Evin: Acht Menschen an einem Tag gehenkt

June 11, 2008 · Filed Under Iran, Menschenrechte · Comment 

Hier ist was für die Freunde des Dialogs, denen die Dämonisierung des Mullahregimes die Sorgenfalten auf die Stirn treibt: In diesem Jahr allein wurden 108 Menschen hingerichtet. Derweil kämpft die iranische Frauenbewegung um ihr Recht: Zehntausende Frauen gingen heute im ganzen Land auf die Strasse, um gegen die Praxis der “Erhöhung der öffentlichen Sicherheit” ihren Zorn zum Ausdruck zu bringen, da dieser nichts anderes als eine neue Stufe des jakobinischen Tugendterrors der Mullahs darstellt.

Und das Regime antwortet mit verschärften Repressalien. Zuvor schon sollen innerhalb von nur zwei Wochen 1098 Frauen wegen “schlechter Verschleierung” (bad-hejab) festgenommen worden sein. Aus demselben Grunde wurden acht Frauen von der Universität Schiraz relegiert.

Wie sagte doch Ahmadi-Nejad: “Der Liberalismus ist gescheitert.

Welch Geistes Kind?

May 12, 2008 · Filed Under Deutschland, Religion & Moderne · Comment 

Morgenpostkolumne 11. Mai 2008

Vor kurzem war ich in Polen. Ein Besuch bei der deutschen Minderheit in Oppeln/Opole. Das schöne Landschaftbild und die gepflegten Dörfer überdecken die ungeheuren Zumutungen der letzten 60 Jahre für ihre Bewohner. Die Muttersprache, die nicht mehr gesprochen werden durfte, die Unterdrückungsmechanismen der kommunistischen Diktatur, der Wegzug der mittleren Generation, die in Polen als Deutsche diffamiert wurden und in Deutschland als „Polacken“ nur als Arbeitskräfte willkommen waren - all das hat seine Spuren hinterlassen.

Aber wer nun denkt, er würde auf deprimierte hoffnungslose Menschen stoßen, der irrt. Es überwiegen die Freude an der schlesischen Heimat, die Wärme und Geborgenheit des Zusammenhalts - die trotz aller allzu menschlichen Konflikte überwiegt - und die Besinnung auf die eigenen Wurzeln. Wertigkeiten des Lebens nennt man das. Wenn eine Minderheit diese Stärken nicht selbst entwickelt hätte, damit sie in schwierigen Zeiten einen Halt hat, hätte sie auf Dauer nicht überlebt.

Mehrheiten vertrauen auf immer auf ihre Macht und Minderheiten auf ihre Stärken. Aber was ist auf Dauer eine Mehrheit und was ist auf Dauer eine Minderheit? Es gibt keine Sieger in der Geschichte! Momentan geht ein Gespenst um in Europa: das Gespenst der Demographie! Bei Vorträgen in Russland wurde es mir sehr deutlich. Die Mehrheit der Russen hat Angst davor in 20 Jahren im eigenen Land eine Minderheit zu sein. Denn die Kinder bekommen andere Volksgruppen und der Alkohol lässt die Lebenserwartung der Russen noch vor 60 Lebensjahren abkappen.

Was wird dann mit dem Väterchen Russland, fragen die Russen selbst ängstlich, wenn auf den alten Kirchen der Halbmond angebracht wird? Vielleicht eine etwas übertriebene Fragestellung, aber nur etwas! Die Kraft für die Gestaltung der Zukunft ist untrennbar mit der Besinnung auf tragende Werte und deren Prüfung auf zukünftige Lösungsmuster verbunden.

Aber ist das nicht ganz genau unser Fehler? Wir schaffen im Westen Bilder der Stärke, der Wichtigkeit, der Mächtigkeit, der zynischen Weltbetrachtung und halten eine Wertedebatte für überflüssig. Und so ist es kein Wunder, wenn viele das, was sie haben, mit dem verwechseln, was sie sind? Im angeblich christlichen Abendland stehen uns in der Gefahr einfachste menschliche Beziehungen zu materialisieren. Wir verwechseln Produktivität mit Identität. Freiwillig ‐ ohne dass staatlicher Druck dahinter steht.

Aber warum feiern wir dann eigentlich das Pfingstfest? Zumindest erinnert es uns daran, welch Geistes Kind wir sind. Schönes Pfingstwetter geht vorbei, aber unsere Probleme bleiben.

