Die Strassen von Teheran

March 16, 2008 · Filed Under Iran, Linke Schwärmereien · 1 Comment 
Wer Hass und Intoleranz überwinden will, sollte vor allem die eigene Ignoranz besiegen. Jeder hat ein Recht auf eigene Meinung, aber keiner auf eigene Fakten. Wer hindert uns daran, nach Syrien oder in den Iran zu reisen, um uns eine eigene Meinung über diese fremde, angeblich so gefährliche Welt zu bilden? Die Straßen von Damaskus und Teheran sind viel sicherer als die Straßen von New York oder Detroit. Nach einer UN-Statistik kamen in den USA im Jahr 2006 auf 100 000 Einwohner 5,9 Morde. Im Iran lag diese Quote bei 2,93 und in Syrien bei 1,4. Die meisten muslimischen Staaten sind sicherer als die USA, ja sogar sicherer als die Schweiz, die 2,94 Morde pro 100 000 Einwohner zu verzeichnen hat.

meint der Jürgen Todenhöfer in einer Zeitungsanzeige in der FAZ vom 15. März. Das ist eben das Gute an Diktaturen: Da sind selbst nachts die Strassen sicher. Zumindest wenn man nicht Dissident, Homosexueller oder Ehebrecher ist oder sonstwie unangenehm auffällt. Da der Autor jedoch zu keiner dieser Gruppen gehören dürfte, steht einer Reise in den Iran eigentlich nichts im Wege.

“Muslime sind so viel wert wie Juden und Christen” lautet die siebte These in Todenhöfers Dekalog. Leider sind im Mullahstaat die Baha’is nicht soviel Wert wie Muslime. Dieses Detail ist dem Propheten dann doch wohl entgangen: Im Iran sind es nicht die Strassen, die unsicher sind, sondern eher andere Orte, wie beispielsweise Sportstadien.


Siehe auch:

Von Israel aus betrachtet

October 19, 2007 · Filed Under Iran, Israel · 1 Comment 

Von Aluf Benn

Der Iran bewegt sich ungehindert auf die Atombombe zu - so die Lageanalyse der politischen und militärischen Führungsschicht in Israel. Der Versuch, ihm durch wirtschaftliche Sanktionen Einhalt zu gebieten, ist gescheitert, vor allem weil Russland, Deutschland und Italien sich weigern, ihre Geschäfte mit den Iranern einzustellen. Auf dem Tisch verbleiben demnach zwei Optionen: sich mit der atomaren Aufrüstung des Iran abzufinden oder sie mit Gewalt zu stoppen.

Die USA haben militärische Möglichkeiten, doch gibt es innerhalb der Regierung Opposition gegen eine Aktion im ran. Die Chancen eines amerikanischen Angriffs sind gering, die endgültige Entscheidung wird jedoch von Präsident George W. Bush getroffen. In Jerusalem tut man sich schwer mit der Beurteilung, was bei ihm überwiegt – die politischen und strategischen Bedenken gegen einen zusätzlichen Krieg im Nahen Osten (nach der Verwicklung im Irak) oder sein Glaube, dass es an ihm sei, die Welt vom Albtraum einer Atomwaffe in den Händen von Ali Chamenei und Mahmoud Ahmadinejad zu erlösen.

In den letzten Wochen hat in den USA eine lebhafte Debatte darüber stattgefunden, was man in Bezug auf den Iran tun sollte – Dialog, was die Akzeptanz des Atomprogramms bedeutet, oder Krieg. Amerikanische Strategen reden von der „kubanischen Raketenkrise in Zeitlupe“ und suchen einen dritten Weg, zwischen Angriff und Einverständnis. In Israel gibt es keine solche Debatte, abgesehen von einem kleinen Kreis von Sachverständigen und Interessierten. Scheinbar wartet Israel auf die Entscheidung von Bush, die im nächsten Jahr fällig ist, bevor es darüber nachdenkt, selbst den Iran anzugreifen.

