung auf ein ebenso süßes Leben im neuen Jahr. Anschließend werden Geschenke verteilt. Das eigentliche Fest beginnt mit dem Frühjahrsputz. Um Wachstum und neues Leben zu symbolisieren, wird in jeder Familie Getreide auf einem Teller oder in einem Gefäß angepflanzt. Glückwunschkarten zum neuen Jahr werden an Verwandte und Freunde verschickt.
Lebendig und erfahrbar gemacht wird ein Fest jedoch erst durch öffentliche Zeremonien, die wiederum regional variieren. Eine zentrale Stellung im Nouruz nimmt das Entzünden des Feuers ein. Es ist einer der ältesten und schönsten Bräuche. Die Familienmitglieder versammeln sich um das Feuer und beweisen ihren Mut, indem sie nacheinander darüberspringen. Immer wieder wird die Formel gesprochen ”Nimm von mir die Blässe”, d.h. Krankheit, “und Ohnmacht und schenke mir Gesundheit und Röte”, d.h. die Farbe des Gesunden. Ebenfalls der Abwehr von Unheil dient “Das Brechen des Lehmkruges”: Von Hausdächern und anderen hochgelegenen Punkten stößt man Lehmkrüge hinunter, um Unheil und Mißgeschick abzuwenden, und verzehrt auch hier spezielle Süßigkeiten und Gebäck. Wer in persönlichen Schwierigkeiten steckt, macht einen Knoten in ein Handtuch oder ein Stück Stoff und stellt sich an den Straßenrand, um es von Passanten symbolisch als Errettung aus mißlicher Lage lösen zu lassen. Andere nehmen stattdessen ein Schloß, das sie sich von jemandem aufschließen lassen. Insbesondere junge Mädchen, die den Wunsch haben, im neuen Jahr zu heiraten, halten ein Vielzahl solcher Zeremonien ab.
Während der zwei Wochen des Festes werden gegenseitige Besuche abgestattet. Am letzten Tag des Fests, d.h. am 13. des Nouruz, bleiben die Familien traditionsgemäß nicht zu Hause, sondern verbringen den ganzen Tag in der freien Natur, um Unglück im Hause zu vermeiden. Daher wird dieser Tag Sizdah bedar “Am 13. außer Haus” genannt. Abgesehen davon, daß alle diese Aktivitäten von der Absicht zeugen, das alte Jahr festlich ausklingen und das kommende Jahr unter guten Vorzeichen beginnen zu lassen, haben solche Feste unmittelbar mit der historischen Entwicklung der Astronomie zu tun.
Nouruz als eines der wichtigsten traditionellen Feste im Nahen und Mittleren Osten ist trotz vieler historischer Umwälzungen immer am Leben gehalten worden. Auch in der islamischen Epoche - abgesehen von der Zeit der Umayyaden-Herrschaft (7.-8. Jhd.) - wurde Nouruz weiter gefeiert. Im Schiitentum versuchte der Klerus, dem Nouruz-Fest einen religiösen Aspekt zu verleihen. Es gibt Überlieferungen der schiitischen Imame, nach denen Gott die Menschen an diesem Tage erschaffen habe. Auch die Rückkehr des Propheten Muhammad von seiner letzten Pilgerfahrt nach Mekka (632), auf der dieser, der schiitischen Tradition zufolge, seinen Schwiegersohn Ali, den späteren ersten Imam der Schiiten, zu seinem Nachfolger ernannte, soll auf Nouruz gefallen sein.
Im Westen bekannt geworden ist das Fest erst im Zuge seiner politischen Umdeutung. Die Kurden in der Türkei durften Nouruz grundsätzlich nicht in der Öffentlichkeit feiern. Die offizielle Lesart versucht, die Festlichkeiten als “Frühlingsfest” zu marginalisieren. Der seit der islamischen Revolution 1979 im Iran bestehende religiöse Staat begegnet einigen Zeremonien des Nouruz-Festes, wie dem Feuerwerk am letzten Mittwoch des Jahres (Tscharschanbeh Suri) mit Mißtrauen und versuchte erfolglos, die Tradition abzuschaffen. Später tolerierte er sie halbherzig. Die junge Generation betrachtet die einzelnen Zeremonien als einen oppositionellen Akt gegen die Islamische Republik, weshalb es jedes Jahr zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften kommt.