Oder?

Atlantischer Graben

Amerikaner, so American.com, sind nicht nur religiöser, sondern auch mit ihrem Leben zufriedener als Europäer. Ebenso sind 58% der Amerikaner der Meinung, dass individuelle, selbstbestimmte Freiheit wichtiger ist als staatliche Einmischung zu hehren Zwecken – während in Kontinentaleuropa letzteres favorisiert wird. Gibt es zwischen dem Hang zur Religion und dem zur Selbstbestimmung eine Verbindung?

Möglicherweise hat die Theorie vom Koopertationsvorteil diurch Religion etwas für sich. Zumindest könnte das dort gelten, wo Religion nicht staatlich verordnet wird. In den Worten von Jonathan Sacks:

The striking feature of religion, for Hayek, is its attitude of humility, even reverence, towards the great moral institutions without which our ‘extended order’ could not have developed. It guards against what he calls “the rationalist delusion that man, by exercising his intelligence, invented morals that gave him the power to achieve more than he could ever foresee”. (…)

It is a fascinating argument, and it places Hayek in a line of thinkers – such as Edmund Burke, Max Weber, and most recently Francis Fukuyama – who have reflected not only on the internal morality of markets (what we call nowadays ‘business ethics’) but on the wider question of what kind of society gives rise to and is able to sustain a market economy. The answer which each of them gave – an answer that has been given new salience by the rise of the economies of South East Asia – is that they tend to be societies with a strong respect for certain kinds of tradition.

Like Burke, Hayek combines liberalism in economics and politics with a marked conservatism in morality. Free institutions, they seem to say, are best preserved by a certain piety towards the past.


Siehe auch:

Ja zur Freiheit des Wortes – auch in Saudi-Arabien

Viel zu selten finden sie Gehör im Westen: die fortschrittlichen Kräfte des Nahen Ostens. Ausgerechnet in Saudi-Arabien, einem der abgeschottetsten Länder der Islamischen Welt, fordern fast hundert couragierte Intellektuelle in einem offenen Brief die Freiheit des Wortes – bedingungslos.

Der offene Brief ist die Antwort auf eine Fatwa von Abdarrahman al-Barrak, einem bekannten saudischen Kleriker, dessen Antimodernismus jegliche Vorstellungskraft sprengt. Barrak hatte zum Mord an den beiden Schriftstellern Abdallah bin Bijad al-Utaibi und Yusuf Abu al-Khail aufgerufen, nachdem ersterer einen Text mit dem Titel “Der Islam des Textes und der Islam des Konflikts”und letzterer einen ähnlich provokativen Text unter dem Titel “Das Andere in der Bilanz des Islam” veröffentlicht hatte.

Im folgenden dokumentieren wir den Text im Wortlaut (geringfügig gekürzt):

Das Denken gedeiht einzig und allein in einer Atmosphäre der Freiheit, die dem Denkenden die Möglichkeit bietet, offen das auszudrücken, was er sieht, ohne fürchten zu müssen, allein für die Äusserung seiner Gedanken bestraft zu werden und dass die Opposition gegen die Gedanken nur durch andere Gedanken geschieht, die diese widerlegen. Denn wer den Gedanken eines anderen Staatsbürgers für falsch hält, soll diesen öffentlich unter Gebrauch von Beweisen und Argumenten diskutieren, um dessen Fehlerhaftigkeit zu beweisen, wobei er das darlegt, was er für richtig hält, und nicht, indem er seinen Diskussionspartner verketzert und ihn für vogelfrei erklärt. Dies ist eine Angelegenheit, die weder der Verstand akzeptiert noch die religion gebietet, denn der zum Glauben gezwungene Mensch – wenn es das gibt – hat keinen Glauben, denn der Gläubige ist kein solcher, wenn der Glaube nicht in sein Herz geschrieben steht, seine Zunge ihn nicht artikuliert und seine Glieder ihn nicht wissen – keinen Zwang gibt es im Glauben. Den Menschen ist die Wahlfreiheit doch allein deshalb gegeben, damit ihr Glaube einer aus Überzeugung sei.