Die öffentliche Diskussion in Amerika offenbart die unterschiedlichen Positionen der Entscheidungsträger in Jerusalem und in Washington. Von hier aus betrachtet, wirkt die iranische Bedrohung viel konkreter und furchteinflößender und die Antwort viel einfacher und präziser. Man nimmt an, dass der Iran, wie einst der Irak und Syrien, sich mit einer Reaktion schwer tun würde. Womöglich würde er einige Raketen nach Israel schicken - und zusätzlich noch einige über die Hisbollah aus dem Libanon – sowie einen Terroranschlag gegen ein israelisches Ziel im Ausland initiieren. Dies wäre schmerzhaft, aber erträglich und würde als zu rechtfertigender Preis für die Beseitigung einer existentiellen Bedrohung empfunden werden.

Auf amerikanisch klingt „Angriff gegen den Iran“ wie ein dritter Weltkrieg, so wie Bush am Mittwoch gewarnt hat: wochenlange Bombardierung der militärischen und zivilen Infrastruktur des Iran im Anschluss an Gesprächsversuche und ein offenes Ultimatum, dem die Blockade der Öllieferungen an den Westen und Terroranschläge mit Tausenden amerikanischer Opfer folgen würden, wenn nicht gar ein jahrelanger pan-islamischer Jihad gegen die USA. Selbstverständlich erscheinen die Destabilisierung der Weltordnung und die Zerstörung der westlichen Volkswirtschaften angesichts einiger Atombomben im Iran übertrieben.

Wenn Israelis vom „point of no return“ des iranischen Atomprogramms sprechen, meinen sie das „Überschreiten der technologischen Schwelle“, d.h. den Moment, in dem iranische Ingenieure und Wissenschaftler das Know-how zum Bau von Atomwaffen beherrschen und auch darauf zurückgreifen können, wenn die bestehenden Anlagen zerstört bzw. aufgrund diplomatischer Vereinbarungen geschlossen würden. Die rote Linie der Amerikaner liegt an einem ferneren Zeitpunkt, wenn der Iran über eine einsatzbereite Bombe verfügt.

Die Unterschiede in den Positionen sind verständlich. Der Einwohner Chicagos oder Miamis kann in Ruhe mit der iranischen Bombe leben, so wie er unter der sowjetischen Bedrohung gelebt hat. Der Einwohner Tel Avivs, den der iranische Präsident nach Alaska oder Kanada zu vertreiben droht, muss da sehr viel besorgter sein.

„Die Welt“ ist sich dieser Unterschiede bewusst, und ihre Verweigerung von Sanktionen und ernsthafter Organisierung gegen den Iran drängt Israel still und leise zur Entscheidung des Angriffs. Das internationale Schweigen, mit dem die Aktion in Syrien bedacht worden ist, könnte als Ermunterung der israelischen Machtdemonstration aufgefasst werden. Der Austausch von Drohungen zwischen Israel und dem Iran ist von der internationalen Gemeinschaft - jedenfalls bis zur letzten Rede Bushs - gleichgültig aufgenommen worden, wenn man es mit den fortgeschrittenen Anstrengungen in der palästinensischen Frage vergleicht. Womöglich hat der amerikanische Experte, der die Geschehnisse seit Jahren verfolgt, ja Recht, wenn er sagt: „Ihr habt eineinhalb Millionen Palästinenser, die morgen nach Tel Aviv marschieren können und regt euch über Atomwaffen im Iran auf?“

Doch von Israel aus betrachtet, sieht es anders aus: In den Augen der Entscheidungsträger werden wir mit den Palästinenser irgendwie zurechtkommen. Die iranische Bedrohung jedoch wird als unerträglich empfunden. Wer anders denkt, spricht dies nicht offen aus, zumindest nicht, bis klar ist, ob es wirklich einen Weg gibt, die Iraner zu stoppen – oder es schon zu spät ist.

(Ha’aretz, 19.10.07, veröffentlich mit Genehmigung der Botschaft des Staates Israel, Berlin.)

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Siehe auch:
Israel enttäuscht über internationale Iran-Politik, 19.Oktober 2007.

Die Irrelevanz des israelisch-palästinensischen Konflikts

October 15, 2007 · Filed Under Naher Osten · 1 Comment 

Die Zentralität des israelisch-palästinensischen Konflikts – ein Mythos

Eines der am weitesten verbreiteten Mißverständnisse in Bezug auf den Nahen Osten besteht darin, dass der arabisch-israelische Konflikt den Knackpunkt aller Probleme der Region darstellt bzw. dass alle anderen Konflikte mit ihm zu tun haben.