(Text identisch mit Eintrag vom 21. März 2007)
Nichts zu lachen
Bekanntlich haben Frauen in Saudi-Arabien nicht viel zu lachen. Erst kürzlich hat eine saudische Zeitung festgestellt, dass das Land die weltweit niedrigste Einstellungsquote unter Frauen hat:
Five million Saudi women make up half of the adult population of citizens but only half a million of them are employed. At 5.5 percent, it is the world’s lowest rate of women’s representation in a country’s workforce, said Princess Adla, daughter of King Abdullah, Custodian of the Two Holy Mosques.
Der britische Historiker Bernard Lewis weist im Interview mit der Jerusalem Post auf die kulturellen Wurzeln hin, die in Europa zu einer anderen Entwicklung geführt haben:
As far as I know, Christianity is the only religion which totally prohibits polygamy and concubinage. Even Jewish law has been somewhat equivocal on both these subjects at different times and in different places. This has an effect. In Christendom, you have women playing a major role - like Queen Elizabeth of England, Queen Isabella of Spain, Queen Catherine of Russia, Maria Theresa of Austria - something which would have been inconceivable in other societies. It also makes a difference to what we know about rulers. For example, if you look at the history of the Western world, you see we have biographies of major figures. If you look at the Islamic world, on the other hand, although there are many major figures, you will see that there are very few book-length biographies.
Why is that?
Because women can’t appear in them. And a biography without mothers or wives or mistresses lacks all context. I mean, if you write the history of Louis XIV of France, the ladies in his life, starting with his mother, are very important. You have this to some extent in the very early Islamic period. We know, for example, something about the wives and mothers of the very earliest caliphs; they were free Arab ladies. But the later ones were slaves in the harem.
What effect has this had on Muslim countries?
It’s a great source of weakness. The mid-19th-century Turkish writer Namik Kemal, as far as I know, was the first to raise this point. By that time in history, the Muslims were becoming keenly aware that they were falling behind the previously despised West. (…) They came up with all sorts of answers and tried all kinds of military, economic and political reforms, none of which worked very well. Kemal said that the reason “we have fallen behind is the way we treat our women.” (…)
Für Namik Kemal, so Lewis, brachte die Unterdrückung der Frau eine Benachteilung der Männer mit sich. Diese nämlich würden in ihrer Kindheit von Müttern aufgezogen, die ein Mangel an Bildung und an Selbstbewusstsein auszeichne.
Freilich ist der Weg, den die Türkei gegangen ist, noch weit für ein Land wie Saudi-Arabien. Dort, wo Frauen noch nicht einmal Auto fahren dürfen, mutet es daher wie eine kleine Revolution an, wenn eine Frauenrechtlerin sich anlässlich des Weltfrauentags über die Gesetze erhebt und ihren Akt zivilen Ungehorsams auch noch ins Internet stellt:
Wajeha al-Huwaider hatte sich schon in der Vergangenheit bei den saudischen Behörden unbeliebt gemacht, für die sie mittlerweile als echte Gefahr gilt (hier gefunden).
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Siehe auch:
- Frau und Familie in der Arabischen Welt, 18. Juni 2007,
- Arabische Frauenpower, 20. Dezember 2006,
- Kultureller Fortschritt, 23. März 2006,
- Starke Frauen für die Welt, 13. Oktober 2005,
- Saudische Frauenbewegung, 13. Juli 2005.
Heilige Einfalt in Ghom
Aus den Schlagzeilen wird die Islamische Republik Iran aktuell eher mit ihrem umstrittenen Atomprogramm in Verbindung gebracht als mit dem Bemühen um Demokratisierung und Menschenrechte.
So beginnt der Bericht einer wissenschaftlichen Mitarbeiterin an der Jur. Fak. der Universität Würzburg in der neuen Ausgabe der DAVO-Nachrichten1. Es geht um eine im Mai 2007 von der UN ausgerichtete Menschenrechtskonferenz im iranischen Ghom, die vierte in Folge.