Die Androhung von Intellektuellen mit Verketzerung und was sich daraus an Aufstachelung zum Mord ergibt, behindert den geistigen, wissenschaftlichen und literarischen Erneuerungsprozess im Lande, während die Verketzerung durch Fatwas im Falle abweichender Gedanken und Meinungen ein wahrer Anschlag auf die Erneuerungsbewegung auf ihren wichtigsten Gebieten ist, womit sie gelähmt und im Keim erstickt wird.

Deswegen sagen wir klar und deutlich, dass wir die Fatwa zur Verketzerung der beiden Schriftsteller Abdallah bin Bijad al-Utaibi und Yusuf Abu al-Khail, die von Abdarrahman al-Barrak ausgestellt wurde, ablehnen, so, wie wir auch die Methoden der Konfrontation von Gedanken und Meinungen zurückweisen, zu denen wir klar sagen: Nein zur Verketzerung und Ja zur Redefreiheit. Wir fordern von der Gesellschaft, dass sie diese Methoden entschieden zurückweist, und von den staatlichen Stellen, dass sie entschlossen gegen diejenigen auftritt, die sich dieser Methoden im Interesse der Sicherheit und gesellschaftlichen Integrität bedienen. Dabei gehört es zur Wahrung der Bürgerrechte auf Meinungsfreiheit, die unterschiedlichen Meinungen und Ansichten gewährt wird, dass diese in vollständiger Transparenz dargelegt werden, (…) und nichts ist nach unserer Ansicht für den Islam an Meinung, die über ihn geäussert wird, zu fürchten, solange der Dialog über ihn anhält und die Kontroverse möglich bleibt, während um den Islam vielmehr von dem zu fürchten ist, der sein Verständnis von ihm als das der Religion ausgibt und sich selbst das Recht nimmt, denjenigen aus seinem Kreis zu entfernen, dessen Verketzerung er wünscht und den er mit dem Vorwurf der Apostasie vor Gericht bringen will, damit er umkehre oder getötet werde.

Diese furchteinflössenden Methoden, die unter dem Schirm der Bevormundung und der Deutungshoheit über die religiöse Wahrheit zu einer verschärften Aufstachelung zum willigen Blutvergiessen an Muslimen führt, droht schlimme Konsequenzen für die gesellschaftliche Sicherheit in unserem geschätzten Land zu haben, sodass wir dem Urheber dieser Fatwa den Frevel dessen aufbürden, was er an der Zufügung moralischer oder emotionaler Schändlichkeit den beiden Schriftstellern Abdallah bin Bijad al-Utaibi und Yusuf Abu al-Khail angedichtet hat, oder anderen, die mit einer ähnlichen Fatwa belegt wurden, so wie wir auch die offiziellen Stellen unterschiedlichster Ebenen auffordern, diesen Praktiken eine Grenze zu ziehen. Und Gott führt auf den richtigen Weg.
Saudi-Arabien, den 25.03.2008

Es folgen die Namen der 93 Unterzeichner. Und man kann nicht anders, als Respekt zu haben.

Persepolis im Zedernstaat

March 31, 2008 · Filed Under Kulturnotizen, Libanon, Menschen & Mächte · Comment 

Die Verfilmung von Marjan Satrapis Comic-Novelle Persepolis, in der die Autorin ihre Kindheit im Iran autobiographisch verarbeitet, darf im Libanon nicht aufgeführt werden. Die persischsprachige Webseite djar.eu will wissen, dass das Verbot auf Druck der Hisbollah, die bekanntlich am verlängerten Arm der Mullahs operiert, durchgesetzt wurde. Von seiten des libanesischen Kultusministeriums dagegen wird verlautbart, dass der Film weder antiiranisch noch antiislamisch sei, und ein Verbot rechtlich nur dann begründet werden könne, wenn ein Aufflammen konfessioneller Unruhen zu befürchten sei, ethische Wertvorstellungen tangiert, der Staat verunglimpft oder dem zionstischen Feind in die Hände gespielt werde. Die wahren Gründe für das Aufführverbot kennt auch der libanesische Kultusminister Tariq Matari nicht. Er selbst verurteilt die Zensur als unbegründet.