Das schiere Ausmaß an Medienaufmerksamkeit untermauert diesen Eindruck. Laut Angaben des Center for Media and Public Affairs, das jährlich die Tausende von Beiträgen in den Abendnachrichten von ABC, NBC und CBS untersucht, ist der arabisch-israelische Konflikt das einzige außenpolitische Thema, das seit 1990 durchgehend unter den zehn Topthemen in den USA rangiert.

Auch Politiker aus aller Welt – selbst solche, die guten Willens sind – tragen zu jener Annahme bei. So hat bspw. UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon jüngst gegenüber der südkoreanischen Zeitung Hankyoreh verkündet: „Wenn sich die Dinge im Konfllikt zwischen Israel und Palästina gut entwickeln, werden auch andere Probleme im Nahen Osten, einschließlich Libanon, Iran, Irak und Syrien, bald gelöst sein.“

I. Die Irrelevanz von Israel für die meisten Konflikte in der Region

Hier einige Beispiele, die zeigen, wie irrelevant der israelisch-palästinensische Konflikt für die meisten anderen Konflikte in der Region ist und wieviel höher deren Opferrate liegt:

  • Das Gemetzel zwischen Sunniten und Schiiten im Irak hat nichts mit Israel zu tun. Allein 2006 starben im Irak dabei 34.000 Menschen.
  • Im iranisch-irakischen Krieg (1980-1988) wurden über eine Million Menschen getötet. Auch dieser Krieg hatte nichts mit Israel zu tun.
  • Im libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990) starben schätzungweise 130.000-150.000 Menschen.
  • Bei dem jordanisch-palästinensischen Gewaltausbruch im September 1970 (‚Schwarzer September’) wurden binnen eines Monats 10.000 Menschen getötet.
  • Im Februar ermordeten die Syrer in al-Hama mindestens 20.000 Landsleute.
  • Während des algerischen Bürgerkriegs (1992-2001) wurden schätzungsweise 75.000-125.000 Menschen getötet.
  • Im Zuge der „Anfal“-Operation wurden 1988 im Irak 50.000-100.000 Kurden unter Einsatz von chemischen Waffen ermordet. 1991 wurden im Anschluss an den ersten Golfkrieg weitere 30.000-50.000 Schiiten und Kurden von Saddam Hussein ermordet.
  • Während des 20 Jahre andauernden Bürgerkriegs im Sudan (1983-2002) wurden etwa eine Million Menschen getötet.
  • Im jemenitischen Bürgerkrieg starben während der 60er Jahre zwischen 100.000 und 150.000 Menschen. Ägypten setzte während des Krieges chemische Waffen ein.
  • In den Kämpfen zwischen Marokko und der Polisario-Front um die Westsahara wurden zwischen 1975 und 1985 etwa 10.000 Menschen getötet.

II. Die relative Schwere des israelisch-palästinensischen Konflikts

Anders als verbreitete Behauptungen vom „israelischen Völkermord an den Palästinensern“ vermuten lassen, wurden in den sechseinhalb Jahren seit Ausbruch der ‚al-Aqsa-Intifada’ im September 2000 etwa 4000 Palästinenser und 1100 Israelis getötet. Diese Zahlen – wenn auch an sich bedeutend – sind niedrig im Vergleich zu den meisten anderen Konflikten, die in den vergangenen Jahrzehnten stattgefunden haben:

  • Allein am ersten Tag des jüngsten Einmarsches Äthiopiens nach Somalia starben 500 Menschen.
  • Im Laufe der vergangenen vier Jahre haben die arabischen Muslime „Janjaweed“ in Darfur 200.000 schwarze Muslime ermordet, davon 50 000 allein in den ersten sechs Monaten. 2 Millionen wurden verschleppt.
  • Im zweiten Tschetschenienkrieg (1999-2003) wurden 90.000-160.000 Menschen getötet.
  • Im Bügerkrieg im Kongo starben schätzungsweise 3,4 bis 4,4 Millionen Menschen.
  • In Ruanda wurden 1994 innerhalb von nur drei Monaten 800.000 Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 7 Millionen) ermordet.
  • Die Serben töteten innerhalb von drei Jahren 200.000 bosnische Muslime (bei einer Gesamtbevölkerung von 2 Millionen).
  • In Kambodscha wurden zwischen 1975 und 1979 zwei Millionen Menschen von den Roten Khmer ermordet.

