Nihil nisi vere
Für einen Eintrag über Benazir Bhutto fand ich keine Zeit; alles was zu sagen ist, mithin eine Korrektur verbreiteter Missverständnisse, findet sich im Nachruf von William Dalrymple.
Allianz zerbrochen
Die Allianz der religiösen Parteien in Pakistan ist zerbrochen, meldet “Dawn”. Bei den letzten Wahlen 2003 war die islamistische Jamaat-i islami ein Bündnis mit verschiedenen Parteien eingegangen, die von Gelehrten unterschieldicher Denkschulen getragen werden. Die bis dahin immer stark zersplitterten religiösen Kräfte schafften es auf diesem Wege zur drittstärksten Fraktion im Parlament aufzusteigen und in den beiden westlichen Provinzen die Landesregierung zu stellen. Doch nun konnten sie sich nicht einigen, ob sie wie die anderen Gegner Musharrafs an den Parlamentswahlen teilnehmen oder diese boykottieren sollten.
Glaube oder Nichtglaube
Mitte der neunziger Jahre äußerte der damals amtierende Botschafter aus Pakistan in Deutschland auf einer Veranstaltung, der Westen habe dem Islam nichts entgegen zu setzen. Werteverfall zersetze die westliche Gesellschaft. Diese Bemerkung hat sich bei mir im Kopf festgesetzt.
Gestern war ich auf der Podiumsdiskussion zum Auftakt der kritischen Islamkonferenz. Inhaltlich wurden die bekannten Standpunkte der Beteiligten ausgetauscht. In der Einladung hieß es, man würde auf dem Podium kontrovers diskutieren. Dass dies dann wirklich geschah, hatte ich nicht erwartet. Günter Wallraff vertrat häufig gegenteilige Standpunkte gegenüber den beiden Mitdiskutanten Mina Ahadi und Ralph Giordano.
Unabhängig davon, wessen Meinung man zustimmt, es war offensichtlich, dass Günter Wallraff sich erst seit Kurzem mit der Materie Islam beschäftigt. Dies gab er auch konkludent zu, indem er erklärte, er habe anlässlich der Diskussion um die Lesung der Satanischen Verse von Salman Rushdie von der DITIB einen Koran geschenkt bekommen und sei erschrocken gewesen, was er in dem Buch lesen musste.
Das Podium war besetzt mit drei Personen - neben dem Moderator Michael Schmidt-Salomon -, welche man unzweifelhaft der Linken zuordnen kann. Alle drei vereint ferner, dass sie nicht religiös sind und Religion auch ein Stück weit ablehnen. Die FDGO wollen sie gegen den Islam verteidigen. Zu fragen ist hierfür aber, was wir dem radikalen Islam entgegenhalten? Unsere Freiheit reicht nämlich scheinbar nicht aus. Die Gewährung von Menschenrechten ist nicht gewollt von radikalen Muslimen. Radikal gläubigen Menschen kann man nicht verbieten an das zu glauben, an was sie glauben. Man kann nur versuchen sie zu überzeugen, dass sie an das falsche glauben. Was ist aber das richtige?
Ich stimme mit allen dreien überein, dass es die FDGO sein muss, welche der einzelne gewahrt sehen möchte. Aber wie kann man das erreichen? Dies können wir nur erreichen, indem wir vehement für diese eintreten und damit zeigen, dass wir hinter dieser stehen und nicht willens sind, diese aufzugeben. Tun wir das nicht, sind wir nicht bereit für diese zu kämpfen, geben wir automatisch das Signal, dass sie uns nicht viel wert ist. Wie kann man aber verlangen, dass andere etwas wertschätzen, was man selbst nicht für verteidigenswert hält.
Ein Stück weit Terrain haben wir im Bereich der Meinungsfreiheit aufgegeben. Hier schaut die Mehrheit zu, wie Islamisten durch Drohungen versuchen, andere mundtot zu machen. Zu den Opfern dieser Vorgehensweise gehören alle drei, welche gestern auf dem Podium diskutierten. Im Kampf gegen den Islamismus ergeben sich Allianzen, deren einziges Bindeglied die Ablehnung des Islamofaschismus ist.