Eine regierungsnahe anoyme Quelle hingegen behauptet, dass das Verbot auf Geheiss des Generaldirektors für öffentliche Sicherheit, General Wafiq Jazini, ausgesprochen wurde, der der Hisbollah nahestehen soll. Dieser jedoch dementiert und behauptet, dass die Zensur keine Sache einer einzelnen Person sei. Demnach soll es Klagen verschiedener Religionsvertreter über den Film gegeben haben und vor allem in den Reihen der schiitischen Gemeinschaft war gewalttätiges Potential vermutet worden. Die “Sozialistische Fortschrittspartei” rief mittlerweile dazu auf, sich nicht jedem “Gesinnungsterror” zu beugen und forderte die sofortige Freigabe des Films.

Derweil klagt der libanesische Vertreiber des Films, Bassam Eid, dass die Zensur ihm das Geschäft kaputtmache. Tatsächlich könne man die Verbreitung des Films gar nicht verhindern: Er selbst habe im palästinensischen Flüchtlingslager Sabra Raubkopien des Films für zwei Dollar pro Stück erstanden.

نوروز بر همگان مبارك باد

March 22, 2008 · Filed Under Iran, Kulturnotizen · 1 Comment 

“Schenke mhaftsin_kreutz.pngir Gesundheit und Röte”: Gestern begann das iranische Neujahrsfest. Wo die Menschen den Brauch pflegen, zum Jahreswechsel Eier zu färben, kann es sich nur um Nouruz handeln, das in den Ländern den Nahen und Mittleren Ostens mit iranischer Völkerschaft - Iran, Afghanistan, Tadschikistan u.a. - begangen wird, wenn am ersten Tag des iranischen Sonnenjahres die Sonne in das Sternbild des Widders tritt (21. März, Frühlingsanfang). Das persische Wort “Nouruz” bedeutet wörtlich “Der neue Tag”.

Der Ursprung des Nouruz-Festes geht auf die mythenreiche vorislamische Zeit der indoarischen Bevölkerung zurück. Deshalb wird Nouruz auch als Nouruz-e bastani “das alte Nouruz”, Nouruz-e melli “der traditionelle Nouruz”, oder Nouruz-e djamschidi “Djamschids neuer Tag” bezeichnet. Djamschid gehört zu den legendären iranischen Königen der vorislamischen Zeit und soll der Überlieferung nach zu Nouruz gekrönt worden sein. Den vor- wie auch nachislamischen Quellen zufolge glaubte man früher, daß Gott an diesem Tage wahlweise die Sonne, die Welt, oder den ersten Menschen erschaffen habe. Die zoroastrischen Gläubigen überliefern, daß ihr Prophet Zarathustra am 6. Tag des Nouruz geboren sei.

Das Nouruz-Fest ist heutzutage weitgehend seiner alten religiösen Symbolik entkleidet und erfreut sich in den Gesellschaften des Mittleren Ostens als populäres Familienfest größter Beliebtheit. Gefeiert wird es ungeachtet der religiösen, sprachlichen und ethnischen Unterschiede und dauert zwei Wochen. Am Vorabend des Festes, am letzten Mittwoch des 12. Monats des iranischen Kalenders, wird Tscharschanbeh Suri “Der festliche Mittwoch“ begangen, wobei das altpersische Wort sur “rot” für Gesundheit und Wohlbefinden steht. Den Beginn des Festes verkündet der Amu-Nouruz, der “Onkel des Nouruz” (vergleichbar dem Weihnachtsmann im westlichen Kontext), oder Hajifiruz, der “Sieger (über den Winter)”, gehüllt in rote Kleider auf der Straße, und teilt singend und tanzend das baldige Eintreten des Nouruz mit.

Kurz vor dem Jahreswechsel versammeln sich dann die Familien am Haftsin-Tisch, der mit den sieben Symbolen geschmückt ist, deren Namen in Persischen mit einem “S” beginnen (daher Haftsin = “sieben S”) und die das Fest symbolisieren: sib “Apfel”, sekke “Münze”, somaq “Sumach” (ein Gewächs), sabzi “Grünzeug”, sonbol “Hyazinthe”, serke “Essig” und samanu, eine Mehlspeise aus Malz. Zwar steht der Anfangsbuchstabe in keiner besonderen Beziehung zum Fest; auf jeden Fall aber spiegeln sie eine agrarische Gesellschaft wieder. Aus diesem Grund stellen die Zoroastrier nur Naturprodukte auf ihrem Tisch, ungeachtet ihrer Anfangsbuchstaben. Die Zahl Sieben wiederum spielt bekanntermaßen in vielen Religionen eine Rolle und findet sich als heilige Zahl schon in den ältesten sumerischen, indoiranischen und semitischen Kulturen.