III. Der israelisch-palästinensische Konflikt hat die Probleme der Region nicht hervorgebracht

Die zentralen politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Probleme des Nahen Ostens haben nichts mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt zu tun.

  • 1999 betrug die Analphabetenrate im Nahen Osten 25% bei Männern und 47% bei Frauen. In Rumänien lag die Rate im Vergleich dazu nur bei 1% bzw. 3%, in Peru bei 6% bzw. 15%. Dabei ist die Alphabetisierungsrate unter den Palästinensern mit 90% höher als in jedem anderen Land des Nahen Ostens mit Ausnahme Jordaniens. Auf der anderen Seite haben die schlechten Alphabetisierungsraten in Ländern wie dem Jemen (49%), Marokko (50%), Saudi-Arabien und den VAE (77%) nichts mit der palästinensischen Frage zu tun.
  • Zwischen 1965 und 2000 wuchsen die Volkswirtschaften des Nahen Ostens nur um durchschnittlich 3.0% pro Jahr. Dies ist nach Afrika südlich der Sahara die weltweit niedrigste Wachstumsrate einer Region. Stellt man das – weltweit höchste - jährliche Bevölkerungswachstum von 2,8% in Rechnung, bedeutet dies ein jährliches Wachstum von nur 0,1% pro Kopf.
  • Wie aus den UN Arab Human Development Reports hervorgeht, ist eines der Hauptprobleme, die die Region am Fortschritt hindern, die beispiellose Geschlechterdiskrepanz. Abgesehen von der großen Kluft bei den Alphabetisierungsraten existieren ähnliche Unterschiede bei anderen Schlüsselindikatoren wie dem Einkommen. In beinahe jedem arabischen Land verdienen Männern dreimal so viel wie Frauen. So verdienten im Jahr 2002 in Algerien Frauen durchschnittlich 2.700$ und Männer 8.800$. In Bahrain waren es 8.000$ gegenüber 23.500$, in Oman 4.000$ gegenüber 18.2000$ und in Syrien 1.500$ gegenüber 5.500$.

Die Hauptursachen für die Probleme des Nahen Ostens beginnen bei der schlechten Regierungsform in der gesamten Region. Abgesehen von Israel ist jedes Land eine autoritäre Diktatur mit wenig Verantwortlichkeit und keinerlei Norm für „gutes Regieren“.

Außerdem liegt die Region im Brennpunkt der wachsenden Auseinandersetzung zwischen Gemäßigten und Extremisten, wobei der israelisch-palästinensische Konflikt nur ein Schlachtfeld darstellt. Jene Konfrontation umfasst sowohl die Achse Iran-Syrien-Hisbollah-Hamas als auch den globalen Gotteskrieg im Sinne al-Qaidas.

Die genannten Tatsachen sind neben anderen für die sozialen, ökonomischen, politischen und religiösen Spannnungen in vielen Staaten des Nahen Ostens verantwortlich. Zahlreiche politische Führer und Regierungen der Region haben diese Spannungen nach außen gelenkt, oftmals gegen Israel und die westliche Welt.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist somit nicht der Kern der regionalen Instabilität, sondern ein Symptom eben dieser. Ihr Ursprung ist sehr viel komplexer, als es auf den ersten Blick erscheinen mag.

(Quelle: Außenministerium des Staates Israel, Oktober 2007. Mit Genehmigung der Botschaft des Staates Israel, Berlin. Link zum Originalbeitrag.)


Siehe auch:
Eine Frage der Mentalität, 20. Dezember 2006.