Wir haben Religionsfreiheit in diesem Lande. Nach meinem persönlichen Eindruck geht mit der Diskussion um den Islam einher, dass häufig die jeweilige eigene Weltanschaung angepriesen wird. Gläubige Christen sehen die Lösung gegen den radikalen Islam in ihrer Religion und Atheisten respektive Agnostiker wollen mit einem Abwasch gleich alle Religionen verdammen. Es erscheint mir, alle Gruppen radikalisieren sich ein Stück weit im Vergleich zu noch vor zehn Jahren. Das Thema Religion ist weit verbreiteter als es noch in den neunzigern war.
Wir müssen aufpassen, dass der ehemalige pakistanische Botschafter nicht Recht behält. Dies nicht, weil wir dem radikalen Islam nichts entgegen zu setzen hätten. Das nämlich haben wir, und zwar in Form der FDGO mit der Gewährung der Menschenrechte für einen jeden. Sondern deshalb, weil wir uns nicht einig sind, was die Werte des Westens ausmachen. Einer dieser Werte ist die Religionsfreiheit. Keine Religion darf damit als Gegenmittel zum Islam auserkoren werden, aber auch keiner Religion anzugehören darf daher nicht als Allheilmittel angepriesen werden. Beides bedeutet nämlich nichts anderes, als ebenfalls das zu betreiben, was die Islmofaschisten versuchen: andere ihrem Glauben unterzuordnen. Die Religionsfreiheit ist eines der Wesensmerkmale der FDGO. Dass jeder die Freiheit hat zu wählen ob er glaubt oder nicht, dass jeder eine Religion ausüben oder es bleiben lassn kann, das ist ein existentielles Menschenrecht.
Die Diskussion gestern war ein wichtiger Schritt. Zeigte sie doch auch, dass es nicht reicht, gegen etwas zu sein, solange keine Einigkeit darüber besteht, wofür man eintreten sollte. Dies muss die FDGO sein und nichts anderes. Das ist der gemeinsame Nenner gegen den radikalen Islam und der eigene Glaube oder Nichtglaube sollte bei diesen Diskussionen nicht das sein, was man durchsetzen möchte. Ich sehe der Weiterentwicklung der islamkritischen Konferenz mit Spannung entgegen. Bei der Auftaktveranstaltung vermisste ich Muslime. Es wäre wichtig, dass sich an dieser Konferenz alle Gruppen der Bevölkerung beteiligen. Geht es doch um die FDGO und nicht darum, einzelne Interessen durchzusetzen.
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Siehe auch:
- Einmal Muslim, immer Muslim, 29. November 2007,
- Reformislam, 29. Mai 2006.
Joschka Fischer und die Geschichte
Joschka Fischer vergleicht in der “Zeit” Pakistan mit dem Iran und liegt schwer daneben:
Heute wie damals war die fehlende Legitimation des Regimes dessen größte Schwäche; heute wie damals hat der Westen das Regime unterstützt, anstatt rechtzeitig auf eine demokratische Modernisierungsalternative zu setzen und zu ihrem Aufbau über die Jahre hinweg beizutragen; heute wie damals hatte er überhaupt kein Verständnis für die historische Kraft eines revolutionären Nationalismus in diesen Ländern, der sich zudem religiös aufgeladen hat; und heute wie damals wird der Westen und vor allem Amerika von einer wachsenden Mehrheit in diesen Ländern als die Kraft gesehen, die jene ins Wanken geratenen Regime mit mangelnder Legitimation an der Macht hält. Antiamerikanismus und der Hass auf den Westen wird dadurch zu einer weiteren Antriebsfeder eines revolutionären Nationalismus, und genau dies geschieht gegenwärtig ebenfalls in Pakistan. [gefunden bei Jörg Lau]
Abgesehen davon, dass es überhaupt kein Anzeichen dafür gibt, dass eine wachsende Mehrheit der iranischen Bevölkerung allen Ernstes auf die Idee kommen soll, Amerika für die Fortexistenz des Mullah-Regimes verantwortlich zu machen: Die sogenannte “demokratische Modernisierungsalternative” zu Zeiten des Schahs war eher eine ernüchternde Angelegenheit.
Einer der besten Kenner der zeitgenössischen iranischen Geistesgeschichte, der Historiker Ali Mirfetros, beschreibt das intellektuelle Klima dieser Zeit als Gefangenen zweier Fundamentalismen: Des islamischen und des marxistischen. Beiden gemeinsam ist das “Nicht-Denken” (nayandishidan), die Gegnerschaft zum Modernismus und zu den Errungenschaften der Monarchie, vor allem unter Mohammed Reza Shah. Wie vor einiger Zeit auf diesem Blog zu lesen war. Ganz ähnliches konstatiert die Menschenrechtsaktivistin Ladan Boroumand.