Neben den Haftsin befinden sich noch weitere Dinge auf dem Tisch: Ein Spiegel steht in der iranischen Tradition für Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit, ein Goldfisch in einem Glas soll das neue Jahr durch sein Schwimmverhalten ankündigen, und das heilige Buch der Familie unterstreicht die Bedeutung des Festes. Welches das heilige Buch ist, hängt freilich von der Religionszugehörigkeit ab; heutzutage wird gerne auch ein lyrisches oder episches Werk genommen. Den Höhepunkt, wie auch im Westen zum Jahreswechsel, bildet ein großes Feuerwerk, und in den Familien werden Eier gefärbt. Nach dem Jahreswechsel beglückwünschen sich die Familienangehörigen zum neuen Jahr und verzehren Süßigkeiten als Ausdruck der Hoffnung auf ein ebenso süßes Leben im neuen Jahr. Anschließend werden Geschenke verteilt. Das eigentliche Fest beginnt mit dem Frühjahrsputz. Um Wachstum und neues Leben zu symbolisieren, wird in jeder Familie Getreide auf einem Teller oder in einem Gefäß angepflanzt. Glückwunschkarten zum neuen Jahr werden an Verwandte und Freunde verschickt.

Lebendig und erfahrbar gemacht wird ein Fest jedoch erst durch öffentliche Zeremonien, die wiederum regional variieren. Eine zentrale Stellung im Nouruz nimmt das Entzünden des Feuers ein. Es ist einer der ältesten und schönsten Bräuche. Die Familienmitglieder versammeln sich um das Feuer und beweisen ihren Mut, indem sie nacheinander darüberspringen. Immer wieder wird die Formel gesprochen ”Nimm von mir die Blässe”, d.h. Krankheit, “und Ohnmacht und schenke mir Gesundheit und Röte”, d.h. die Farbe des Gesunden. Ebenfalls der Abwehr von Unheil dient “Das Brechen des Lehmkruges”: Von Hausdächern und anderen hochgelegenen Punkten stößt man Lehmkrüge hinunter, um Unheil und Mißgeschick abzuwenden, und verzehrt auch hier spezielle Süßigkeiten und Gebäck. Wer in persönlichen Schwierigkeiten steckt, macht einen Knoten in ein Handtuch oder ein Stück Stoff und stellt sich an den Straßenrand, um es von Passanten symbolisch als Errettung aus mißlicher Lage lösen zu lassen. Andere nehmen stattdessen ein Schloß, das sie sich von jemandem aufschließen lassen. Insbesondere junge Mädchen, die den Wunsch haben, im neuen Jahr zu heiraten, halten ein Vielzahl solcher Zeremonien ab.

Während der zwei Wochen des Festes werden gegenseitige Besuche abgestattet. Am letzten Tag des Fests, d.h. am 13. des Nouruz, bleiben die Familien traditionsgemäß nicht zu Hause, sondern verbringen den ganzen Tag in der freien Natur, um Unglück im Hause zu vermeiden. Daher wird dieser Tag Sizdah bedar “Am 13. außer Haus” genannt. Abgesehen davon, daß alle diese Aktivitäten von der Absicht zeugen, das alte Jahr festlich ausklingen und das kommende Jahr unter guten Vorzeichen beginnen zu lassen, haben solche Feste unmittelbar mit der historischen Entwicklung der Astronomie zu tun.

Nouruz als eines der wichtigsten traditionellen Feste im Nahen und Mittleren Osten ist trotz vieler historischer Umwälzungen immer am Leben gehalten worden. Auch in der islamischen Epoche - abgesehen von der Zeit der Umayyaden-Herrschaft (7.-8. Jhd.) - wurde Nouruz weiter gefeiert. Im Schiitentum versuchte der Klerus, dem Nouruz-Fest einen religiösen Aspekt zu verleihen. Es gibt Überlieferungen der schiitischen Imame, nach denen Gott die Menschen an diesem Tage erschaffen habe. Auch die Rückkehr des Propheten Muhammad von seiner letzten Pilgerfahrt nach Mekka (632), auf der dieser, der schiitischen Tradition zufolge, seinen Schwiegersohn Ali, den späteren ersten Imam der Schiiten, zu seinem Nachfolger ernannte, soll auf Nouruz gefallen sein.