Das baschkirische Modell

August 10, 2007 · Filed Under Religion & Moderne, Welt des Islam, Zentralasien · Comment 

Baschkortostan, auch Baschkirien genannt, gehört zum Föderationskreis Wolga und liegt westlich vom Uralgebirge im östlichen Teil des europäischen Russlands. Baschkortostan ist ca. dreimal so groß wie die Schweiz und die größte muslimische Teilrepublik Russlands.

Der Name leitet sich von den Baschkiren ab, einem Turkvolk. Die drei größten Bevölkerungsgruppen der ca. 4,1 Millionen Einwohner sind nach Volkszählungen slawische Russen, Baschkiren und Tataren. Die sekundären Angaben über die genauen Prozentsätze weichen voneinander ab. Bei den slawischen Russen reichen die Zahlen von 26 % bis 36 %, bei den Baschkiren liegen sie übereinstimmend um die 30 % und der Anteil der Tataren wird angegeben zwischen 24%-26%. Von den weiteren Bevölkerungsgruppen sei hier nur die Gruppe der Ukrainer genannt. Die Baschkiren und Tataren gehören mehrheitlich dem sunnitischen Islam an. Daneben befinden sich in Baschkortostan orthodoxe und evangelische Christen.

In Russland leben rund 20 Millionen Muslime, die Hälfte von ihnen in den Wolgarepubliken. Auch in Baschkortostan haben viele ihre religiösen Wurzeln wieder entdeckt, doch praktizieren sie eine sehr offene, tolerante Form des Islams und fühlen sich dabei als Russen. Das baschkirische Modell ist allerdings unter Zentralisierungsdruck geraten.

so beginnt ein lesenswerter Artikel von Peter A. Fischer in der NZZ. Er sagt in dem Artikel weiter,

dass hier unterschiedliche Ethnien und religiöse Gruppen modellhaft friedlich zusammenleben. Die turksprachigen Baschkiren und Tataren, welche mehrheitlich dem Islam angehören, leben in der Region Seite an Seite mit orthodox-christlichen Russen seit Jahrhunderten weitgehend konfliktfrei.

Die baschkirische Hauptstadt Ufa verstehe sich als Zentrum eines aufgeklärten Islams in Russland. Das würde vom Staat und von den religiösen Oberhäuptern aktiv gefördert. Der Mufti Nurmuhammed Hasrat Nigumatullin zitierte gegenüber Fischer,

immer wieder auf Arabisch Aussagen des Propheten. Die Sprache und den Islam hat er in der usbekischen Stadt Buchara und in Syrien studiert. Doch von fundamentalistischem Sendungsbewusstsein hält er nichts. Der Koran lehre, dass Allah uns die Welt als Geschenk gegeben habe, zu dem man gemeinsam Sorge tragen müsse. Statt einander zu bekämpfen und die Welt zu zerstören, müsse man voneinander lernen. Der Islam ermahne immer wieder dazu, bescheiden zu sein. Allah habe unterschiedliche Ethnien mit unterschiedlichen Sprachen und Anschauungen geschaffen, weil erst die Vielfalt das Leben interessant mache. Er habe bewusst einen sehr speziellen afrikanischen Kaktus als seinen «Weihnachtsbaum» im Büro, sagt der Mufti lächelnd.

In dem Artikel heißt es weiter, dass sich Nigumatullin gegen das Vorurteil wehre, der Islam sei eine Ideologie der Vergangenheit. Im Gegenteil, der Islam fordere dazu auf, sich zu bilden und dauernd nach weiterer Erkenntnis zu streben. Missverständnisse entstünden nach Nigumatullin häufig daraus, dass jemand die arabische Sprache lerne und dann den Koran Buchstabe für Buchstabe lese, ohne ihn zu verstehen. Das sei falsch und gefährlich. Eine besondere, reformierte Form des Islams wolle der Mufti allerdings nicht lehren. Es gebe nur einen Islam, bloß die Wege zu ihm seien verschieden.