“Bemühen um Demokratisierung und Menschenrechte” - dabei dürften in der Tat nicht viele an das Mullah-Regime denken, Iraner am allerwenigsten. Im Rückblick weiss die Würzburger Referentin allerdings von einer “herzlichen und offenen Atmosphäre” zu berichten und dass man gegenüber den anwesenden Klerikern Zweifel zerstreuen konnte, hier werde westlicher Kulturimperialismus betrieben. Aber nein!
Nachdem die Mullahs sich von den guten, d.h. affirmativen Absichten der deutschen Referentin überzeugt hatten, durfte diese einen Vortrag halten über “Religion und die Durchsetzung von Menschenrechten anhand des Anti-Bias-Ansatzes”:
Der Anti-Bias-Ansatz wird in Form von Seminaren vermittelt, in denen aufgezeigt wird, wie Vorurteile entstehen und wirken, indem sie im negativen Fall zu Diskriminierungen führen. In den Seminaren findet eine intensive erfahrungs- und prozessorientierte Auseinandersetzung mit Macht und Diskriminierung statt, wobei unterdrückende und diskriminierende Kommunikations- und Interaktionsformen “verlernt” werden sollen. Der Diskriminierungsschutz wird als Strukturprinzip der Menschenrechte angesehen, so dass sich diese Seminare zur Durchsetzung von Menschenrechten eignen, insbesondere auf gesellschaftlicher Ebene im pädagogischen Bereich.”
Mit weitreichenden Ergebnissen: Seit Ende der Konferenz sind reihenweise Menschen erhängt und misshandelt worden; Homosexualität und Ehebruch gelten immer noch als Kapitaldelikte, die mit der Todesstrafe geahndet werden; die Minderheit der Baha’is ist nach wie vor vollkommen entrechtet, sie dürfen weder ihre Religion ausüben, noch sich an der Universität einschreiben. Baha’i-Kinder erhalten keinen Schulunterricht und es ist bei Strafe verboten, einem Baha’i - und sei es privat - Schulunterricht zu erteilen. Steinigung wird bis heute von Staats wegen praktiziert, trotz offizieller Erklärung ihrer Abschaffung; Willkürliche Verhaftungen sind an der Tagesordnung.
Schade, das hat also nichts gebracht. Aber nicht den Mut verlieren, die nächste Menschenrechtskonferenz kommt bestimmt.
Und die Atmosphäre wird wieder ganz herzlich und offen sein.
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Siehe auch:
Zärtlichkeit der Völker, 21. Februar 2008.
- Deutsche Arbeitsgemeinschaft Vorderer Orient. Ausgabe 26/2007:73. [back]
Antizionismus als Form von Rassismus
Von Bradley Burston
Seit Jahrzehnten gibt es eine Vielzahl von Diskursen darüber, dass jene, die Israel kritisieren, weil sie ihr Land lieben und an dessen erhabenen, faszinierenden und gerechten Ideale glauben, dafür an den Pranger gestellt und von Rechten als Selbsthasser, Antisemiten und Zerstörer des Zionismus beschimpft werden.
Nun kann man auf eine neues Phänomen treffen – Beschimpfungen und Verneinung derselben Kritik an Israel, aber dieses Mal kommen die Attacken von Palästinensern, anderen Arabern und Muslimen und ihre Verbündeten der europäischen Ultra-Linken. Die Nachricht ist: Wir kümmern uns nicht, was ihr denkt, wir kümmern uns nicht, was euch dazu bringt euch zu sorgen und vor allem kümmern wir uns nicht darum, ob ihr so denkt, wie wir denken. Ihr seid Israelis, und das ist gut genug für uns – eigentlich schlecht genug für uns – und Grund genug euch zu boykottieren.