Die These, dass die amerikanische Aussenpolitik die innenpolitischen Zustände des Iran zu verantworten hat, hat Fischer offenbar bei dem zwölferschiitischen Marxisten Bahman Nirumand gefunden, der dergleichen schon seit vielen Jahren behauptet und immer noch an eine Reform des Regimes glaubt. Ausser ihm jedoch kaum jemand. Darum könnte Joschka jetzt, da er in Princeton weilt, vielleicht auch etwas leiser sein.
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Siehe auch:
- “Been There, Done That, Learned Nothing”, 9. Mai 2006.
Die Gesellschaft als Familie
… ein Gedanke, über den sich Statler zuletzt lustig gemacht hatte. Khalil Ahmad legt für “The News” dar, dass genau diese Auffassung den völligen Fehleinschätzungen wirtschaftlicher Verhältnisse in Pakistan zugrunde liegt:
If we analyse the notion of economic imperialism in this context, it seems that it is but a myth. Indeed, it is our own being that we need to analyse and evaluate first. It is strange that we want all the international financial institutions and rich countries to help us, as if it is our privileged right. Would we be lending money to anybody without interest and conditionalities? Isn’t it ourselves who need to be blamed squarely for misusing the foreign loans? In the following, I have tried to answer some of the main questions in this regard.
Die üblichen Verdächtigen
Die schlechte Nachricht zuerst: Wieder einmal sieht eine Mehrheit der Deutschen, wie auch der Franzosen, Briten, Italiener und Spanier, die USA als “grösste Bedrohung für die Stabilität der Welt”. Die gute Nachricht: Die Mehrheit ist in allen Fällen nur eine relative und gegenüber älteren Werten sogar deutlich gesunken. In den USA dagegen stehen mit jeweils 22% der Iran und Nordkorea an der Spitze der Umfragewerte.
Erfreulicherweise ist der Anteil derer, die Israel für die grösste Bedrohung halten, nirgendwo grösser als 0,5%; dasselbe gilt für Saudi-Arabien, das lediglich in den USA von gerade einmal 1% der Befragten für den Schurkenstaat Numero 1 gehalten wird. Einer anderen Umfrage zufolge sieht in den USA übrigens eine relative Mehrheit von 26% die grösste Gefahr für die eigene nationale Sicherheit in der Verbreitung von Nuklearmaterial und nuklearen Waffen. Dies dürfte die Skepsis gegenüber dem Iran erklären, wenngleich als Hauptaspirant Pakistan vermutet wird. Immerhin 83% der Amerikaner nehmen an, dass das iranische Nuklearprogramm vornehmlich militärischen Zwecken dient; zugleich glaubt eine deutliche absolute Mehrheit, dass die Mittel der Diplomatie noch nicht erschöpft sind.
Und was soll das Hauptziel amerikanischer Aussenpolitik sein? – Ein knappes Drittel der Amerikaner findet: “Winning the hearts and minds of the Muslim world.”
The campus has three mosques…
… with a fourth one planned, but no bookstore.
Der pakistanische Physiker Pervez Hoodbhoy über seine Arbeitsstätte, die Qaid-e Azam University in Islamabad. Seine Auffasung, dass die Misere der Wissenschaft in der islamischen Welt nicht allein mit Geld zu beheben ist, führt er in seiner Max von Laue Lecture aus.
Zum Schluss noch ein interesanter Blick in die Werkstatt:
Similarly, in the mass media of Muslim countries, discussions on “Islam and science” are common and welcomed only to the extent that belief in the status quo is reaffirmed rather than challenged. When the 2005 earthquake struck Pakistan, killing more than 90 000 people, no major scientist in the country publicly challenged the belief, freely propagated through the mass media, that the quake was God’s punishment for sinful behavior. Mullahs ridiculed the notion that science could provide an explanation; they incited their followers into smashing television sets, which had provoked Allah’s anger and hence the earthquake. As several class discussions showed, an overwhelming majority of my university’s science students accepted various divine-wrath explanations.
Morgen dann eine kritische Fortsetzung.