Der Rektor, der ersten islamischen Universität in Ufa, Rinat Hasrat Rajew erklärte gegenüber Fischer, es sei

… die sufistisch-sunnitische Interpretation des Islams, welche in den inzwischen wieder mehr als 700 Moscheen Baschkortostans gelehrt werde. Diese aufgeklärte Schule wisse, dass der Mensch kein Recht habe, anderen seinen Glauben aufzuzwingen. Glaubenskriege entstünden, wenn der Islam missbraucht werde. Die Baschkiren hätten einst den islamischen Glauben freiwillig angenommen. Als Hirtenvolk seien sie schon immer dem Fanatismus abgeneigt gewesen. Im Islam, der hier gelebt werde, seien die Werte wichtig, nicht die Details. Es sei den Gläubigen bewusst, dass Christen und Muslime den gleichen Gott verehrten, alle Brüder seien und mit Adam und Eva dieselben Eltern hätten.

Die deutsche Integrationspolitik kann sich Baschkortostan nur sehr bedingt zum Vorbild nehmen. Die Ausgangssituationen sind dafür zu unterschiedlich. In der kommunistischen Sowjetunion spielten die Religionen und die unterschiedliche Volksgruppenzugehörigkeit keine nennenswerte Rolle. Die Religiosität in Baschkortostan entwickelt sich erst wieder, so dass die Wurzel der Identität des einzelnen nicht die Religion oder die Volksgruppenzugehörigkeit sind. Dies ist in Deutschland bei den Gruppierungen, welche Integrationsprobleme bereiten, eben das Gegenteil.


Siehe auch:
Lob für ein gescheitertes Modell, 7. Juli 2006.

Ehrenmorde und koloniales Erbe in Syrien

August 1, 2007 · Filed Under Syrien, Zukunftsfragen · 1 Comment 

Mehr als 300 Ehrenmorde soll es Jahr für Jahr in Syrien geben. Vor einem halben Jahr haben wir auf diesem Blog davon berichtet, wie syrische Intellektuelle dagegen anzugehen versuchen. Wie auch in der Türkei handelt es sich dabei vor allem um ein dörfliches Phänomen.

Und auch in Syrien werden derlei Morde nach dem Muster verübt, dass die Familie ihre jüngeren Söhne für das Verbrechen verantwortlich macht (oder auch durchführen lässt), weil Minderjährige vom Staat nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Ein derzeit in Untersuchungshaft sitzender Fünfzehnjähriger, der seine Schwester hingerichtet haben soll, wird wohl demnächst freikommen, wie “Alarabiya.net” berichtet (Ar.).

Im syrischen Strafgesetzbuch sind es vor allem zwei Paragraphen, die Ehrenmorde staatlich tolerieren: Der Paragraph 548 schützt die Ehre der Familie eines Mannes, während Paragraph 192 allgemein von Ehre spricht, obwohl sexuelle Zusammenhänge gar nicht benannt werden. Das noch aus der französischen Mandatszeit stammende Gesetz diente wohl der Prävention zwischenreligiöser Provokationen und wird heute vor allem zur Tolerierung von Ehrenmorden angewandt. Leider zeigt der syrische Staatsapparat nur wenig Neigung, die Paragraphen abzuschaffen oder das Problem überhaupt zur Sprache zu bringen.

Wie in den dörflichen Gemeinschaften, so fehlt auch hier ganz einfach der Wille, mit einer schlechten Tradition zu brechen. Der syrische Mufti jedenfalls, Scheich Ahmad Hassoun, unterstützt die Gegnerschaft zu den Ehrenmorden.


Siehe auch:
Urbanisierung und Fortschritt, 11. Juli 2007,
Ehrenmorde in dörflichen Gemeinschaften Syriens, 15. Januar 2007.

“Israel muss sich zurückziehen”

July 23, 2007 · Filed Under Israel · Comment 

Klare Worte fand Ministerpräsident Olmert:

Israel muss sich laut Ministerpräsident Olmert im Rahmen des Nahost-Friedensprozesses aus vielen Gebieten des besetzten Westjordanlands zurückziehen. Wer glaube, Israel könne alle Gebiete behalten, lebe nicht in der Wirklichkeit, sagte Olmert am Samstag. Das neue palästinensische Kabinett sei eine repräsentative Regierung, mit der Israel verhandeln könne. Am Wochenende sprach sich Olmert auch für direkte Verhandlungen mit Syrien aus. Er lehnte damit einen Vorschlag des syrischen Präsidenten Asad ab, Gespräche über einen Vermittler zu führen.