Im Westen bekannt geworden ist das Fest erst im Zuge seiner politischen Umdeutung. Die Kurden in der Türkei durften Nouruz grundsätzlich nicht in der Öffentlichkeit feiern. Die offizielle Lesart versucht, die Festlichkeiten als “Frühlingsfest” zu marginalisieren. Der seit der islamischen Revolution 1979 im Iran bestehende religiöse Staat begegnet einigen Zeremonien des Nouruz-Festes, wie dem Feuerwerk am letzten Mittwoch des Jahres (Tscharschanbeh Suri) mit Mißtrauen und versuchte erfolglos, die Tradition abzuschaffen. Später tolerierte er sie halbherzig. Die junge Generation betrachtet die einzelnen Zeremonien als einen oppositionellen Akt gegen die Islamische Republik, weshalb es jedes Jahr zu Auseinandersetzungen mit den Sicherheitskräften kommt.

(Text identisch mit Eintrag vom 21. März 2007)

Nichts zu lachen

March 12, 2008 · Filed Under Arabische Welt, Saudi-Arabien, Welt des Islam, Zukunftsfragen · Comment 

Bekanntlich haben Frauen in Saudi-Arabien nicht viel zu lachen. Erst kürzlich hat eine saudische Zeitung festgestellt, dass das Land die weltweit niedrigste Einstellungsquote unter Frauen hat:

Five million Saudi women make up half of the adult population of citizens but only half a million of them are employed. At 5.5 percent, it is the world’s lowest rate of women’s representation in a country’s workforce, said Princess Adla, daughter of King Abdullah, Custodian of the Two Holy Mosques.

Der britische Historiker Bernard Lewis weist im Interview mit der Jerusalem Post auf die kulturellen Wurzeln hin, die in Europa zu einer anderen Entwicklung geführt haben:

As far as I know, Christianity is the only religion which totally prohibits polygamy and concubinage. Even Jewish law has been somewhat equivocal on both these subjects at different times and in different places. This has an effect. In Christendom, you have women playing a major role - like Queen Elizabeth of England, Queen Isabella of Spain, Queen Catherine of Russia, Maria Theresa of Austria - something which would have been inconceivable in other societies. It also makes a difference to what we know about rulers. For example, if you look at the history of the Western world, you see we have biographies of major figures. If you look at the Islamic world, on the other hand, although there are many major figures, you will see that there are very few book-length biographies.

Why is that?

Because women can’t appear in them. And a biography without mothers or wives or mistresses lacks all context. I mean, if you write the history of Louis XIV of France, the ladies in his life, starting with his mother, are very important. You have this to some extent in the very early Islamic period. We know, for example, something about the wives and mothers of the very earliest caliphs; they were free Arab ladies. But the later ones were slaves in the harem.

What effect has this had on Muslim countries?

It’s a great source of weakness. The mid-19th-century Turkish writer Namik Kemal, as far as I know, was the first to raise this point. By that time in history, the Muslims were becoming keenly aware that they were falling behind the previously despised West. (…) They came up with all sorts of answers and tried all kinds of military, economic and political reforms, none of which worked very well. Kemal said that the reason “we have fallen behind is the way we treat our women.” (…)

Für Namik Kemal, so Lewis, brachte die Unterdrückung der Frau eine Benachteilung der Männer mit sich. Diese nämlich würden in ihrer Kindheit von Müttern aufgezogen, die ein Mangel an Bildung und an Selbstbewusstsein auszeichne.

Freilich ist der Weg, den die Türkei gegangen ist, noch weit für ein Land wie Saudi-Arabien. Dort, wo Frauen noch nicht einmal Auto fahren dürfen, mutet es daher wie eine kleine Revolution an, wenn eine Frauenrechtlerin sich anlässlich des Weltfrauentags über die Gesetze erhebt und ihren Akt zivilen Ungehorsams auch noch ins Internet stellt:

Wajeha al-Huwaider hatte sich schon in der Vergangenheit bei den saudischen Behörden unbeliebt gemacht, für die sie mittlerweile als echte Gefahr gilt (hier gefunden).

Siehe auch:

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