Wir haben dies in der mehrfachen Boykottobsession der britischen „Intelligenz“ beobachten können, die im Wesentlichen danach strebte, israelische Kollegen für nicht viel mehr als dafür zu bestrafen als die Sünde, Israeli zu sein. Es ist dem Boykottwahn völlig gleichgültig, ob nicht wenige ihrer Ziele vor Ort für die Aussöhnung im israelisch-palästinensischen Konflikt kämpfen. Es war ein weiter Weg seit der UN-Resolution 3379 – die 1975 angenommen wurde –, eine Deklaration, die festlegte, dass „Zionismus eine Form von Rassismus und rassischer Diskriminierung ist.“
Obwohl die Resolution 3379 formal tot ist, seit sie 1991 für ungültig erklärt wurde, leben einige ihrer Geister fort. Die offensichtlichste und meist verbreitete Form ist der Aufstieg von islamistischer Ideologie, die in ihrer radikalsten Ausformung das jüdisches Volk im heiligen Land – und sogar an Orten wie Buenos Aires – als eine krebsartige Präsenz und als bevorzugtes Ziel für ihre Angriffe sieht. In einer etwas subtileren Form lebt die Resolution in anderen Phänomenen fort, wie die Antwort auf eine Entscheidung der Organisatoren der Turiner Buchmesse, Israel zum Ehrengast zu erklären.
Nun gibt es Anti-Zionismus als Form von Rassismus.
Die New York Times berichtete, das eine lokale pro-palästinensische Gruppe das „Büro der Turiner Buchmesse bestürmte und die Einladung Israels rückgängig gemacht wird.” Es kümmert anscheinend niemanden, das die prominentesten Autoren der Messe, David Grossmann, Amos Oz und A.B. Yehoshua sind; Schriftsteller, die mit der Suche nach Frieden mit den Palästinensern in enge Verbindung gebracht werden, und ein Israel wollen, das sich stärker für Gleichheit, Demokratie und Menschenrechte einsetzt.
Das vielleicht Bemerkenswerteste an der „Buchmessen“-Kontroverse – und die direkteste Wahrnehmung des inhärenten Rassismus von Seiten der Boykott-Befürworter – war die Antwort der Gruppe von mehr als 30 italienischen Intellektuellen und Künstlern. In einem offenen Brief forderten sie Italiens Präsident Giorgio Napolitano der Eröffnung der Messe vorzustehen und sich gegen „jegliche Form von Diskriminierung und blinder Intoleranz gegenüber den Einwohnern und der Kultur Israels“ auszusprechen.
Wo ist die Grenze zwischen legitimer Kritik an der Politik Israels einerseits und rassistischem Anti-Zionismus andererseits? In der Tat gibt eine Grenze:
Es ist rassistisch, zu behaupten, alle Völker außer den Juden hätten ein Recht zur Selbstbestimmung in dem Land ihrer Vorfahren.
Es ist rassistisch, daran festzuhalten, dass die islamischen geschichtlichen und religiösen Ansprüche auf Jerusalem und das Heilige Land absolut sind und in die Antike zurückreichen, gleichzeitig aber die jüdischen historischen und religiösen Ansprüche zu negieren, Juden als Eindringlinge, Usurpatoren und Schwindler im Land ihrer Bibel zu bezeichnen, die auch für Muslime eine heilige Bezugsquelle ist.
Es ist rassistisch, Zionismus als ein Übel zu bezeichnen, vor dem alle anderen Übel in der Welt blass erscheinen.
Es ist rassistisch, Israel – und nur Israel – für seine Verfehlungen bei sozialer Gleichberechtigung, der Ressourcenverteilung, und bei der Suche nach Frieden in die Pflicht zu nehmen und gleichzeitig dabei zu schweigen und sich sogar Mühe zu geben, die gleichen Verfehlungen zu legitimieren, die jene Staaten begehen, auf deren Unterstützerseite man sich gerade befindet.
Israelis als Israelis zu boykottieren und zum Verstummen zu bringen ist eine Menschenrechtsverletzung und hilft zudem noch dabei, die Sache der Palästinenser zu untergraben. Feuer mit Feuer zu bekämpfen ist eine Taktik, die trotz ihrer Gefahren oft Erfolg hat. Rassismus mit Rassismus zu bekämpfen ist eine Taktik, die trotz ihrer Anziehungskraft auf Hitzköpfe das nicht tut.
(Haaretz, 21.02.08. Mit freundlicher Genehmigung der Botschaft des Staates Israel, Berlin.)
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Siehe auch:
- Tariq Ramadan hat ein Problem, 8. Februar 2008,
- Der Antisemitismus der linken Intelligenzija, 16. Dezember 2007.