Und das ist noch nicht alles. Die NZZ berichtet in dem Artikel ferner,

In den dritten Klassen der arabischen Schulen Israels darf ab sofort im Unterricht das Schulbuch «Zusammenleben in Israel» verwendet werden, das neben der offiziellen israelischen Version des Krieges von 1948 die Geschehnisse auch aus einer arabischen Perspektive beleuchtet.

Die arabische Sicht spricht hierbei von der Nakba, welche Katastrophe bedeutet,

in deren Verlauf die Araber aus ihren Heimen vertrieben und zu Flüchtlingen geworden seien, nachdem der neugegründete Staat Israel ihre Besitztümer konfisziert habe.

Erwähnt werde in dem neuen Schulbuch (na, immerhin), dass die Palästinenser diejenigen waren, welche den UN-Teilungsplänen nicht zustimmten.

Da werden sich die Hamas und andere aber freuen, wenn sie nun sogar von staatlicher israelischer Seite Unterstützung für die Propaganda bei Kindern gegen den Staat Israel erhalten. Zumal die Hamas die Koexistenz nicht auf ihrer Agenda hat.


Siehe auch:
“Gaza ist erst der Anfang”, 3. Juli 2006,
“Wir werden das Blut der Juden trinken”, 16. Februar 2006,
Hamas träumt von Andalusien, 8. Februar 2006.

Gotteskomplex

July 17, 2007 · Filed Under Extremismus · 7 Comments 

Der türkische Arzt Mehmet Reşit war für die Deportation von tausenden Armeniern, der deutsche Arzt Josef Mengele für Euthanasie und Massenmord an mehr als 40.000 Menschen verantwortlich. Es waren Ärzte der kaiserlichen japanischen Armee, die grausame medizinische Experimente an Kriegsgefangenen durchführten und ebenso finden sich Ärzte unter den autokratischen Diktatoren verschiedener Ländern nach 1945: Papa Doc auf Haiti, Hastings Banda in Malawi, Felix Houphouet-Boigny in der Elfenbeinküste und Baschar al-Assad in Syrien. Der Psychiater Radovan Karadzic war federführend beim Massenmord in Bosnien Anfang der neunziger Jahrer, und auch manche Terrorgruppe wird oder wurde von Ärzten angeführt: Die Volksfront für die Befreiung Palästinas vom Kinderarzt George Habash, die al-Qaida durch ihren Vize Ayman az-Zawahiri, die Hamas durch ihren Mitbegründer Abdul Aziz Rantisi, und zuguterletzt waren die vereitelten Anschläge von London das Werk von praktizierenden Ärzten.

Warum sind immer wieder Ärzte unter den skrupellosesten, politisch motivierten Massenmördern zu finden? Der australische Arzt Robert Kaplan, Autor von “Clinicide: the Story of Medical Murder”, hat dazu eine These parat:

The British psychiatrist Humphrey Osmond described the three facets of the medical role as sapiential, authoritarian and charismatic. All doctors have these three factors to a varying degree in their personality; when any factor is overarching, then problems occur.1

Medicine attracts a certain kind of personality, one lured by the power of life over death. Many clinicidal doctors have extremely narcissistic personalities, a grandiose view of their capability and an inability to accept they could be criticised or need help from other doctors. Such doctors develop a God-complex, getting a thrill out of ending suffering and by determining when a person dies. Two such doctors would be Harold Shipman in Britain and Michael Swango in the US, who between them killed 313 patients.

Ein kulturübergreifendes Phänomen: Der Arzt nicht als Heilkundiger, sondern als Herrscher über Leben und Tod.


  1. Die Theorie erinnert mich an die Elementelehre des Aristoteles, nach der die vier Elemente der sublunaren Welt (Luft, Feuer, Erde, Wasser) ihre Repräsentation im menschlichen Körper als Blut, gelbe Galle, schwarze Galle und Schleim finden, und aus deren angenommenem Mischungsverhältnis seit Galen Rückschlüsse auf Krankheitsursachen gezogen wurden (κρᾶσις/Säftelehre). Das Optimum, so postulierte man in christlicher Zeit, sei allein in Jesus Christus verkörpert. [back]

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